Angelique Kerber, Jens Gerlach

Mail aus Stuttgart: Wunderfinder sind gefragt

Das deutsche Fed Cup-Team liegt im Halbfinale gegen Tschechien nach dem ersten Tag mit 0:2 zurück. Julia Görges und Angelique Kerber verloren in der Porsche-Arena in Stuttgart ihre Einzel. Der Glaube an ein Wunder ist gegen stark aufspielende Tschechinnen gedämpft. Auch die Statistik verspricht nichts Gutes.

„Wunder gibt es immer wieder. Heute oder morgen können sie geschehen.“ Das sang die deutsche Schlagersängerin Katja Ebstein 1970 beim Eurovision Song Contest. Ein außergewöhnliches Ereignis, das Staunen erregt und das aller Erfahrung widerspricht. Das ist die Definition eines Wunders. Und genau solch ein Wunder braucht das deutsche Fed Cup-Team am morgigen Sonntag, wenn es den Einzug ins Finale schaffen will und am 10./11. November (es wäre ein Heimspiel) um den dritten Titel spielen möchte. Der Glaube daran ist nach den beiden „Quickies“ (komplette Spielzeit: 2:23 Stunden) am Samstag allerdings nicht allzu groß, auch wenn Kapitän Jens Gerlach Optimismus versprüht. „Die Tschechinnen haben extrem gut gespielt heute. Ich bin stolz auf beide Mädels. Ich weiß, dass beide alles gegeben haben. Wir müssen nun aufstehen, Krone richten und weitermachen. Wenn wir morgen die eins auf der Tafel stehen haben, schauen wir weiter.“

Seit dem Jahr 1995 wird der Fed Cup im Best-of-five-Format ausgetragen. Keiner deutschen Mannschaft gelang es bislang, eine Partie nach einem 0:2-Rückstand am ersten Tag noch in einen 3:2-Sieg zu drehen. Gegen die schlagstarken Tschechinnen mit ihrer überragenden Siegermentalität im Fed Cup scheint dies ein hoffnungsloses Unterfangen zu werden. Am Sonntag muss zunächst Julia Görges im Duell der aktuellen Nummer-eins-Spielerinnen gegen ihre ehemalige Doppelpartnerin Karolina Pliskova bestehen. Das Head-to-head spricht mit 2:0 für die Tschechin. Allerdings: Es ist die erste Begegnung auf Sand. Im Anschluss gibt es das Duell zwischen Angelique Kerber und Petra Kvitova (Bilanz 5:5). Und selbst wenn Görges und Kerber ihre beiden Einzel siegreich gestalten sollten, muss auch noch das Doppel gewonnen werden. Und auch hier liegt der Vorteil bei den Tschechinnen, die wahrscheinlich mit Pliskova und Barbora Strycova zwei Spielerinnen aufbieten würden, die es gewohnt sind, im fünften Match zu bestehen. Die beiden gewannen zusammen alle drei Doppel und siegten 2015 und 2016 auswärts im Finale. Die Aussichten für ein deutsches Wunder in der Porsche-Arena: alles andere als rosig.

So lief der Samstag im Fed Cup-Halbfinale zwischen Deutschland und Tschechien

Julia Görges gegen Petra Kvitova 3:6, 2:6

Es war zunächst ein Start nach Maß für das deutsche Team. Boris Becker gesellte sich in die deutsche Box zu Barbara Rittner. Auf dem Platz ging Görges mit 3:1 in Führung. Und dann? Ja dann gab es nur noch Einbahnstraßentennis. Immer wieder schlug es bei der Deutschen ein. Kvitova feuerte aus allen Ohren: beim Aufschlag, beim Return, von der Grundlinie. Die Tschechin hat bereits fünfmal den Fed Cup gewonnen. Doch sie spielte so, als ginge es um ihren Premierentitel. „Meine Gegnerin hat verdammt gut gespielt. Sie hat mir keine Zeit gegeben, um mein Spiel auf Sand aufzuziehen. Ich war immer in Bedrängnis, immer am Laufen“, fasste Görges das letztendlich einseitige Match zusammen. Kvitova setzte ihre starke Serie gegen deutsche Spielerinnen im Fed Cup fort. Die Tschechin steht nun bei 6:1. Nur Anna-Lena Grönefeld konnte „Miss Fed Cup“ bezwingen. Und damals stand die knapp 20-Jährige erst am Anfang ihrer Karriere.

Angelique Kerber gegen Karolina Pliskova 5:7, 3:6

Fünf der letzten sechs Duelle konnte Kerber gegen Pliskova gewinnen. Gute Voraussetzungen also für den Ausgleich zum 1:1. Warum Kerber trotz einer ordentlichen Leistung das Match verlor? Pliskova servierte überragend und ließ nicht eine einzige Breakchance zu. „Im Großen und Ganzen war es ein gutes Match von mir. Sie hat in den wichtigen Momenten stark aufgeschlagen. Das war der Schlüssel zum Sieg“, bilanzierte die deutsche Nummer zwei. Der Matchball war ein Spiegelbild der Partie. Kerber war bereits beim Return in Bedrängnis und konnte sich aus dieser Situation nicht befreien. Pliskova spielte ihren Stiefel cool herunter und brachte ihr Team auf dem Weg zum sechsten Fed Cup-Titel in acht Jahren ein weiteres Stück näher. Ob Kerber überhaupt noch ihr zweites Einzel bestreiten kann, liegt nun zunächst an Görges und wie groß der Glaube an ein Wunder tatsächlich ist.