Nitto ATP Finals – Day Seven

Nach Pfeiffkonzert: Zverev fordert Djokovic im Finale der ATP-Finals

Alexander Zverev hat bei den ATP-Finals durch einen Sieg über Roger Federer das Endspiel gegen Novak Djokovic erreicht. Sein Sieg wurde durch ein Pfeifkonzert nach dem Matchball überschattet.

Alexander Zverev kämpfte mit den Tränen. Immer wieder musste er schlucken, bevor er überhaupt antworten konnte. Es waren nicht die Glücksgefühle, die ihn nach einem seiner größten Siege übermannten, Zverev war überfordert von der Wucht der Wut, die ihm von Tausenden Zuschauern entgegenschlug. Dabei hatte der Jungstar gar nichts getan, außer den Publikumsliebling Roger Federer im Halbfinale der ATP Finals in London aus dem Turnier zu werfen.

Anstatt den Erfolg zu bejubeln, der ihn in Boris Beckers riesige Fußstapfen treten lässt, stammelte Zverev eine Entschuldigung ins Mikrofon. Die Zuschauer pfiffen ihn unterdessen aus. „Ich wollte nicht, dass es so endet“, sagte Zverev nach dem 7:5, 7:6 (7:5) gegen sein Kindheitsidol aus der Schweiz: „Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich bin gerade ein bisschen verloren.“

Was war passiert? Zverev (21) hatte den Schiedsrichter beim Stand von 4:3 im Tiebreak darauf aufmerksam gemacht, dass einem Balljungen ein Ball aus der Hand gefallen war. Der Ballwechsel musste daraufhin wiederholt werden. Zverev schlug ein Ass. Alles regelgerecht und zwingend notwendig, für die vielen Federer-Fans jedoch ein Anlass, ihrem Frust Ausdruck zu verleihen. „Ich bin sehr traurig, dass das passiert ist“, sagte Zverev.

Sein denkwürdiger Finaleinzug rückte nach dem Pfeifkonzert in den Hintergrund, die Szenen erinnerten an die Siegerehrung bei den US Open, als die wütende Reaktion der Zuschauer der jungen Japanerin Naomi Osaka den bislang größten Moment ihrer Karriere verdarb. Zverev muss die Buhrufe abhaken, am Sonntag (19.00 Uhr MEZ/Sky) spielt der gebürtige Hamburger im Finale gegen Novak Djokovic um den Titel. Der Weltranglistenerste deklassierte in seinem Halbfinale Kevin Anderson (Südafrika) mit 6:2, 6:2.

Zverev ist der erste Deutsche seit Tennis-Idol Becker 1996 in Hannover, der die Chance auf den Turniersieg bekommt. „Ich bin unglaublich stolz“, sagte er: „Dafür haben ich und mein Team so hart gearbeitet.“ Becker ist (noch) der letzte deutsche Sieger beim Turnier der acht Saisonbesten. 1988, 1992 und 1995 hatte er triumphiert, Michael Stich setzte sich 1993 in Frankfurt durch. Auf Zverev wartet jedoch eine hohe Hürde: In der Gruppenphase verlor er gegen Djokovic 4:6, 1:6, zudem ist der Serbe in London noch ohne Satz- und Aufschlagverlust.

Dennoch kann Zverev die Saison mit einem Knall beenden, dagegen muss Roger Federer mindestens bis zum kommenden Jahr auf seinen 100. Titel auf der ATP-Tour warten. Der 37-Jährige, sechsmaliger Sieger beim Saisonfinale, haderte nach seiner dritten Niederlage im sechsten Duell mit Zverev mit dem Ende. „Es ist natürlich ein Unterschied, ob man im Ballwechsel ist, oder ein Ass bekommt“, sagte Federer.

Schon am Netz hatte sich Zverev, dem sichtlich unwohl war, bei Federer entschuldigt. „Ich habe ihm gesagt: Halt die Klappe. Dafür gibt es keinen Grund“, sagte er 20-malige Grand-Slam-Champion, der sich mit einem gemischten Fazit in den Urlaub verabschiedete. „Es war eine gute Saison mit einigen Enttäuschungen in engen Matches, wie in Paris oder Wimbledon. Aber ich bin glücklich und freue mich aufs neue Jahr“, sagte Federer.

