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Nach Wimbledon-Absage: Fliegt der Ball 2020 noch auf der Tour?

Wimbledon findet nicht statt und ab dem 13. Juli 2020 soll es erst wieder Profiturniere geben – das planen ATP- und WTA-Tour zumindest vorläufig. tM-Redakteur Tim Böseler hat daran seine Zweifel. 

Anfang März stand ich im Schnee am Rande eines Bergs im Salzburger Land – also weit genug von Ischgl entfernt – und schaute meinen Söhnen und anderen kleinen Kindern dabei zu, wie sie sich halsbrecherisch einen Skihang hinunterstürzten. Zwei Tage zuvor war das Großevent in Indian Wells abgesagt worden – das Coronavirus hatte die USA erreicht. Ich fragte mich immer noch, ob diese Maßnahme tatsächlich verhältnismäßig gewesen war. Dann erreichte mich die Nachricht eines befreundeten Journalisten, der sich vor allem mit Wissenschafts-Themen befasst, aber wie ich gerne Tennis schaut und spielt. Er fragte mich: „Glaubst du, dass das Turnier in Hamburg im Sommer stattfinden wird?“

Ich war völlig perplex und textete sofort zurück: „Junge, das sind noch über vier Monate, bleib mal auf’m Teppich!“ Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten: „Ich habe kein gutes Gefühl. Dieses Coronavirus wird alles lahm legen, weltweit.“ Ich starrte auf mein Handydisplay und hatte plötzlich einen dicken Kloß im Hals.

Erste Wimbledon-Absage seit dem 2. Weltkrieg

Jetzt, Anfang April, erscheint nichts mehr unverhältnismäßig oder unvorstellbar. Die Corona-Pandemie hat das öffentliche Leben in etlichen Ländern zum Stillstand gebracht, Tennishallen und Vereine sind gesperrt, am Mittwoch wurde erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg das Turnier in Wimbledon abgesagt und die Profitour wird mindestens bis zum 13. Juli pausieren. Eine Station für den möglichen Wiedereinstieg: das Hamburger Rothenbaum-Turnier. Turnierveranstalter Peter-Michael Reichel bezifferte die Chance für eine Austragung gegenüber dem Hamburger Abendblatt auf „60 Prozent“. Wie er auf diese Zahl kam, verriet er nicht.

Wimbledon

HINTER GITTERN: Wimbledon bleibt dieses Jahr geschlossen!

Nach allem, was in den letzten Wochen so überfallartig über uns alle hereingebrochen ist, klingen mir „60 Prozent“ zu optimistisch. Ich wäre schon froh, wenn ich bis dahin mal wieder selbst auf den Platz stehen könnte. Vereinstennis ließe sich halbwegs auf Distanz halten, so lange man die Clubhäuser geschlossen hält, Gruppentraining nicht zulässt und nur Einzel spielt.

Österreichs Sportminister Werner Kogler machte vielen Hobbyspielern jüngst große Hoffnungen, als er seine „Exit-Strategie“ für die Zeit nach dem Lockdown verkündete. Sein Modell sieht vor, „dass jene Sportarten den Anfang machen, in denen die bekannten Standards leichter zu erfüllen sind. Outdoor-Sportarten früher als Indoor-Sportarten, Einzelsportarten früher als Mannschaftssportarten – Tennis oder Golf beispielsweise“.

Nachteil Globalsport

Doch diese Standards lassen sich nicht auf die weltumspannende Profi-Tour anwenden – ganz im Gegenteil. Profitennis ist ein Globalsport, der nicht auf wenige Länder oder einen Kontinent beschränkt ist. Manche Profispieler jetten in einer normalen Saison gleich dreimal um den Globus. Von Monat zu Monat verschieben sich die regionalen Schwerpunkte des Geschehens. Von Australien nach Europa und Südamerika. Dann geht es weiter in die USA, dann erneut Europa, danach wieder die USA. Es folgt der Asien-Swing und der Saison-Ausklang in Europa (Herren) und Asien (Damen). Das alles unterscheidet Profitennis massiv von nationalen Sport-Ligen, bei denen die Chancen für einen zeitnahen Wiedereinstieg höher liegen.

