Cori Gauff

Cori Gauff: Wird Sie die neue Serena?

Die 14-jährige Cori Gauff, jüngste Nummer eins aller Zeiten bei den Juniorinnen, wird als Wunderkind gehypt. Kann die Amerikanerin den hohen Erwartungen gerecht werden?

Es gibt einige deutsche Begriffe, die im Englischen keiner Übersetzung bedürfen: Weltschmerz, Zeitgeist, Doppelgänger, Kindergarten – oder auch Wunderkind. Viele Jahre prägten Wunderkinder das Welttennis. Dass Teenager Grand Slam-Turniere gewannen, war in den Achtzigern und Neunzigern keine Ausnahme, sondern fast schon die Regel. Boris Becker, Mats Wilander, Steffi Graf, Monica Seles, Martina Hingis: Sie alle holten ihren ersten Grand Slam-Titel als Minderjährige. Die Zeiten, in denen Teenager an der Spitze des Welttennis mitmischten und große Titel abräumten, sind jedoch längst vorbei. Die Ära der Wunderkinder ist vorüber.

Gauff: „Ich will die Größte aller Zeiten werden”

Mittlerweile bestimmen die routinierten Spieler und Spielerinnen die Geschehnisse im Welttennis. Seit 2000 waren nur drei Teenager bei einem Grand Slam siegreich: Maria Sharapova (Wimbledon 2004), Svetlana Kuznetsova (US Open 2004) und Rafael Nadal (French Open 2005). Ist die Zeit nun wieder reif für das nächste Wunderkind? Cori Gauff soll „The Next Big Thing“ werden. So nennen Amerikaner hoffnungsvolle Talente, die in absehbarer Zeit an die Spitze der Weltrangliste vordringen werden. 

Die 14-jährige Amerikanerin hat im Juli einen Rekord gebrochen. Sie ist die jüngste Nummer eins bei den Juniorinnen aller Zeiten. Im Alter von zwölf Jahren gewann sie die prestigeträchtige Orange Bowl, die inoffizielle WM der Junioren. Im Vorjahr wurde sie bei den US Open die jüngste Finalistin überhaupt. Im Juni holte sie sich mit 14 Jahren und zwei Monaten den Titel bei den French Open. Zum Vergleich: Martina Hingis siegte 1994 in Paris im Alter von zwölf Jahren und acht Monaten. Bei Cori Gauff, Spitzname Coco, erinnert nicht nur das Äußerliche an Serena Williams, sondern auch ihre forsche Art. Die Teenagerin weiß, was sie will. „Ich sage immer, dass ich so sein will wie Serena und die Dinge erreichen will, die sie erreicht hat. Aber ich will weitergehen, so weit wie es mir möglich ist.“ Um es auf den Punkt zu bringen: „Ich will die Größte aller Zeiten werden.“  

Bei Federers Management unter Vertrag

Gauff hat Sportlergene im Blut. Ihr Vater war Basketball-Spieler an der Universität in Georgia, ihre Mutter eine begnadete Leichtathletin an der Universität in Florida. Der Tenniskarriere der Tochter zuliebe zog die fünfköpfige Familie (Gauff hat zwei jüngere Brüder) von Atlanta nach Delray Beach in Florida für bessere Trainingsmöglichkeiten. Mittlerweile trainiert sie hin und wieder an der Akademie von Patrick Mouratoglou, dem Erfolgstrainer von Serena Williams. „Sie ist sehr, sehr gut. Sie ist eine unglaubliche Athletin und Kämpferin. Sie hat viele Waffen und kann eine absolute Topspielerin werden. Ich glaube ganz fest an sie“, urteilt Mouratoglou über das gehypte Wunderkind. 

Cori Gauff – French Open 2018

Cori Gauff gewann 2018 die Juniorinnenkonkurrenz bei den French Open.

