Alexander Zverev muss jetzt seiner neuen Spielidee treu bleiben
In Indian Wells spielte Alexander Zverev offensiver als sonst, scheiterte aber an Jannik Sinner. Warum er dennoch auf dem richtigen Weg ist.
Auch wenn das Großturnier von Indian Wells für Alexander Zverev mit einer 2:6, 4:6-Niederlage gegen Jannik Sinner im Halbfinale ziemlich ernüchternd endete: Es gibt auch positive Erkenntnisse aus der kalifornischen Wüste für Deutschlands Topspieler. Zum ersten Mal stand er in der Runde der letzten Vier von Indian Wells – und komplettierte damit eine eindrucksvolle Sammlung: Er ist nun der erste Spieler seit den „Big Four“, der bei allen neun Masters-1000er-Turnieren auf der ATP-Tour mindestens das Semifinale erreicht hat. Respekt!
Wichtiger – und vor allem zukunftsweisender – dürfte aber die Herangehensweise gewesen sein, mit der sich Zverev auf den Hardcourts von Indian Wells präsentiert hat. Vor Turnierbeginn hatte er angekündigt, aggressiver sein zu wollen und mehr Risiken einzugehen. Sein Ziel sei es, den „richtigen Weg weiterzugehen, auch wenn dann vielleicht Niederlagen hinzunehmen sind.“ Er stellt seine spielerische Entwicklung also vor das sportliche Abschneiden. Das zeigt, wie wichtig ihm dieser Schritt ist.
Zverev hat die innere Bereitschaft für mehr Offensive
Diese Klarheit ist genau richtig. Denn nur durch seine innere Bereitschaft, sich einem offensiveren Spielertypen annähern zu wollen, wird er überhaupt noch eine Chance haben, sein großes Ziel Grand Slam-Titel irgendwann zu erreichen. Das klingt nach der deutlichen Pleite gegen Sinner vielleicht widersinnig. Aber so ein Veränderungsprozess, den Zverev nun gewillt ist zu durchlaufen, dauert. Ein derart großer Umbruch in der grundsätzlichen Spielweise lässt sich nicht innerhalb eines Turniers implementieren. Es geht ihm dabei nicht um Angriff um jeden Preis, sondern um eine kontrollierte Offensive, die auf seinem Weltklasse-Aufschlag und einem aggressiveren Grundlinienspiel basiert.
Zverev vor Start in Indian Wells: „Aggressiver sein, mehr Risiken eingehen“
Erstes Indian Wells-Halbfinale: Was Zverev nun Sinner und Alcaraz voraus hat
Feststeht: In Indian Wells ließ sich gut beobachten, dass Zverev in vielen Matchsituationen darum bemüht war, näher an der Grundlinie zu bleiben und sich nicht in seine vermeintliche Komfortzone zwei Meter hinter der Grundlinie drängen zu lassen. Auch wenn er zwischendurch – zum Beispiel gegen den stark aufspielenden Brandon Nakashima in der dritten Runde – noch zu oft in alte Muster zurückfiel. Natürlich spielt dann die mentale Komponente eine große Rolle, weil Zverev weiß, dass sein „normales Tennis“ für mindestens 90 Prozent der Gegner auf der Tour reicht. Warum also ins offensive Risiko gehen, wenn er auch mit seinem Standardspiel gewinnen kann?
Zverev zwei Meter weiter im Feld
Seine neue Angriffslust entfaltete Zverev besonders gut im Viertelfinale gegen Arthur Fils. Daten der ATP zeigten, dass er in diesem Match im Durchschnitt einen Meter im Feld stand, während er 2025 bei Masters-1000er-Matches auf Hardcourt im Mittel etwa einen Meter hinter der Grundlinie agierte. Gut zwei Meter weiter vorne zu stehen, ist schon eine Hausnummer – insbesondere gegen einen aggressiven Gegner wie Fils.

Knapp zweiter Meter Unterschied: Die Grafik verdeutlicht die offensivere Ausrichtung von Alexander Zverev beim Turnier in Indian Wells 2026.Bild: Screenshot
Am Ende kam es aber vor allem auf die Partie gegen Jannik Sinner an. Zverevs attackierende Neuausrichtung hat nämlich zwei Gründe: Carlos Alcaraz und eben Jannik Sinner. Um gegen die beiden Besten der Welt zu bestehen, muss sich Zverev weiterentwickeln. Da reicht sein normales Level in der Regel nicht, auch wenn er zuletzt bei den Australian Open im Halbfinale gegen Alcaraz zum Match servierte – am Ende aber doch noch verlor. Zur Wahrheit gehört allerdings: Hätte Alcaraz keine körperlichen Probleme bekommen, wäre es gar nicht erst so weit gekommen.
Was vor dem Halbfinale von Indian Wells gegen Sinner klar war: Zverev musste in der Offensive mehr Risiko eingehen und präziser spielen als in den Runden zuvor, um den Italiener überhaupt in eine defensivere Platzposition zu bringen. Doch das gelang dem Deutschen nicht, weil er zu viele Fehler machte und sein Aufschlag nicht die gewohnte Durchschlagskraft entfachte. In der Folge sank sein Vertrauen in die eigenen Stärken. Gleichzeitig agierte Sinner so, als würde ihn ein unsichtbares Gummi strikt an der Grundlinie halten. Da gab es für Zverev kein Durchkommen.
Sechs Niederlagen in Folge gegen Sinner
Was heißt das nun für ihn? Zverev muss seiner neuen Linie treu bleiben. Jetzt auf den Gedanken zu kommen, dass er mit einer defensiveren Grundausrichtung das Match gegen Sinner womöglich enger hätte gestalten können, wäre der falsche Weg. Nach jetzt sechs Niederlagen in Folge gegen Sinner ist es offensichtlich, dass Zverev etwas verändern muss an seinem Spiel.
Zverev ist nicht der geborene Angriffsspieler. Transition-Game, Flugballspiel und auch das Gespür für günstige Offensiv-Situationen sind noch ausbaufähig. Dennoch wird für ihn der Weg zum ersehnten Grand Slam-Titel mit Siegen über Alcaraz und/oder Sinner nur über eine offensivere Spielanlage führen. Das Turnier in Indian Wells hat gezeigt, dass er dies inzwischen auch selbst weiß.
