Alexander Zverev

Mail aus Melbourne: Und plötzlich gingen bei Zverev die Lichter aus

Die Drittrundenniederlage bei den Australian Open gegen Hyeon Chung ist die nächste frühe Niederlage auf Grand Slam-Ebene für Alexander Zverev.  Aus einem ungewöhnlichen Grund hatte die deutsche Nummer eins für Außenstehende ab Satz vier nur mit sich selbst zu kämpfen. Auf der Pressekonferenz erklärt er: „Die Grand Slams sind mir noch zu wichtig.“

„Nein, null, gar nicht“, entgegnete Alexander Zverev der ersten Frage im deutschen Teil seiner Pressekonferenz. Hatten die anhaltenden Diskussionen mit dem Schiedsrichter über die Lichtverhältnisse und der daraus resultierenden Bitte, die Flutlichter einzuschalten, die Nummer vier der Welt im Spiel gegen Hyeon Chung aus der Fassung gebracht?

Der Unterlegene hatte eine glasklare Meinung zu den Vorfällen Ende des siegreichen dritten und dann im vierten Satz, die laut eigener Aussage ganze sechs Spiele lang andauerten – kein Einfluss. In der Presserunde war es auch egal, dass der auf dieser Ebene noch relativ unerfahrene Schiedsrichter Ignacio Farcadell aus Spanien die Anweisung an die Organisatoren für die Inbetriebnahme der Lichter erst nach rund 15 Minuten Diskussion weitergab.

Da war es aber offensichtlich schon um all das, was Zverevs Spiel an diesem Tag ausgemacht hatte, geschehen. Zumindest nach außen hin wirkte es so, als hätte der Davis Cup-Spieler seinen Fokus, seine Konzentration und vor allem seine Schlagsicherheit aus diesem einen Grund verloren.

Knapp 40 Minuten später war Zverev nicht mehr länger Teil der diesjährigen Australian Open. 7:5, 6:7, 6:2, 3:6, 0:6. Die Zahlen der letzten beiden Sätze alleine verraten, dass zum Schluss dieser Partie etwas ganz gehörig schiefgelaufen sein musste. Zverev aber wollte, zumindest nach außen hin, nicht nur einen einzigen Prozentpunkt der Niederlage auf diesen Vorfall schieben.

Vier Sätze auf hohem Niveau

„Wir haben hier fast vier komplette Sätze auf hohem Niveau Grand Slam-Tennis gezeigt“, sagte der fünffache Turniersieger aus dem Jahr 2017 über das gerade Geschehene stattdessen. Selbst Mitte des vierten Durchgangs sei es spielerisch noch ordentlich gewesen. „Ich war bei seinen Aufschlagspielen dran.“ Doch in diesen Minuten rannte Zverev seinem ersten Aufschlagverlust im gesamten Match hinterher. Zuvor hatte der jüngste Spieler in den Top Ten über weite Strecken dominiert.

In Satz eins reichte ein Break in der Verlängerung des Satzes, um in Führung zu gehen. Es war quasi ein Break mit Ansage. Vor allem mit der so druckvollen beidhändigen Rückhand wollte es Zverev nun wissen und setzte den Koreaner mit einer herausragenden Länge unter Druck – vor allem beim Return. Sechs von acht Punkten gewann er über den zweiten Aufschlag des Koreaners, wenn der Return in diesem Satz kam. Laute englischsprachige Anfeuerungspunkte nach jedem Punktgewinn mündeten in einen noch lauteren Schrei der Zufriedenheit.

Selbst als der gleiche Versuch einen Satz später aufgrund eines fast fehlerfrei aufspielenden Chung misslang, war die Körpersprache des Wahlmonegassen vorbildlich. Den Tiebreak hatte er nicht verloren. Chung hatte ihn sich redlich verdient. Die Aufschlagquote beim Ersten (81 Prozent) half dem Asiaten, sein Spiel auf die Nächste Stufe anzuheben.

Aber wie so oft pushte sich Zverev weiter nach vorne und der Mailandsieger verlor im Vergleich zum herausragenden Tiebreak etwas an Klasse.  Chung gewann nur noch knapp die Hälfte der Punkte beim ersten Aufschlag. Einen Durchgang zuvor waren das bei satten 86 Prozent der Fall. So breakte Zverev den Next-Gen-Star gleich zweimal. Kein leichtes unterfangen in diesen Tagen, war der Asiate in den zwei Matches zuvor überhaupt erst einmal einem Aufschlagverlust hinterhergerannt.

Zverev lobt Chung

Zverev war in diesen Minuten Herr der Rod-Laver-Arena ein Achtelfinale gegen Novak Djokovic rückte näher – ja bis die Wolken kamen und es dunkler wurde. Aus subjektiver Sicht des Weltklassespielers zu dunkel.

