BMW Open by FWU 2018 – Day 9

Nach BMW Open: Wie groß ist die Tenniseuphorie dank Zverev wirklich?

Alexander Zverev hat in beeindruckender Manier die BMW Open gewonnen und auch außerhalb des Platzes gezeigt, dass er sich zum absoluten Aushängeschild des deutschen Tennis entwickelt. Aber wie groß ist der Aufschwung und die Euphorie dank Zverev wirklich? tennis MAGAZIN-Redakteur Jannik Schneider zieht ein ambivalentes Fazit nach dem Turnier in München.

Der Sport und die Sportler sollten im Mittelpunkt einer journalistischen Berichterstattung stehen. Immer. Um das große Ganze, im jetzigen Fall ein Barometer der Tenniseuphorie hierzulande zu erstellen, waren ausnahmsweise andere Herangehensweisen erlaubt. Und so führte ich während meiner Woche in München das fort, was ich sonst des öfteren in Hamburg tue (oder wo es mich eben sonst hinverschlägt). Ich fragte außerhalb des Tenniszirkus nach: Wer ist Alexander Zverev?

Diese Vorgehensweise wurde in der Freizeit morgens und abends vor und nach den BMW Open in München fortgesetzt. Zugeben, ein noch recht subjektives Barometer. Aber eine gewisse Tendenz lässt sich dabei durchaus erkennen. Der Tennismann der Süddeutschen Zeitung, Gerald Kleffmann, – niemand der vorschnell in Euphorie verfällt – ordnete die Geschehnisse rund um den Finaltag des ersten deutschen Herrenturniers des Jahres ein, in dem er schrieb: In jedem Fall fühlte sich dieses Finale der BMW Open im MTTC Iphitos so an, wie Tennis mal war in Deutschland, in den Achtzigern und Neunzigern: wie ein großes Ereignis.

Ich würde momentan noch – leider – hinzufügen: Wie ein zwar großes, aber in sich geschlossenes Ereignis.

BMW Open: Ist das Tennisflair schon wie einst?

Kleffmann beruft sich auf das Flair inklusive der Promis auf dem vollbesetzten Centre Court in München, das an früher erinnerte. Als Boris Becker und Steffi Graf den Tennissport weit über die Szene hinaus gesellschaftsfähig machten. Tatsächlich stacheln die herausragenden Leistungen, die Alexander Zverev schon in jungen Jahren vollbringt, an, dem Tennis wieder mehr Beachtung zukommen zu lassen. Zverevs wachsendes Standing im Ausland und seine eigene persönliche Entwicklung tragen dazu enorm bei. Und tatsächlich hatte der Tag am finalen Sonntag spürbar etwas Besonderes an sich. Eine Entwicklung, das zeigen die Zuschauerzahlen (mehr als 38.500 in dieser Woche ist der höchste Wert seit 2012), ist definitiv zu erkennen. Doch außerhalb der Szene scheint Zverev längst noch nicht so präsent. Und der Tennissport in Deutschland kämpft darum, keine in sich geschlossene Fangemeinde zu bleiben.

Zurück zu meinem noch subjektiven Barometer. Wer ist Alexander Zverev? Außerhalb der schönen Clubanlage des TC Iphitos vermochten mir das auch im Laufe der Turnierwoche nicht so viele zu erklären. Aufgerundet waren das insgesamt rund 30 Prozent. Auf der Straße, in der U-Bahn, abends in Restaurant und Bars. In letzterer gab es den negativen Höhepunkt. Drei nach eigenen Angaben sportaffine Männer wussten den  Namen Zverev am Rande eines Geburtstags nicht mal mit Tennis zu verbinden. Geschweige denn, dass in der Stadt gerade ein ATP-Turnier ausgetragen wurde, bei dem drei Landsleute in der Vorschlussrunde standen.

Zverev repräsentiert den Sport immer besser

Alexander Zverev kann dafür freilich nichts. Er repräsentiert Tennisdeutschland auf immer bemerkenswertere Art und Weise auf und außerhalb der Courts. Und auch die Turnierverantwortlichen um Patrik Kühnen und Michael Mronz haben das Turnier gut vermarktet und nahezu perfekt aufbereitet. Letztlich ist es wie in vielen Sportarten außerhalb des Tennis aber so:

Eine hohe Prozentzahl der Zuschauer betreibt oder steht dem Sport selbst sehr nahe und hat deswegen eine ausgeprägte Affinität vorzuweisen. Erlauben Sie mir einen kurzen Exkurs. Die Tischtennis WM 2017 in Düsseldorf war eine Woche lang täglich ausverkauft mit 8.000 Zuschauern. Mehr als 90 Prozent davon waren aber selbst Tischtennisspieler oder Fans, die dank ihres Umfelds eine Affinität vorzuweisen hatten. Um nicht missverstanden zu werden: Tennis ist viel größer, aber hinkte den eigenen Ansprüchen jahrelang hierzulande meilenweit hinterher. Und das nicht mal nur selbstverschuldet. Die Fußstapfen von Becker und Graf waren einfach unmenschlich groß. Gleichzeitig hat sich das Konsumverhalten der Sportberichterstattung eindeutig verändert.

