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WTA Elite Trophy: Gähnende Leere in Zhuhai

Es ist Freitagnachmittag, 15 Uhr Ortszeit, bei der WTA Elite Trophy in Zhuhai, China. Das zweite Einzelmatch des Tages beginnt gerade. Aryna Sabalenka und Elise Mertens haben den Court bereits betreten und wärmen sich auf. Aber es fehlt etwas bei diesen B-Finals der Damentour: die Fans. Denn das Stadion ist nahezu leer.

Vor Beginn der Partie wurden unter Journalisten bereits Wetten abgeschlossen, wie viele Zuschauer heute vor Ort sein werden. Das Höchstgebot liegt bei 240 Besuchern. Während der ersten Turniertage orientierten sich die Zuschauerzahlen an ähnlichen Werten. Allerdings werden diese nicht offiziell bestätigt. Heute allerdings ist es im Vergleich zu den Vortagen etwas voller auf der Tribünen des Centre Courts, auf die bis zu 5.000 Zuschauer passen. Am Ende werden knapp 500 Zuschauer gezählt. Um diese Daten in den richtigen Kontext zu stellen: Beim Porsche Grand Prix in Stuttgart waren 2019 täglich durchschnittlich 4.500 Zuschauer vor Ort.

Kaum Zuschauer in Zhuhai

Aber was ist die Ursache für den niedrigen Zuschauerzuspruch? Wäre das Turnier schlecht organisiert, gäbe es keine Attraktionen, keine interessanten Matches, mangelnde Angebote für Zuschauer oder zu teure Ticketpreise, dann könnte man sich die niedrigen Besucherzahlen erklären. Allerdings lässt sich genau das nicht von der WTA Elite Trophy in Zhuhai behaupten.

Im Gegenteil: Die B-Finals sind bis ins kleinste Detail durchorganisiert. Jeder Eingang – egal, ob zum Turniergelände, zum Trainingscourt oder ins Stadion – wird von mindestens drei stets freundlichen Mitarbeitern besetzt. Beim Betreten der Stadion-Ränge werden die Besucher gleich von zwei Platz-Anweisern empfangen, die ihnen ihre Sitzplätze zeigen und sie teilweise sogar dorthin begleiten. Auf den Treppen zwischen den Rängen trifft man viele freiwillige Helfer. Sie halten Schilder mit verschiedenen Aufschriften in der Hand: „Bitte ruhig sein“, „Sitzen bleiben“, „Keine Fotos mit Blitzlicht“. Für Ordnung und angenehme Spielbedingungen der Profis ist also gesorgt.

Die WTA Elite Trophy ist für die teilnehmenden Spielerinnen das letzte Turnier der Saison. Vertreten sind zwölf der 30 besten Spielerinnen der Saison, ebenso wie eine chinesische Wildcard-Inhaberin und verschiedene einheimische Doppelspielerinnen. Auch die 22-fache Grand Slam-Siegerin Steffi Graf war vor Ort. Seit vier Jahren fungiert sie als Botschafterin der B-Finals in Zhuhai und eröffnete auch in diesem Jahr das Event am Dienstagabend.

Mit der „Coconut to go“ im Massage-Sessel

Auch wenn die Zuschauer den Center Court verlassen, sind ausreichend Möglichkeiten vorhanden, sich zu beschäftigen. Das Wohl der Kinder wird im Kids-Village mit Hüpfburgen, mehreren Bällebädern, Spielplätzen, Rutschen und verschiedenen kleinen Aktivitäten gesichert. Die erwachsenen Besucher können sich die Zeit zwischen den Matches an diversen Ständen vertreiben. Neben Kleidungs- und Schlägerausstattern haben sich die unterschiedlichsten Sponsoren niedergelassen. Sie bieten Beratung, kleine Aktivitäten und Präsente an. Mit einer „Coconut to go“ können die Zuschauer in einem der zahlreichen Massage-Sessel Platz nehmen und sich verwöhnen lassen. Auch ein kleines Museum über die chinesische Geschichte lädt zum Verweilen ein.

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WENIG LOS: Auch die auf dem Turniergelände von Zhuhai aufgestellten Attraktionen für Kinder sind nicht gut besucht.

