BMW Open by FWU 2018 – Day 3

Mail aus München: Zverev und Becker – Codeknacker gesucht

Am Mittwoch starten die ersten Achtelfinals bei den BMW Open und das ist gleichbedeutend mit dem ersten Auftritt von Titelverteidiger Alexander Zverev (nicht vor 17 Uhr). Die Nummer drei der Weltrangliste entwickelt sich in diesen Wochen und Monaten langsam aber sicher zum nächsten Tennis-Superstar. Ein immer wichtigerer Ansprechpartner für ihn wird dabei Boris Becker.

Frisch geduscht stand er vor der offenen Terrasse des TC Iphitos in München auf einer der zahlreichen Grünflächen der altehrwürdigen Clubanlage, die Haare noch etwas feucht. Die Nase alsbald auch. Lövik, der Familienpudel, hatte es sich kurzzeitig in den Armen und alsbald auch im Gesicht der deutschen Nummer eins bequem gemacht. Angereicht von Mama Irina. Lächelnd genoss er das kurze, innige Familienzusammenkunft.

Viel Zeit blieb am Mittag jedoch nicht, Zverev ist als Zugpferd der 103. Auflage des Turniers auch abseits seiner Trainingseinheiten voll eingespannt. Jetzt sollte es für eine Verpflichtung ins VIP- und Pressezelt ans andere Ende der Anlage gehen. Zu Fuß dauert das normalerweise keine zwei Minuten.

Der gebürtige Hamburger benötigte für den Fußweg über den Münchner Kiesweg um einiges länger. Auf der Clubanlage des 250er Turniers gibt es keine Schleichwege, ähnlich verhält es sich im Übrigen in der Turnierauslosung. Am Mittwoch wartet der in München gut aufschlagende Yannick Hanfmann, dann wahrscheinlich Jan Lennard Struff, bevor im Halbfinale Hyeon Chung zur Neuauflage des Drittrundenduells der diesjährigen Australian Open bereitstehen könnte.

Gefragter Mann auf der Anlage des TC Iphitos: Alexander Zverev schreibt fleißig Autogramme

Doch in diesem Moment war die Auslosung noch weit weg. Erstmal erhielt der Sieger von 2017 Foto- und Autogrammwünsche im Fünf-Meter-Takt. Die der 21-Jährige geduldig und freundlich beantwortete, wie fast immer in diesen Tagen von München und den letzten Monaten im Ausland.

BMW Open: Zverev ist in die nächste Kategorie aufgestiegen

Denn auch da ist der hochaufgeschossene Rechtshänder aufgrund seiner spielerischen Entwicklung von der Außendarstellung in die nächste Kategorie aufgestiegen. Während des Davis Cups in Valencia war das Fotomodel bei Einheimischen genauso angesagt wie in Melbourne beim ersten Grand Slam des Jahres. Die steigende Bekanntheit kann ein schmeichelnder, angenehmer Nebeneffekt sein. Sie kann aber auch zur Belastung im Profialltag werden. Letztere Gefahr besteht vor allem dann, wenn man wenig Pausen hatte, wie Zverev nach den Turnieren in Indian Wells, Miami und dem Direktflug hin zum dramatischen Länderkampf in Spanien. Nach Monte Carlo nahm sich Zverev eine künstlerische Pause. Er wirkt ausgeruhter, ausgeglichener.

Zverev, der sich in den letzten zwölf Monaten in der Außendarstellung weiterentwickelt hat, weiß, dass jene Verpflichtungen  vor allem beim Heimturnier dazu gehören, sagte beim sehr offenen Mediengespräch am Wochenende: „Ich freue mich in erster Linie, mal wieder in Deutschland zu sein. Das ist bei dem Turnierkalender gar nicht so einfach. Ich fühle mich sehr wohl in München, das Turnier war immer sehr gut zu mir, deshalb war es auch keine Frage für mich hier wieder anzutreten.“

BMW Open: Becker packt bei Zverev mit an

Dazu gehören Verpflichtungen sämtlicher Art. Boris Becker könnte darüber nur müde lächeln. Der gebürtige Leimener war in Zverevs Alter längst zweifacher Wimbledonsieger, ein Volksheld, der von seinen Landsleuten, nicht nur von den Tennisfans, vergöttert wurde. Er lächelt aber nicht über die Aufgaben, die Zverev auf- und abseits des Platzes gestellt bekommt. Der sechsfache Grand Slam-Sieger versucht auf natürliche Art und Weise mitanzupacken. Klar gibt es auch einige, die Becker Inszenierung und Markenstärkung vorwerfen. Am Ende des Tages entscheidet Zverev, was und wie viel ihm guttut.