Tennis und Zverev: Das Konsumverhalten von Sport ändert sich drastisch

Allgemeine sportaffine Menschen, und jetzt sind ausdrücklich nicht die Tennisfreaks gemeint, haben keine Lust mehr, sich fünfeinhalb Stunden am Stück vor dem TV mit einem Fünfsatzkrimi zu beschäftigen. Schon alleine, weil es kaum große Turniere ins frei empfangbare TV schaffen – Eurosport, die gute Arbeit liefern, ausgenommen. Die Digitalisierung bringt viele Vorteile der eigenen Zeiteinteilung mit sich. „On demand“ lautet das Zauberwort. Die Menschen schauen sich etwas an – was, wann und wie lange entscheiden nur sie selbst und nicht mehr länger die Sender. Klar Live-Sport ist da nochmals eine Ausnahme, aber auch hier sind Tendenzen eindeutig zu erkennen.

Davis Cup Stream

Streaming ist ein guter Weg, den eigenen Sport bereits vorhandenen Fans zugänglich zu machen. Diese Darstellungsfunktion, das haben die Einschaltquoten des Davis Cups gezeigt (so ist es jedenfalls zu hören), bleibt aber weiterhin Nische.

Tennis: Darts, Beachvolleyball und American Football als Vorbild

Und wenn es dann doch mal ein Event auf einen größeren Sender schafft, dann wird – oftmals nicht zu unrecht – über die Übertragungsqualität gesprochen. Fakt ist: Der Sportrechtemarkt befindet sich sportartübergreifend in einem brutalen Wandel. Tennis hat es schwer, mit den traditionellen Regeln und dazugehörigen Mechanismen beliebt zu bleiben oder wieder zu werden. Wer die Darstellungsform der Übertragung von Darts, American Football oder Beachvolleyball im TV sieht, erlebt eine andere Welt. Ob man das gut oder schlecht findet, ist erst einmal unerheblich. Aber es funktioniert und spricht ein breiteres Publikum an. Kennen mehr Menschen in der Fußgängerzone Alexander Zverev oder den mehrfachen Dartsweltmeister Michael van Gerwen? Diese Fragestellung lässt eingefleischte Tennissfans erschaudern.

Gibt es ein Gegenmittel? Die einfachste aller Thesen lautet: Spielt Alexander Zverev dauerhaft um Grand Slam-Titel mit, erübrigen sich all diese Diskussionen und Tennis wird wieder prominentere Sendeplätze erhalten und zum gesellschschaftlichen Dauerthema.

Zverev ist ein Segen für den Tennissport

Bei Angelique Kerber hat es langfristig nicht geklappt. Es gab einen kurzen Schub. Sat1 übertrug eine Woche nach ihrem Titel bei den Australian Open 2016 den Fed Cup samstags und stellte den Betrieb, erschrocken ob der Einschaltquoten, wieder ein. Wird es bei einem Grand Slam gewinnenden Mann anders? Schwer zu sagen. Eine Tendenz: Als Alexander Zverev 2017 bei den Australian Open in der dritten Runde Rafael Nadal in den fünften Satz zwang, schauten am Sonntagmorgen bei Eurosport, einem Spartensender, in der Spitze ordentliche 1,5 Millionen Menschen zu.

 

Zverev hat sich seitdem konstant weiterentwickelt. Erfolge auf Major-Ebene werden über kurz oder lang kommen. Dazu bedarf es keines Propheten. Und größeren Druck baut es ohnehin nicht auf. Alexander Zverev hat an sich selbst ohnehin nur die größten Ansprüche. Im SZ-Interview 2017 erklärte Zverev: „Ich werde immer härter zu mir selber sein als jeder andere Mensch. Ich werde immer versuchen, mein bestes Tennis zu zeigen. Der Beste zu sein bei Sachen, die ich unter Kontrolle habe.“

Für den Tennissport in Deutschland ist Alexander Zverev ein Segen. Er kann ihn weiter stärken und dafür sorgen, dass das Zitat zu Beginn dieses Artikels stärkere Konturen annimmt. 2017 bin ich mal in Frankfurt durch die Fußgängerzone gelaufen  – in der Hand ein Bild von Alexander Zverev. „Wer ist das?“, habe ich gefragt und erntete viel Schulterzucken. Es spricht vieles dafür, dass ich diesen Selbstversuch in zwei Jahren nicht mehr durchführen muss.

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