2026 French Open – Day Five

Da half auch kein Ventilator mehr: Jannik Sinner hatte im Match gegen Juan Manuel Cerundolo ab Ende des dritten Satzes keine Energie mehr und verlor trotz haushoher Führung. Bild: IMAGO

„Es war nicht die Hitze“: Warum Jannik Sinner in Roland Garros kollabierte

Am Tag nach der überraschenden Niederlage von Jannik Sinner in Roland Garros ist das Thema noch omnipräsent in der Tennisszene.

Was ist da gestern eigentlich passiert auf dem Court Philippe-Chatrier von Roland Garros? Man muss sich das noch einmal vor Augen führen: Jannik Sinner, die unantastbare Nummer eins der Welt, 2026 noch ungeschlagen auf Sand nach Turniersiegen in Monte Carlo, Madrid und Rom, führte 6:3, 6:2 und 5:1 gegen den Argentinier Juan Manuel Cerúndolo, Nummer 56 im ATP-Ranking – und verlor das Match noch.

Niederlage noch kaum zu fassen

Auch am Tag danach ist kaum zu fassen, wie Sinner dieses Match noch aus den Händen gleiten konnte. Tennisfans und -experten in aller Welt hatten hinter diese Partie bereits einen Haken gesetzt. Es wäre der 31. Sieg in Folge für den Südtiroler gewesen. Sinner galt als turmhoher Favoriten auf den Titel in Roland Garros, weil sein ärgster Widersacher, Titelverteidiger Carlos Alcaraz, aufgrund einer Handgelenksverletzung in Paris nicht am Start ist. Dem Italiener fehlt nur noch der Triumph im Stade Roland Garros in seiner Major-Sammlung. Aber es kam alles anders.

Was folgte, war einer der spektakulärsten Zusammenbrüche der jüngeren Grand-Slam-Geschichte. Von einem Moment auf den anderen verließen den Italiener die Kräfte. Ohne Energie schleppte er sich nur noch über den Platz. Zwischenzeitlich war er kaum noch im Stande, auch nur einen Ball sauber ins Feld zu spielen. Am Ende verlor er tatsächlich noch mit 6:3, 6:2, 5:7, 1:6, 1:6. Die britische Times sprach von einem „der größten Upsets der Tennishistorie“. Die New York Post bezeichnete Sinners Niederlage als „all-time collapse“.

„Weiteres Drama auf dem Chatrier“

Italienische Medien sprachen von einem „weiteren Drama auf dem Chatrier“, nachdem Sinner dort im letzten Jahr drei Matchbälle im Finale gegen Carlos Alcaraz nicht nutzen konnte und noch verlor. „Wir hatten ihn schon einmal mit gesenktem Kopf auf der Bank des Centre Courts gesehen, als Sinner nach dem epischen Finale des vergangenen Jahres versuchte, das Geschehene zu begreifen. Diesmal jedoch gab es keinen Titel zu gewinnen“, schrieb Tuttosport.

Und Rai News textete: „Paris verwandelt sich in einen Albtraum: Jannik Sinner muss den Traum vom Titel bei den French Open begraben und hinterlässt bei allen Fans einen bitteren Nachgeschmack. {…} Die Befürchtungen vom Vorabend bezüglich des Wetters sind leider Realität geworden und haben die Dynamik eines Matches völlig auf den Kopf gestellt, das scheinbar schon fest in den Händen des Italieners lag.“

Schnell wurde auch ein angeblicher Grund für das Unfassbare gefunden: die Hitze in Roland Garros. Richtig ist, dass Frankreich eine Hitzewelle im Mai erlebt, die sämtliche Rekorde bricht. An rund 350 französischen Wetterstationen wurden neue Monatsrekorde für den Monat Mai aufgestellt. Am heißesten war es an der südlichen Biskayaküste mit bis zu 37 Grad. Auch Paris erlebte Temperaturen, die für Ende Mai eine absolute Ausnahme darstellten. Und richtig ist auch, dass Jannik Sinner für so hohe Temperaturen anfällig ist.

Sinner und das Thema Hitze

Bei den Australian Open 2026 litt Sinner in der dritten Runde gegen Eliot Spizzirri unter massiven Krämpfen. Zeitweise konnte er kaum noch laufen. Erst die sogenannte „Heat Rule“ – also eine Unterbrechung wegen extremer Temperaturen – half ihm, sich zu stabilisieren. Man schloss das Dach der Rod Laver-Arena, um die Bedingungen erträglicher zu machen. Sinner gewann das Match noch und gab danach zu: „Ich hatte Glück heute.“

2025 gab Sinner im 1000er-Masters-Finale von Cincinnati gegen Carlos Alcaraz beim Stand von 0:5 auf – bei Temperaturen über 30 Grad. Er habe keine „Power“ mehr, es gehe ihm „einfach zu schlecht“, erklärte Sinner dem herbeigeilten Physio und entschuldigte sich anschließend bei den Fans. Er habe sich „schon am Tag vor dem Finale nicht gut gefühlt und gehofft, dass es über Nacht besser“ würde. Dies sei leider nicht der Fall gewesen.