Außerdem haben sich Turnierveranstalter und Profitouren mehr oder weniger darauf verständigt, nicht vor leeren Rängen spielen zu wollen. „Geistermatches“ wird es im Tennis wohl nicht geben – anders als etwa in der Fußball-Bundesliga, die es in Erwägung zieht, ab dem 1. Mai ohne Fans in den Stadien den Ligabetrieb fortzusetzen. Es ist derzeit eine absurde Vorstellung: Aus aller Welt eingeflogene Profis treffen sich vor dichtgedrängten Zuschauermassen, um ein Turnier zu spielen. Wie soll das in absehbarer Zeit funktionieren? Wie soll das bei den US Open gehen, deren Trainingscenter im „Corona-Park“ (ja, der heißt wirklich so!) gerade in ein temporäres Krankenhaus umgewandelt wurde?

Wimbledon

BALD EIN KRANKENHAUS: In dem Indoor-Trainingscenter der US Open werden demnächst New Yorker Patienten behandelt.

Auch wenn das Coronavirus in einigen Ländern in den nächsten Monaten auf ein erträgliches Maß eingedämmt werden kann, wird es uns kaum möglich sein, sich einfach wieder so zu verhalten wie vor der Coronakrise. Die Hygiene- und Abstandsregeln werden bleiben. Kann man unter diesen Umständen Tennisturniere ausrichten? Die Protagonisten mögen auf dem Platz auf Distanz bleiben, die Fans auf den Tribünen aber nicht. Und wenn es im Herbst in die europäischen Hallen geht, wird das neue Probleme bringen.

Indoor-Events als Virenschleudern

Indoor-Events mit Tausenden Menschen unter einem Dach gelten als Virenschleudern par excellence. Der Staples Center in Los Angeles gilt hier als warnendes Beispiel. Dort fanden nach dem ersten Coronafall in Kalifornien noch 39 Events statt – die meisten von ihnen waren Sportveranstaltungen. Die Hälfte aller positiven Coronafälle in den Profiligen der USA sollen nun im direkten Zusammenhang mit dem Staples Center in L.A. stehen.

Auch auf die Gefahr hin, dass mich Boris Becker nun persönlich der „Schwarzmalerei“ bezichtigt: Profitennis wird es 2020 nicht mehr geben können. Das ist keine exklusive Meinung. Amelie Mauresmo etwa hat entsprechende Posts bei Twitter gebracht. Fazit: Bevor es keinen Impfstoff gibt, kann es keine international operierende Tour der Tennisprofis geben. Und Craig Tiley, Chef von Tennis Australia und Turnierdirektor der Australian Open, sagte dem Sydney Morning Herald: „Meine persönliche Sicht ist, dass es fürs Tennis schwer wird, in diesem Jahr noch mal zurückzukommen.“

Nur zur Klarstellung: Auch ich wünsche mir mein normales Leben zurück. Im Homeoffice zu sitzen, nebenbei die Schulaufgaben der Kinder zu überprüfen, Mittagessen zu kochen, Streitereien zu schlichten und die Bude noch halbwegs in Schuss zu halten, macht mich auf Dauer mürbe. Aber da müssen wir jetzt durch. Damit irgendwann bessere Zeiten kommen – mit Tennis auf dem Platz und im TV.

Wovon ich manchmal träume in diesen wirren Zeiten: Mein Kumpel, der Wissenschafts-Journalist, schickt mir eine Nachricht: „Der Impfstoff ist da! Alles wird gut! Nächste Woche geht es raus auf die Sandplätze – und dann mach ich dich platt.“ Wie herrlich wäre das!