Marta Kostyuk

Mail aus Melbourne: Marta Kostyuk – Neues Wunderkind oder Eintagsfliege?

Marta Kostyuk ist die jüngste Spielerin seit Mirjana Lucic im Jahr 1997 (Wimbledon), die in die dritte Runde eines Grand Slams eingezogen ist. Die 15-Jährige gehört ob des durchaus vorhandenen Glamour-Potentials zu den gefragtesten Personen im Turnier. Sieht Melbourne in diesen Tagen 2018 ein neues Wunderkind?

Keine ganz 60 Minuten nach ihrem Zweitrundensieg über die australische Qualifikantin Olivia Rogowska betrat Marta Kostyuk den Pressekonferenzraum eins im Medienzentrum der Australian Open und stoppte kurzzeitig, als sie die dutzenden neuen Journalistengesichter sah. „Oh mein Gott, das macht mir Angst“, sagte sie und schob ein verschmitztes Lächeln hinterher.

Gleich mehrere Journalisten versuchten daraufhin, mit aufmunternden Worten der blutjungen Ukrainerin eine kleine Brücke zu bauen. Wie sich in den folgenden zehn Minuten Frage-Antwort-Spiel zeigen sollte, völlig grundlos. Die Tage von Melbourne könnten sowohl spielerisch als auch marketingtechnisch die Geburt eines neuen Wunderkinds sein.

Auf den Spuren von Martina Hingis

Die 15-Jährige antwortete nach kurzer Zeit mit einer erstaunlichen Gelassenheit, einer überdurchschnittlichen Portion Charisma und einer warmherzigen Art. Damit knüpfte die Rechtshänderin am Mikrofon nahtlos an ihre herausragende Leistung auf den Hartplätzen hier in Melbourne an. Inklusive Qualifikation hat die Schülerin nun fünf Spiele in Folge gewonnen.

Dabei war das Zweitrundenmatch in der großen Margret-Court-Arena das schwächste, wenn das nicht schon zu kritisch anmutet gegenüber einer 15-Jährigen, Match hier in Australien. 6:3, 7:5 hieß es nach einem Auf und Ab vor allem im zweiten Satz gegen eine nicht ganz konkurrenzfähige Grand Slam-Spielerin. Doch die Ausgangslage hatte sich die Osteuropäerin mit einem grandiosen Lauf Down Under erarbeitet.

Der Großteil der Medienlandschaft hatte sie seit ihrem Auftakterfolg in Hauptfeld gegen die immerhin an 25 gesetzte etablierte Chinesin Shuai Peng auf dem Radar. Da hatte sie als 521. der aktuellen Damen-Weltrangliste jedoch schon drei Qualifikationsmatches gewonnen und an Martina Hingis erinnert. Die gerade von ihrer dritten Karriere als Doppelspezialistin zurückgetretene Miss Swiss war anno 1996 die letzte Spielerin, die jünger in das Hauptfeld des ersten Grand Slams des Jahres gestartet war. Die ehemalige Weltranglistenerste erreichte damals sensationell das Viertelffinale.

Kostyuk korrigiert Aussage

Bis dahin ist es für Kostyuk noch ein langer Weg (in Runde drei wartet ausgerechnet ihre Landsfrau Elina Svitolina). Nach dem 6:2, 6:2-Auftakterfolg gab sie WTA Insider ein erstaunliches Interview: Sie habe Tennis noch nie gemocht. Sie habe es quasi nur Tag und Nacht gespielt und trainiert, damit sie ihrer Mutter nahe sein könne – das war die Grundaussage.

Beim Lesen machten sich erste Bauchschmerzen bemerkbar. Das letzte, was die WTA-Tour benötigt, ist eine weitere hochgezüchtete junge Dame, die aufgrund der Erziehungsberechtigten eine Hass-Liebe zum Tennis verbindet.