„Diese äußeren Einflüsse gehören zu unserem Spiel dazu“, antwortete Chung ein paar Minuten nach Zverev gewohnt diplomatisch, gab aber auch an: „Ja, es wurde langsam dunkler, von daher war es richtig von Alexander, das anzusprechen.“

Zverev dagegen verteilte fast flüsternd ein großes Lob nach Asien: „Wenn er so spielt, dann ist er herausragend gut. Ich möchte keine Rankingzahlen nennen, aber für ihn ist einiges möglich.“ Gleichzeitig betonte der zweifache Masterssieger, dass ihm die Aufstiege von anderen jungen Spielern „vor allem im Moment herzlich egal sind. Das hilft mir weder, noch hindert es mich an irgendetwas.“

Der 20-Jährige, das wurde deutlich, muss und will diese Misere bei den vier großen Turnieren mit sich selbst ausmachen. Der Saal während der Pressekonferenz war da die eindeutig falsche Umgebung. „Es ist nicht ganz so einfach, mit den Erwartungen umzugehen. Ich bin immer erst noch 20. Wie viele Spieler haben in diesem Alter ein Grand Slam gewonnen? Viele sehen mich bei den Slams doch schon regelmäßig im Halbfinale.“

„Mir sind die Grand Slams noch zu wichtig”

Dabei seien die Journalisten die einzigen, die über seine Ziele und Vorgaben bei Grand Slams philosophieren. „Ich tue das nicht. Solche Niederlagen sind mir jetzt bei Slams ja schon häufiger passiert“, berichtete er sachlich. Nach den bitteren Momenten bei den French Open, in Wimbledon und den US Open müsse er zu der Erkenntnis gelangen, dass „mir die Grand Slams im Moment noch zu wichtig sind“.

Er habe im Best-of-3-Modus in den vergangenen Jahren eine sehr gute Bilanz, dazu zwei Mastersturniere gewonnen. Aber auf der ganz großen Bühne gehen bereits vor den Hauptaufführungen, den großen Matches in der zweiten Woche, regelmäßig ein paar Dinge zu viel schief. In Spielen, die über einen dritten Durchgang hinausgehen, hat Zverev eine 6:12-Bilanz vorzuweisen. „Ich muss jetzt ein paar Gründe, für das, was heute geschehen ist, erst mal mit mir selbst ausmachen.“

Den nach so einer taffen Niederlage unangenehmen Part eines Profis erledigte er dennoch professionell: „Viel Zeit nachzudenken, hatte ich noch nicht. Ich war bei der Dopingkontrolle, dann duschen und dann bin ich zu euch gekommen“, führte er aus. Dann aber ergänzte er. Mit seinem Vater habe er schon sprechen können, ganz kurz. „Er sagt, dass ich nicht so schnell 0:3 zurückliegen darf im vierten Durchgang.“ Also doch wegen den Diskussionen? „Nein, da ging es ums Spielerische, wie ich hätte bestimmte Schläge besser machen können. Das hat schon ein bisschen geholfen – und Roger habe ich zufälligerweise in der Umkleide getroffen.“

Bei der Erwähnung von Roger Federer huschte Zverev gar ein kurzes Lächeln übers Gesicht. „Wir haben kurz über das Spiel geredet. Das hat mir noch mehr geholfen!“ Den Inhalt des Gesprächs mit dem 19-fachen Grand Slam-Sieger wollte die deutsche Hoffnung allerdings für sich behalten.

Beim Davis Cup dabei

Wie es nun weitergehe? „Ich werde trotzdem Davis Cup spielen, falls sie darauf hinauswollen“, entgegnete er einer der letzten Fragen. Er freue sich auf die Partie gegen Australien. „Wir hoffen aber alle im Team noch, dass Mischa fit wird“, berichtete Zverev. Sein Bruder liege mit 40 Grad Fieber im Bett.

Nicht lange nach Alexander Zverev nahm eine überglückliche Angelique Kerber an gleicher Ort und Stelle Platz. Die zweifache Grand Slam-Siegerin hatte Maria Sharapova 6:1, 6:3 abgefertigt. Auf Zverev angesprochen fühlte sie mit ihm: „Er ist sicher von allen am meisten enttäuscht. Ich habe ja beim Hopman Cup eine ganze Woche mit ihm verbringe dürfen. Er spielt so gut. Das Jahr wird trotz dieser Niederlage wieder sehr gut werden für ihn.“

Kerber selbst hat einige Jahre Anlauf benötigt, bis es auf ganz großer Bühne geklappt hat. So lange wird Zverev nicht warten wollen. Um die Wartezeit zu verkürzen, muss er aus Tagen wie heute die richtigen Schlüsse ziehen. Klingt einfacher als es das in diesem wunderbar komplizierten Spiel ist.

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  1. Richard Schönborn

    A. Zverev ist sicherlich motorisch gesehen ein Naturtalent und schon ein sehr guter Spieler hoffentlich mit großer Zukunft, die ich ihm wünsche. Er darf sich aber bei Niederlagen nicht auf sein Alter ausreden. Sicherlich darf er verlieren aber sein persönlicher Ehrgeiz, Kampfgeist und Selbstdisziplin müssen zu jeder Minute des Tages dominieren. Einen Satz mi 0:6 wegwerfen und dies mit seinem jungen Alter entschuldigen passt einfach nicht. So etwas hätte z. B. ein Laver, Rosewal, Connors, Borg, Nadal, Federer oder Djokovic und viele andere Stars nie getan.
    Das ist keine negative Kritik, sondern auf Grund meiner mehr als siebzigjährigen Tätigkeit im Spitzentennis ein Erfahrungswert über den er vielleicht nachdenken sollte.

    Viel Erfolg auch weiterhin, ich werde ihm die Daumen drücken.


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