Andre Agassi zweifelt an Sinner: „Es gibt keine Entschuldigung dafür“

Jannik Sinner Bild: Imago

Völlig entkräftet: Jannik Sinner stieß bei den French Open bereits früh an körperliche Grenzen.

Hat Jannik Sinner ein größeres Problem als nur die Hitze? Andre Agassi glaubt, dass der Weltranglistenerste bei den French Open nicht genügend vorbereitet war.

Die Zweitrundeniederlage von Jannik Sinner bei den French Open gegen Juan Manuel Cerundolo ist eine, wenn nicht die größte Sensation der Grand-Slam-Geschichte. Bei mehr als 30 Grad Celsius brach der turmhohe Favorit auf den French-Open-Titel mit dem Sieg vor Augen völlig ein. 6:3, 6:2, 5:1 führte Sinner, ehe er sich auf dem Court Philppe-Chatrier kaum noch auf den Beinen halten konnte und den sicher geglaubten Sieg hergab.

„Eine der größten Überraschungen bei den Grand-Slam-Turnieren seit vielen, vielen Jahren. 2:0-Sätze geführt, 5:1 im dritten Satz – alles lief wie am Schnürchen. Sinner hat monatelang jeden geschlagen, es sah nicht so aus, als könnte er verlieren, und dann hat Cerundolo 18 der nächsten 20 Spiele gewonnen. Absolut unglaublich“, kommentierte Ex-Profi Tim Henman den „Schocker“ bei den French Open.

Jannik Sinner und sein Hitzeproblem

Der körperliche Einbruch von Sinner hinterließ viele Fragezeichen in der Tennisszene. Dass Sinner ein Hitzeproblem hat, ist offensichtlich. Es war nicht das erste Mal, dass der Weltranglistenerste in der prallen Sonne nach einiger Zeit völlig entkräftet wirkte.

Bei den Australian Open 2024 und 2025 rettete ihn die Hitzeregel in Melbourne, bei der das Dach geschlossen wird, vor einer möglichen Aufgabe und Niederlage. Im Cincinnati-Finale 2025 gegen Carlos Alcaraz gab er in der Mittagshitze nach 0:5-Rückstand auf.

Jannik Sinner: „Niemand ist ein Roboter”

In Paris spielte er zwar zu Ende, doch richtig konkurrenzfähig war er nach zwei Stunden Spielzeit nicht mehr. Nach seiner sensationellen Niederlage nach Megaführung gab Sinner an, dass die Hitze nicht der Hauptgrund für seinen körperlichen Einbruch war.

„Es war warm, aber nicht unerträglich heiß. Ich fand, dass man unter diesen Bedingungen ganz gut spielen konnte. Es lag nicht an der Hitze, auch nicht am Wetter. Mir fehlte heute einfach die Energie. So etwas kommt vor. Niemand ist ein Roboter. Als ich heute Morgen aufwachte, fühlte ich mich nicht besonders gut und versuchte, die Ballwechsel möglichst kurz zu halten. Am Anfang habe ich sehr sauber und gut gespielt, aber dann bin ich einfach an meine Grenzen gestoßen. Mir wurde schwindelig. Ich hatte sehr wenig Energie. Ich habe versucht, das Spiel mit meinem Aufschlag zu entscheiden, aber mir fehlte die Kraft“, sagte er.

Andre Agassi: „Es gibt einen Unterschied zwischen fit und vorbereitet sein”

Andre Agassi, der bei den French Open als Experte für den TV-Sender TNT Sports im Einsatz ist, zweifelt Sinners Vorbereitung auf solche Bedingungen an. „Es gibt einen Unterschied zwischen fit sein und vorbereitet sein. Und ich muss auf einen Schwachpunkt bei dieser Art der Vorbereitung hinweisen, denn dagegen kann man etwas tun. Es ist nicht so, dass Sinner nicht hart arbeitet“, analysierte Agassi.

Der achtmalige Grand-Slam-Sieger fuhr fort: „Heutzutage gehen die Spieler bei ihrer Vorbereitung, ihrer Regeneration und all dem so wissenschaftlich vor. Ich bin mir sicher, dass er ein ganzes Team aus Ärzten und anderen Fachleuten hat, aber zweimal dasselbe zu wiederholen und dabei andere Ergebnisse zu erwarten? Da sage ich einfach: Das ist doch alles Quatsch.“

Aus Agassis Sicht haben Sinners körperliche Probleme mehr Ursachen als nur die Hitze. Der US-Amerikaner erläuterte, dass er in seiner aktiven Zeit seine Leistungsfähigkeit bei vier Stunden auf höchstem Niveau lag und dass diese durch Hitze nur um maximal 15 Minuten sank.

Andre Agassi: „Sinner muss herausfinden, was er ändern muss”

„Er muss herausfinden, was er ändern muss. Vielleicht muss er jemanden hinzuziehen. Es muss sich um ein Problem mit der Flüssigkeitszufuhr handeln. Man muss die Flüssigkeitszufuhr aktiv vorantreiben. Es ist besser, genug im Körper zu haben und es nicht zu brauchen, als es zu brauchen und nichts zu haben. Ich würde seine Flüssigkeitsaufnahme hinterfragen und prüfen, ob er es richtig macht“, sagte Agassi und gab an, dass er vor Matches bei den Australian Open 10 bis 12 Liter Wasser getrunken habe.

„Letztes Jahr hat er ein Fünfsatz-Finale von fünf Stunden und einer halben Stunde gespielt. Diesmal hat ihn die Hitze in einer Stunde und 45 Minuten besiegt. Das ist ein enormer Unterschied. Er war nur ein Spiel vom Sieg entfernt. Alle dachten, wir würden ihn hier siegen sehen, vielleicht ohne einen Satz zu verlieren. Ich weiß, dass er derzeit der beste Spieler der Welt ist. Aber ich weiß auch, dass es keine Entschuldigung dafür gibt, dass er nach einer Stunde und fünfundvierzig Minuten an seine Grenzen stößt“, ging Agassi mit Sinner hart ins Gericht.