Rafael Jodar of Spain

Höhenflug in seiner Heimatstadt: Rafael Jodar spielt in Madrid groß auf. Bild: IMAGO

Aufsteiger aus Spanien: Warum Rafael Jodar kein neuer „Rafa“ ist

Rafael Jodar ist schon jetzt die Entdeckung des Jahres. Der spanische Teenager spielt furchtloses Angriffstennis und steht in seiner Heimatstadt Madrid im Viertelfinale.

Es klingt wie ein Echo aus der guten alten Zeit. Als in der Caja Mágica von Madrid am Sonntagabend um kurz vor 23 Uhr ein 19-jähriger Spanier die Manolo-Santana-Arena betritt, dehnt der Stadionsprecher das „Rafaaael“ genüsslich in die Länge. Es ist ein Name, der verpflichtet – insbesondere im spanischen Tennis. Doch dieser „Rafa“, der vom Publikum frenetisch gefeiert wird, weil er aus Madrid kommt, ist nicht Rafael Nadal. Womöglich wird er auch nie seine bahnbrechenden Erfolge haben, aber das ist jetzt egal: Es ist der Auftritt von Rafael Jodar, der so gar nichts mit dem großen Nadal gemeinsam hat – bis auf den identischen Vornamen.

Spanisches Herrentennis war lange klar definiert: Es ging um Ausdauer, extremen Spin, viel Geduld und am Ende irgendwie immer um den großen Kampf auf roter Asche. Die Gegner wurden mürbe gespielt, bis ihr Wille gebrochen war. Ein zermürbendes Geduldsspiel, ein stundenlanges Zermalmen aus der Defensive heraus. Doch dieses Modell bröckelt. Carlos Alcaraz hat es modernisiert, nachdem schon Nadal in der Endphase seine Karriere immer mehr vom urspanischen Schema abwich. Rafael Jodar spielt nun so, als wolle er es komplett hinter sich lassen.

Jodar vs Fonseca: alles, aber kein Sandplatz-Tennis

An diesem Sonntagabend trifft er auf Joao Fonseca, auch erst 19 Jahre alt. Fonseca wurde in den letzten Monaten gehypt wie kaum ein anderer Spieler auf der Tour. Als das Teenager-Duell beginnt, bieten Jodar und Fonseca über mehr als zwei Stunden alles – nur kein klassisches Sandplatz-Tennis, wie es erfahrene Zuschauer von einem Spanier und einem Brasilianer vermutlich erwartet hätten. Stattdessen: ein jugendlicher Schlagabtausch voller Winner, Fehler, einer gewissen taktischen Unreife, Emotionen und Reaktionen. Zwei Spieler, die jede Gelegenheit suchen, um den Ball per Winner am Gegner vorbeizuzimmern.

Jodars Spiel hat mit dem klassischen Bild eines spanischen Sandplatzspezialisten gar nichts zu tun. Bei ihm geht es um Tempo, Risiko und Wucht. Sein Stil wirkt wie ein Gegenentwurf zur spanischen Schule: äußerst früh am Ball, dicht an der Grundlinie, aggressiv ab dem ersten Schlag. Seine Vorhand peitscht er im Durschnitt mit knapp 140 Sachen über den Platz – damit übertrifft er selbst Fonseca, der für seine gefürchteten Vorhand-Rohre bekannt ist.

Jodar geht ultra-aggressiv auf den zweiten Aufschlag des Gegners, wirft sich regelrecht dem Ball mit seinem ganzen Körper entgegen. Das wirkt manchmal etwas überhastet und ungestüm, aber der Madrilene verfügt schon jetzt über ein erstaunlich gutes Körpergefühl. Trotz all seiner Power und Schnelligkeit verliert der 1,91 Meter große Jodar nur selten die Balance.

Am Ende gewann er das Duell von Sonntagnacht mit 7:6, 4:6, 6:1. Auch das anschließende Achtelfinale gegen Vit Kopriva bestritt er erfolgreich. Außerdem schlug er in Madrid noch Top Ten-Spieler Alex de Minaur – mit 6:3, 6:1. Zur besseren Einordnung: Jodar kommt aktuell auf zwölf Siege in 13 Karriere-Matches auf Sand.

Ja, es stimmt tatsächlich: Jodar bestritt erst Anfang April 2026 sein erstes ATP-Turnier auf Sand – und zwar in Marrakesch, wo er sich auf Anhieb den Titel holte. Es folgten weitere Siege in Barcelona, wo er erst im Halbfinale gegen den späteren Sieger Arthur Fils verlor. Und nun sein Lauf in Madrid. Rafael Nadal, der Sandplatz-König, gewann übrigens „nur“ acht seiner ersten 13 Matches auf Sand.

Rafael Jodar: Erst Collegetennis, jetzt ATP-Aufsteiger

Schon jetzt ist klar: Jodar ist der Aufsteiger der Saison. Vor einem Jahr zählte er knapp zu den Top 700 im Ranking und spielte vor allem Collegetennis in den USA. Er war der Star seines Teams von der University of Virginia. Dann trat er parallel bei Challenger-Turnieren an, gewann drei von ihnen und qualifizierte sich plötzlich am Saisonende für die Next Gen-Finals der besten Nachwuchsspieler. Danach gab er bekannt, ab 2026 voll auf der Profitour zu spielen. Seitdem ist er kaum noch aufzuhalten und steht inzwischen im Live-Ranking auf Platz 34.

Sein Vater, der ebenfalls Rafael mit Vornamen heißt, sowie die Coaches der University of Virginia haben Jodar zu jenem Spieler geformt, der nun für Furore auf der Tour sorgt. Jodar Senior ist eigentlich Frauenbasketball-Trainer und Physiotherapeut. Sein Wissen über Tennis hat er sich selbst angeeignet. Er wirkt äußerst ruhig und gelassen, wenn er seinem Sohn von der Box aus zuschaut.

Am Mittwochnachmittag steht Jodar nun vor heimischer Kulisse vor der größten Herausforderung, die man aktuell im Herrentennis überhaupt bekommen kann: Er muss gegen Jannik Sinner antreten. Der Weltranglistenerste ist seit 20 Partien ungeschlagen. Angesprochen auf seinen nächsten Gegner sagte Sinner: „Ich habe das Gefühl, dass es nicht das einzige Duell in unserer Karriere sein wird. Für mich persönlich ist es sehr gut, dass ich schon vor den großen Turnieren in Rom und Paris auf ihn treffe, um wichtiges Feedback zu erhalten. Er ist ein sehr aufregender Spieler, ein großes Talent. Und er stammt aus Madrid, weshalb er die Verhältnisse gut kennt und daran gewohnt ist.“

Allen auf der Tour ist längst klar: Rafael Jodar hat das Zeug dazu, das Herrentennis schon in diesem Jahr gehörig durcheinander zu wirbeln.