inside-17

Mail aus Melbourne: Wer wird die neue Nummer eins?

Ich gebe es zu: Seit gestern bin ich etwas verunsichert. Vor ein paar Tagen schrieb ich an dieser Stelle voller innerer Überzeugung meine zehn Gründe auf, weshalb Novak Djokovic am Sonntag zum zehnten Mal die Australian Open gewinnt.

Doch nun überlege ich mir schon leicht verschämt zehn Ausreden, weshalb er sie dann eventuell doch nicht gewinnt. Zwar hat Djokovic im kompletten Turnierverlauf nur einen Satz abgegeben. Trotzdem: Der Mann wirkt negativ gestresst. Ganz anders als sein Widersacher Stefanos Tsitsipas, der scheint positiv angespannt. Das ist ein Unterschied.

Djokovic plagt sich seit Turnierbeginn mit einem maladen Oberschenkel ­– was ihm nicht jeder glaubt. Aber seine Bewegungen zeigen, dass er nicht beschwerdefrei ist.

Viele Dinge, die Djokovic plagen

Djokovic plagt sich mit schlecht erzogenen Zuschauern, die ihn beschimpfen. Djokovic plagt sich mit seinem bestenfalls gedankenlosen Vater, der sich mit ein Gruppierung filmen ließ, die verbotene russische Symbole provokant zur Schau stellte. Beim Halbfinale gegen Tommy Paul war Djokovic Senior deshalb nicht in der Rod-Laver-Arena. „Ich hoffe, er ist im Endspiel wieder dabei“, sagt Djokovic und schiebt nach, dass „mein Vater von diesen Menschen ausgenutzt worden ist“. Djokovic plagt sich wegen all diesen ungewollten Ablenkungen auch mit der eigenen Dünnhäutigkeit.

All diese Dinge lenken vom Wesentlichen ab: Tennis-Matches zu gewinnen. „Natürlich will ich Rekorde brechen und weiter Geschichte schreiben“, räumt Djokovic ein. Das werde „in meinem Alter“ zwar immer schwieriger, sei aber der Antrieb des 35-Jährigen.

Wie sehr ihn sein Wille trägt, das zeigte sich im bisher ersten und letzten großen Finale zwischen Djokovic und Stefanos Tsitsipas. Da gewann Djokovic 2021 bei den French Open trotz 0:2-Satzrückstand noch den Titel in Paris. Ein Triumph der Einstellung.

„Stefanos ist eine der interessantesten Persönlichkeiten auf der Tour. Auch dadurch, was ihn abseits vom Tennis interessiert – und optisch durch seinen Haarschnitt“, lobt Djokovic lächelnd.

Wer wird die neue Nummer eins?

Aber ist die wilde Tsitsipas-Mähne überhaupt ein Haarschnitt?

Klar ist so oder so, dass das Finale für Djokovic eine sehr haarige Angelegenheit wird. Denn Tsitsipas hat in seinem Spiel an Stabilität zugelegt: 69 Asse hat er hier in Melbourne gespielt. 67 Prozent der ersten Aufschläge kamen an. 78 Prozent davon mündeten in Punkten. Bei zwei dieser Kernzahlen ist Djokovic schwächer: 59 Asse, 64 Prozent erste Aufschläge im Ziel. Aber er gewann mit 79 Prozent der ersten Aufschläge minimal mehr als Tsitsipas.

Der Sieger von Melbourne wird die neue Nummer eins der Weltrangliste. Ein Grieche hat das bisher noch nie geschafft. Ein Grieche hat auch noch nie einen Grand Slam-Titel gewonnen. Djokovic würde seinen Rekord als Nummer eins ausbauen: auf 374 Wochen!

Tsitsipas freut sich „dass Maria Sakkari und ich unser kleines Land Griechenland so auf der Tennis-Weltkarte präsentieren können“. Das eint die Kontrahenten: Für beide ist Nationalstolz ein großer Antrieb. Derlei kann die Stimmung auf den Rängen vergiften. Djokovic erwartet, dass das nicht so ist: „Hoffentlich kommen alle, weil sie Tennis sehen wollen. Griechenland und Serbien kommen historisch gut miteinander aus.“

Sätze wie diese zeigen, dass Sport in diesen Zeiten immer auch eine gesellschaftliche, politische Bedeutung hat. Ob man will oder nicht. Bei einem Sieg wäre Tsitsipas (24) übrigens der jüngsten Melbourne-Sieger seit 2011. Damals hatte Djokovic mit 23 Jahren den Titel gegen Andy Murray geholt.

Interessanterweise sind Djokovic (11:0) und Tsitsipas (10:0) in diesem Jahr noch unbesiegt. Das sagt sicher mehr über die zu erwartende Ausgeglichenheit des Finales aus als die 10:2-Siegesbilanz von Djokovic über Tsitsipas. Die vergangenen neun Partien hat Djokovic allesamt gewonnen, fünf davon auf Hartplatz.

Tsitsipas angekommen in der Spitze

Die Tsitsipas-Erfolge aus 2019 (Shanghai) und 2018 (Toronto) gab es aber auch auf Hartplatz. „Ich habe schon als Kind darauf gehofft und darauf hingearbeitet, dass ich so große Spiele spielen darf“, sagt Tsitsipas. Er fühlt sich angekommen in der Spitze. Sein Selbstvertrauen ist in den vergangenen Monaten erheblich angewachsen, sogar noch mehr als seine Haare.

Erheblich anwachsen wird auch der Kontostand bei der beiden Kontrahenten: Der Sieger erhält 2,975 Millionen australische Dollar – umgerechnet 1,94 Millionen Euro. Der Verlierer tröstet sich mit 1,625 Millionen australischen Dollar – umgerechnet 1,062 Millionen Euro.

Auch das reicht: für einen ordentlichen Haarschnitt einerseits, für reichlich Oberschenkel-Bandagen andererseits.