Tickets für rund sechs Euro

Doch obwohl die Verantwortlichen alles dafür geben, Fans und Spielerinnen jeden Wunsch von den Lippen abzulesen, bleibt das Publikum weg. Zumal auch die Ticketpreise ab 50,00 Yen (umgerechnet rund 6 Euro) für Chinesen durchaus erschwinglich sind. Weshalb aber die 1,6 Millionen Einwohner Zhuhais nicht den Weg zum letzten Turnier des Jahres finden, weiß auch Peter Lv nicht. Er ist geschäftsführender Direktor von „Huafa Sports“, einem der Hauptsponsoren des Turniers. In einem Interview mit den internationalen Journalisten äußert er sich zu den Zahlen: „Während der letzten Jahre waren die Besucherzahlen hoch, die Stadionauslastung lag bei bis zu 80 Prozent. Wir haben an den ersten beiden Spieltagen in diesem Jahr festgestellt, dass das Publikumsaufkommen sehr klein ist. Allerdings wurden fast alle Tickets verkauft. Das Problem ist, dass die Menschen die Tickets vielleicht gekauft haben, aber nicht erschienen sind. Vielleicht, weil es ein Wochentag ist. Vielleicht werden heute Nacht und am Wochenende mehr Zuschauer kommen.“

Ein Publikum ist ein Publikum

Auch die ukrainische Spielerin Dayana Yastremska bemerkte die leeren Ränge. „Kleines Publikum? Es ist doch riesig“, scherzte sie. Ihr Spiel beeinflusst das jedoch nicht: „Mir ist egal, wieviele Zuschauer da sind. Ein Publikum ist ein Publikum. Natürlich: Wenn viele Leute da sind, die dich anfeuern, dann ist das super. Aber ich schenke dem nicht so viel Beachtung. Mein Fokus liegt auf dem Platz“, sagt die 19-Jährige, die bereits mit ihrer Niederlage gegen Kiki Bertens am Donnerstagabend ausgeschieden war.

Verschiebung der Turnierszene

Über die vergangenen Jahre hinweg hat sich die Turnierszene immer weiter nach Asien und besonders nach China verschoben. Neben zahlreichen Challenger- und ITF-Veranstaltungen finden mittlerweile auf der ATP- und WTA-Tour ganze zwölf Turniere statt. Bei genauerem Hinsehen, kann man auch feststellen, dass das nahezu leere Stadion kein Einzelfall in China ist. Sowohl bei den Damen-, als auch bei den Herren-Turnieren kann dieses Phänomen beobachtet werden, wie beim ATP-Event in Chengdu und bei den Tianjin Open:

Shanghai dient als gutes Gegenbeispiel.  Auch in diesem Jahr waren die Ränge bei weitem nicht leer, sondern gut besucht.

Tennis ist in China kein bekannter Sport

Liegt es also einfach an mangelndem Interesse der Zuschauer in den verschiedenen Städten? Aktuell versuchen sich die Turniere weiterhin zu etablieren und an Popularität zu gewinnen, was aber keineswegs ein einfacher und schneller Prozess ist. Das weiß auch Elite Trophy-Veranstalter Peter Lv und plant bereits weitere Maßnahmen für die kommenden Jahre: „Wir wollen in den nächsten Jahren mehr Zuschauer involvieren. Wir möchten mehr Aufmerksamkeit von den Leuten bekommen und sie motivieren, selbst Tennis zu spielen. Wir wissen, dass Tennis in China kein bekannter Sport ist. Für die chinesischen Junioren haben wir geplant, den Sport in Schulen und Gemeinden vorzustellen. Wir werden freie Trainings und freie Plätze zur Verfügung stellen. Nicht nur für die junge Generation, auch für Erwachsene. Wir wollen sicher gehen, dass diese Sportart mehr Aufmerksamkeit in China bekommt.“

WTA-Chairman Steve Simon und Peter Lv (re.). Lv.

 

Sechs Chinesinnen unter den Top 100

Immerhin: Derzeit stehen sechs chinesische Einzelspielerinnen unter den Top 100 der Weltrangliste. Im Doppel sind es gleich acht. Was beweist, dass das chinesische Tennis wächst und ein grundsätzliches Interesse am Tennis vorhanden ist. Die Euphorie der asiatischen Fans ist dann zu spüren, wenn eine einheimische Spielerin wie Saisai Zheng den Court in Zhuhai betritt. Und wie reagieren die europäischen Spielerinnen? Die 20-jährige Aryna Sabalenka fühlt sich offenbar pudelwohl: „Die Atmosphäre war wirklich toll. Es war schön, dass einige Leute bis zum Ende geblieben sind und uns unterstützt haben. Ich habe jede Sekunde auf dem Platz genossen. Ich liebe es wirklich, in China zu spielen, weil die Zuschauer uns hier  toll unterstützen und alles geben“, sagt die Weißrussin höflich.

Ach ja: Sabalenka schlug Mertens 6:4, 3:6, 7:5 und mit ihrem Sieg am Samstag gegen Karolina Muchova ins Finale (gegen Kiki Bertens) ein. Da kann man es verschmerzen, wenn die Stimmung in der Halle ausbaufähig war, aber Weltranglistenpunkte und Börse stimmen. Insgesamt werden bei der WTA Elite Trophy rund 2,4 Millionen Dollar ausgeschüttet. Die Siegerin bekommt rund 500.000 Dollar plus die Gagen aus den Vorrunden-Partien.