Doch wer heute Teil der Pressekonferenz sein durfte, konnte Entwarnung geben. Die junge Frau wirkt aufgeräumt und korrigierte den Kern der Aussage: „Ich habe eigentlich gesagt, dass ich es teilweise nicht genießen konnte. Ich liebe Tennis generell schon immer und das ist gerade umso mehr der Fall.“

Diese Phasen hätten nichts mit ihrer Mutter zu tun gehabt, korrigierte sie. Stattdessen gab sie heute detailliert Auskunft: „Seit ich ganz klein gewesen bin, wollte ich in allem, was ich tue, unbedingt gewinnen, nicht nur im Tennis. Wenn ich verloren habe, war es eine Tragödie mit allem Drum und Dran. Ich wollte nicht mehr spielen.“

Prominenter Manager an der Seite

Das sei lange so gegangen.  In der letzten Zeit könne sie das Tennis mehr genießen. Und das zum Großteil, so klang es am heutigen Mittwoch, weil sie im ständigen Austausch mit ihrer Mutter steht. Talina Beiko ist selbst ehemalige Profispielerin, 1994 war sie mal kurzzeitig unter den besten 400 der Damenwelt.

Vielmehr ist sie der Grund, warum es in der noch jungen Karriere von Kostyuk so blendend läuft. Sie begleitet ihre Tochter nicht nur hier in Melbourne, einen Manager hat sie ebenfalls schon, einen prominenten noch dazu: Ivan Ljubicic, der ehemalige Weltklassespieler und Trainer von Roger Federer, kümmert sich um diese Belange. Er berichtete seinem Schützling, dass sich Federer immer öfter nach ihr erkundige. Für normale 15-Jährige wäre das vermutlich eine Riesensache. Kostyuk findet das auch selbst sehr gut, wie sie erklärte; gab aber auch zu, eigentlich mal auf Novak Djokovic gestanden zu haben.

Der Kroate Ljubicic hat seit geraumer Zeit ein Auge auf das Talent geworfen, das exakt vor einem Jahr die Junioren-Konkurrenz bei den Australian Open gewann. Dank des Titels bekam sie von den Verantwortlichen eine Wildcard. Ihre Leistung in den vergangenen fünf Spielen bringt ihr nun ein Preisgeld in Höhe von 113.000 US-Dollar ein. Bisher stehen in den WTA-Statistiken knapp 6.000 zu Buche.

„Ich weiß zumindest schon ein bisschen, in was ich ein bisschen investiere“, berichtete sie mit einem Augenzwinkern. Es werde aber kein großes Investment, schob sie hinterher. Ohnehin vermittelte sie das Gefühl, dass da noch nicht viel Raum zum Abheben bleibt. Auf die Frage, ob sie schon Glückwünsche von ihren Schulfreunden entgegennehmen durfte, sagte sie kleinlaut: „Nun, ich habe das Handy beim Essen ausgepackt, aber Mum hat mir gesagt, ich solle endlich das Handy weglegen und in Ruhe essen. Aber ich war eh ziemlich hungrig“. Die Lacher hatte sie damit auf ihrer Seite.

Showdown der Ukrainerinnen

Glückwünsche habe es allerdings zu genüge gegeben. Dabei geht sie gar nicht mehr zur Schule. „Ich werde zu Hause während der Reisen unterrichtet und muss in der Ukraine dann die Tests schreiben.“ Das geschehe aber lediglich noch zweimal im Jahr.

Die Karriere scheint vorgezeichnet, weltranglistentechnisch geht es einige 100 Plätze nach oben. Ihr spielerisches Geheimrezept? „Viele Leute sagen, dass ich über viel Talent verfüge. Das weiß ich auch, aber das alleine wird mir nicht helfen. Ich denke aber, dass ich von mir behaupten kann, schon jetzt sehr hart zu arbeiten.“

Der nächste Gegner ist die stärkste Landsfrau, Svitolina, hier an vier gesetzt. Die Weltklassespielerin, die sich in der Vergangenheit auch schon mal über fehlende mediale Beachtung beklagte, freute sich heute mit dem Teenager. Das Duell wolle sie aber nicht zu hochhängen.

An Glamourfaktor schadet es eigentlich beiden nicht. Marta Kostyuk hatte heute aber fünfmal so viele Journalisten um sich versammelt als die Nummer vier der Welt. Schwer vorzustellen, dass das Duell am Freitag ähnlich ausgeht. Marta Kostyuk sollten sich Tennisfans unabhängig vom Matchausgang dennoch notieren.