„Wenn man immer nur gelobt wird und erzählt bekommt, wie toll man ist, dann fängt man irgendwann an, das selbst zu glauben“, erklärte der 50-Jährige in München, angesprochen auf die Gefahren, die auf Zverev abseits der Plätze warten. Becker ist als Head of Men’s Tennis des DTB zu Gast, begleitet hauptsächlich einen Lehrgang des Talent Teams, der von Michael Kohlmann und den anderen Bundestrainern geleitet wird. Doch es bleibt nicht dabei. Darüber hinaus nutzt er viele seiner freien Minuten zu Trainingsbesuchen und Zwischengesprächen mit Alexander Zverev.

Nicht zuletzt der Einfluss während der Davis Cup-Wochen, hört man, hat Zverev imponiert. Jetzt in München ließ sich der Youngster sogar zu der selbstbewussten Aussage verleiten, dass für einen Trainerjob niemand außer Ivan Lendl oder eben Becker infrage kämen. Wenn er denn mal Probleme hätte. Das Team um seinen Vater sei für ihn momentan das perfekte. Den guten Draht zu Lendl etwa habe er durch Fitnesstrainer Jez Green, der zuvor mit Andy Murray arbeitete. Dank dieser Verbindung hätten die Beiden schon mehrmals zusammen gegessen.

Die eins der Setzliste reflektierte mit etwas Abstand im gleichen Atemzug nochmals die Zusammenarbeit mit Juan Carlos Ferrero, die in einer Respekts- und Pünktlichkeitsdebatte nach Australien alles andere als geräuschlos endete.

BMW Open: Zverevs Selbstverständnis zeigt sich auch in der Trainerdebatte

„Insgesamt hatten wir eine gute Zeit. In Australien gab es dann einige Meinungsverschiedenheiten und so haben wir es dann beendet.“ Ferrero sei  ein guter Trainer, ein absoluter Weltklassespieler gewesen. „Einer der besten seiner Zeit. Aber eben nicht so groß und erfolgreich wie ein Lendl oder Becker.“ Da blitzte es mal wieder auf: Das Selbstverständnis und Selbstvertrauen, das Alexander Zverev schon in jungen Jahren auszeichnet und das ihm nicht wenige als Überheblichkeit, Hochmut und Arroganz auslegen. Jenes Vertrauen, das der Deutsche aber ebenfalls dazu nutzt, gegen die großen Spieler vom ersten Punkt an seine Chance zu glauben.

Über diverse Nebengeräusche ist er informiert. Er wisse sehr wohl, dass ihm etwa die Gefühlsausbrüche negativ ausgelegt würden. „Ich zahle immer meine Strafen, wenn ich einen Schläger kaputt gemacht habe.“ Vom Ausrüster habe sich noch niemand beschwert. Das sei ja auch irgendwie Werbung, wenn diese Szenen auf YouTube und Co. hoch- und runter liefen. Der Mensch Zverev zerbricht sich über einiges in seinem Tennisspiel den Kopf. Die Schlägerdebatte, die einige Fans so beschäftigt, gehört eher nicht dazu.

BMW Open: Becker – „Nicht jeder kann diese Fragen beantworten“

Becker ordnete vor allem die Traineraussagen später in dieser Woche in den Kontext ein. „Man sollte bei dem Jungen auch nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen. Natürlich gibt es viele weitere sehr gute Trainer.“ Becker wusste ganz genau zu berichten, wie Zverev das gemeint haben könnte, mit ihm und Lendl. „Besondere Spieler wie er stellen zu besonderen Zeitpunkten besondere Fragen. Und die Fragen, die er mir stellt in unseren Gesprächen, die kann nicht jeder einfach so beantworten.“

Wie verhält es sich in engen Situationen bei Grand Slam-Turnieren? In Finals? Wie hält man die Spannung hoch über zwei Wochen? „Irgendwann“, so Becker, „knacken junge talentierte Spieler diesen Code und dann kann es weit gehen. Dabei versuche ich ihm zu helfen und das könnte Ivan auch. Ich denke, dass er das damit gemeint hat.“

So oder so merkt jeder auch abseits der Majorturniere beim gutorganisierten 250er Turnier in München (das einzige, das Zverev in dieser Kategorie spielt): Zverev und Becker haben ein inniges Verhältnis. Becker weiß aus eigener Erfahrung, was noch so alles auf seinen Vielleicht-Nachfolger zukommen könnte, er hat selbst nicht immer alles richtig gelöst. Und dennoch haben Tennisfans und nicht wenige Experten ein gutes Gefühl, wenn die beiden momentan wichtigsten deutschen Tennispersönlichkeiten des Landes ihre Köpfe zusammenstecken.

Es passte daher ins Bild, dass ausgerechnet Becker Zverev auf der Player’s Party den alljährlich verliehenen Iphitos-Award überreichte. „Ich musste viele Jahre warten, um diesen Preis einzuheimsen“, so Becker, „und du bekommst ihn schon mit 21 Jahren. Warum?“ Bevor Becker mit seiner Erklärung und einem großen Lob fortfahren konnte, rief Zverev anerkennend und lachend dazwischen. „Dafür habe ich nicht mit 17 Wimbledon gewonnen.“

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