Wenige Wochen später beim 1000er-Masters in Shanghai musste er aufgrund von extremen klimatischen Bedingungen wieder aufgeben: Es herrschten 34 Grad und eine extrem hohe Luftfeuchtigkeit von mehr als 80 Prozent. Wegen massiver Krämpfe in den Beinen brach er seine Partie gegen Tallon Griekspoor beim Stand von 7:5, 5:7, 2:3 ab. Nach seinem jüngsten Einbruch in Paris schrieben nun viele internationale Medien, die Hitze sei inzwischen „sein härtester Gegner“.

Der blasse, rothaarige Südtiroler

Jannik Sinner macht Werbung für Sonnencreme. Und selten hat man einem Testimonial so sehr abgenommen, für das vertriebene Produkt auch tatsächlich Verwendung zu haben, wie dem eher blassen, rothaarigen Südtiroler. „Wir Rothaarigen tun uns bei großer Hitze schwer“, hatte auch Boris Becker vor der Partie bei Eurosport gesagt. „Das Wetter ist sein größter Gegner.“

Worauf Becker da anspielt, ist eine weitverbreitete Behauptung: Dass rothaarige Menschen generell schlechter mit hohen Außentemperaturen zurechtkommen oder bei extremer Hitze schneller Kreislaufprobleme bekommen. Sie reagieren teilweise empfindlicher auf Sonnenstrahlung und UV-Belastung, weil helle Haut weniger schützendes Melanin enthält. Die Aussage „Rothaarige vertragen Hitze schlechter“ ist aber wissenschaftlich nicht endgültig belegt. Der aktuelle Wissenschafts-Konsens lässt sich eher so zusammenfassen: „Rothaarige haben eine andere Wahrnehmung von Hitze.“

Hitze war nicht ausschlaggebend: Auf seiner Pressekonferenz nach seiner Niederlage erklärte Jannik Sinner, die Gründe für seinen Kollaps auf dem Platz.Bild: IMAGO

Sinner selbst widersprach jedoch der naheliegenden Erklärung in seiner Pressekonferenz im Anschluss an sein sensationelles Ausscheiden. „Ja, es war warm – aber nicht so heiß wie in Australien und längst nicht so feucht wie in Shanghai. Es lag nicht an der Hitze. Es war ja nicht so, als würde ich vor Hitze sterben. Ich habe mich einfach nicht gut gefühlt“, begründete Sinner seinen Kollaps. Er hätte sich schon morgens, nach dem Aufstehen, schlecht gefühlt. Er hätte nicht gut geschlafen.

Sinner: „Plötzlich keine Energie mehr“

„Ab der Mitte des dritten Satzes hatte ich plötzlich keine Energie mehr. Ich konnte keinen Zugriff mehr auf das Match finden“, sagte Sinner. „Ich erinnere mich nicht daran, wann ich mich zuletzt so schwach gefühlt habe.“ Zeitweise habe er sogar das Gefühl gehabt, sich übergeben zu müssen. Entsprechend groß war die Enttäuschung nach dem Match. „Es tut mir leid, weil ich zweieinhalb Sätze wirklich sehr gut gespielt habe. Natürlich ist so eine Niederlage schwer zu akzeptieren – gerade in meiner Position. Aber das gehört zum Sport. Niemand gewinnt immer.“

Wie genau die Diagnose lautete, was den körperlichen Einbruch herbeigeführt hatte, das ließ er im Detail offen. „Jetzt brauche ich wirklich eine Auszeit“, sagte er und meinte, er bereue nicht, so viel vor Paris gespielt zu haben. „Wer weiß, was passiert wäre, hätte ich Madrid oder Rom ausgelassen, vielleicht hätte ich heute das Gleiche erlebt.“


Es wird nun eine Weile dauern, bis man Jannik Sinner wieder auf einem Tennisplatz sieht. Aller Voraussicht nach wird er erst wieder in Wimbledon (29. Juni bis 12. Juli 2026) spielen. „Ich werde höchstwahrscheinlich vorher kein Turnier auf Rasen bestreiten“, betonte er in Paris. „In Wimbledon werde ich dann wieder durchstarten.“ Seine Absicht, kein ATP-Rasenturnier zu spielen, hatte er bereits in Rom bekundet. Und seine mögliche Teilnahme beim deutschen Rasenturnier in Halle hatte er schon im April endgültig verworfen. In den letzten drei Jahren hatte Sinner Halle stets als Vorbereitungsturnier für Wimbledon genutzt.