Zverev hat dagegen noch ein Match vor der Brust, ehe es in die langersehnten, aber äußerst kurzen Ferien geht. Das bislang größte seines Tennislebens. Und da es nicht gegen Roger Federer geht, darf er sogar auf ein wenig Unterstützung hoffen. (SID)


  1. Cem Özgönül

    Sorry, aber „zwingend und notwendig“? Das sehe ich aber anders. Dem Balljungen links hinter Federer, in der Ecke neben dem Seitenlinienrichter ist der Ball vor die Füße gefallen und er konnte ihn umgehend aufheben. Das war nicht in Spielfeldnähe, es hatte keinen Einfluss auf das Spielgeschehen; tatsächlich war Zverev in der gesamten Halle offenkundig der Einzige, der das überhaupt mitbekommen hat. Zverev hat den Ballwechsel meines Erachtens regelwidrig eigenmächtig unterbrochen. Wenn, dann wäre es Aufgabe des Schiedsrichters gewesen, ein „let“ auszurufen und den Ballwechsel wiederholen zu lassen. Der Punkt hätte eigentlich an Federer gehen müssen. Ich habe vor etlichen Jahren bei einem Grand-Slam-Match mal erlebt, dass ein Zuschauer während eines Ballwechsels bei einem engen Ball „out“ gerufen hat. Der Spieler hat den Ballwechsel daraufhin abgebrochen, in dem Glauben, dass der Ruf vom Linienrichter kam. Im Endeffekt hat er den Punkt verloren. Zwar hat der Schiedsrichter daraufhin die Zuschauer zur Ordnung gerufen, der Punkt war aber weg. So ähnlich hätte es eigentlich auch hier laufen müssen.

  2. Christian E.

    Zwischen dem was beim Match Federer-Zverev und in der beschriebenen Situation beim Grand Slam passiert ist, gibt es einen Unterschied, den das Regelwerk auch so vorsieht. Im ersten Spiel war die Situation einerseits auf dem Spielfeld, da sich die Ballkinder hier befinden. Durch den verlorenen Ball war Zverev vermutlich, ob es so war kann nur er beurteilen, er hat aber zumindest das Ballkind wahrgenommen, irritiert und andererseits besteht hier auch immer eine Verletzungsgefahr. Wer weiß genau, wo der Ball hätte noch hinrollen können. Daher ist grundsätzlich das Spiel abzubrechen. So geschieht es auch regelmäßig in Punktspielen. Hier gibt es keine Unterscheidung, ob der Ball hinten am Zaun entlang läuft oder ins Spielfeld springt. Dass hier keine Unterscheidung gemacht wird, halte ich für richtig, denn wo sollte hier dann die Grenze sein: bei 3 Meter Abstand von den Linien oder doch schon bei 2,50m? Wer misst und entscheidet dies dann? Emotional kann ich den Einwand durchaus nachvollziehen, regeltechnisch war die Entscheidung aber in der Tat so genau korrekt, was der Schiedsrichter nach Rücksprache und auch Federer ja auch bestätigt haben.
    Hätte sich ein Spieler hier verletzt, egal ob Federer oder sonst jemand, wäre das Geschrei umgekehrt berechtigterweise mindestens genau so groß gewesen. Daher ist die Regel vermutlich nun mal so wie sie ist. Beim Foul im Fußball im Strafraum gibt es auch keine Unterscheidung, wo man sich befindet, ob am Elfmeterpunkt oder an der Torauslinie.

    Die andere Situation ist auch geregelt. Eine Beeinflussung von außen führt nicht zu einer Wiederholung. Dies wird vermutlich daran liegen, dass man im schlechtesten Fall von parteiischer Einflussnahme ausgehen muss. Wenn hierbei jeweils zwei Neue gespielt würden, würden – auch wieder im schlimmsten Fall – sich einige (parteiische) Zuschauer genau dies zu Nutze machen und immer, wenn es eng wird, für ihren Schützling „Einfluss nehmen“. Insofern alles korrekt.


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