Das Leben von Gauff kennt derzeit nur ein Ziel: der nächste Tennis-Weltstar werden. Zur Schule geht die 14-Jährige nicht, sie wird stattdessen von ihrer Mutter zu Hause unterrichtet, was in den USA möglich ist. Bereits mit zehn Jahren wurde ein Ausrüstervertrag mit Nike geschlossen. Eine bekannte Agentur kümmert sich mittlerweile um das Management von Gauff: Team8, bei der Roger Federer Mitbegründer ist. Ob Gauff tatsächlich das Zeug zum nächsten großen Wunderkind im Tennis hat, lässt sich schwer prognostizieren. Es gibt genügend Beispiele von hoffnungsvollen Jugendlichen, die im Profitennis keine große Rolle gespielt haben.

Fall Capriati sorgt für Regeländerung

Einen rasanten Aufstieg in der Weltrangliste, wie es bei vielen Teenagern in den Achtzigern und Neunzigern der Fall war, wird es wohl nicht mehr geben. Ein Grund liegt darin, dass es im Tennis weitaus physischer zugeht als noch vor einigen Jahren. Ohne die nötige Athletik und Fitness wird es schwer, mit der Weltspitze mithalten zu können. Um die nötige Wettkampfhärte aufzubauen, braucht es bei vielen Spielern einige Jahre, bis man im knallharten Touralltag Fuß gefasst hat. Nur mit Spielwitz, den beispielsweise Martina Hingis und Michael Chang hatten, kommt man in der heutigen Power-Generation nicht mehr schnell nach oben. Der technische Fortschritt bei Schlägern und Saiten hat zudem dazu geführt, dass sich häufig die pure Kraft gegen das Ballgefühl duchsetzt.  

Zudem hat der Fall Jennifer Capriati im Damentennis zu einer Regeländerung geführt, die es jungen Spielerinnen etwas schwerer macht. Mit Beginn der Volljährigkeit rebellierte Capriati. Sie wurde wegen Marihuana-Besitz inhaftiert. Das Polizeifoto der Ameriknaerin ging um die Welt. Nach den Ereignissen um Capriati sowie dem Verheizen anderer Wunderkinder gilt auf der WTA-Tour, dass es erst mit 18 Jahren die volle Startberechtigung gibt. Vorher dürfen die Teenagerinnen nur eine begrenzte Anzahl von Turnieren spielen. Als 15-Jährige beispielsweise sind maximal zehn Turniereinsätze pro Jahr vorgesehen.

Gauff: „Ich werde nicht die nächste Serena Williams sein”

Während Capriati bereits im Alter von 13 Jahren bei den Profis für Furore sorgte, darf man mittlerweile erst mit 14 Jahren ins Profitennis einsteigen. Braucht es überhaupt neue Wunderkinder im Tennis, die nach ein paar Jahren ausgebrannt sind? Stefano Capriati, der Vater von Jennifer, sagte einst: „Kinder brennen nicht aus. Eltern tun das.“ Eine mehr als streitbare Aussage. Es gibt aber auch genügend Beispiele von ehemaligen Wunderkindern, die eine lange und erfolgreiche Karriere hingelegt haben – zum Beispiel Steffi Graf, Boris Becker und Stefan Edberg.  

Bei vielen Spielern besteht die Gefahr, dass man zu früh zu viel möchte und die Karriere schnell vorbei ist. Doch nicht nur im Tennis, sondern auch in anderen Sportarten setzt sich in der Regel Qualität immer durch – unabhängig vom Alter. Ob sich Gauff einen Gefallen damit tut, wenn sie als Jugendliche davon spricht, die Größte aller Zeiten zu werden? Sie wird an ihren forschen Worten gemessen werden. „Ich werde nicht die nächste Serena Williams sein. Ich werde die erste Cori „Coco“ Gauff sein“, sagt die Teenagerin. Man darf gespannt sein, ob die 14-Jährige ein neues Wunderkind-Kapitel hinzufügt. Frisches, junges Blut tut der Tennisszene immer gut.