Davidovich Fokina krönt Comeback in Shanghai
Alejandro Davidovich Fokina gewann zwar das spanische Finale beim Masters-Turnier in Shanghai, doch die Zukunft gehört eindeutig Rafael Jodar.
Es war ein spanisches Generationenduell voller Dramatik, taktischer Finesse und extremen Emotionen. Nach 2 Stunden und 28 Minuten verwandelte Alejandro Davidovich Fokina seinen Matchball und sank überwältigt auf den Hartplatz der Qizhong Forest Sports City Arena. Mit 1:6, 7:6 (5), 6:4 setzte sich der 27-jährige Andalusier im Finale des Rolex Shanghai Masters gegen seinen Landsmann Rafael Jódar durch und feierte damit den größten Titel seiner bisherigen Karriere.
Für Davidovich Fokina ist es nach fünf verlorenen Endspielen zu Beginn seiner Laufbahn und den vorangegangenen kleineren Titeln in Mallorca und Chengdu der allererste Triumph auf ATP-Masters-1000-Ebene. Der Lohn für den Titelgewinn spiegelt sich auch schwarz auf weiß im Ranking wider. Mit dem Zuwachs klettert der Mann aus Málaga am Montag um 13 Plätze nach oben auf Rang 13 der Weltrangliste, ein neues Career-High.
Entsprechend emotional zeigte er sich bei der Trophäenübergabe: „Ich habe gerade gar keine Worte. Mein Kopf ist völlig leer, ich weiß nicht, was ich sagen oder fühlen soll, es ist einfach eine riesige Erleichterung“, so Davidovich Fokina. „Nach dem ersten Satz musste ich einfach weiterkämpfen und dranbleiben, genau wie in jedem Match dieser Woche. Im Tiebreak habe ich wieder an mich geglaubt. Er hat großartiges Tennis gespielt, aber im dritten Satz hatte ich körperlich vielleicht ein bisschen mehr zuzusetzen. Er ist ein überragender Spieler und es war unfassbar schwer heute.“
Spanischer Schlagabtausch: Jódars Traumstart lässt Davidovich Fokina kalt
Dabei sah zunächst alles nach einem Durchmarsch des 20-jährigen Herausforderers aus. Jódar knüpfte nahtlos an seine Gala aus dem Halbfinale gegen Daniil Medvedev an, dominierte die langen Ballwechsel nach Belieben und überrollte Davidovich Fokina im ersten Satz förmlich mit 6:1. Als der Youngster auch im zweiten Durchgang mit Break 3:2 führte, schien die Vorentscheidung gefallen.
Doch Davidovich Fokina, der schon im Turnierverlauf gegen Alexander Zverev und Hubert Hurkacz Satzrückstände gedreht hatte, bewies enorme Nehmerqualitäten. Mit spektakulärem Einsatz und Hechtsprüngen schaffte er das Rebreak, wehrte in der Folge mehrere Breakchancen nervenstark ab und erzwang im Tiebreak mit 7:5 den Satzausgleich. Im entscheidenden dritten Satz forderte die physische Intensität der Vorwoche schließlich ihren Tribut.
Jodar verlor direkt sein erstes Aufschlagspiel , doch konterte mit dem Re-Break. Danach musste er aufgrund aufkommender Krämpfe ein Medical Timeout in Anspruch nehmen. Zwar biss der Youngster auf die Zähne, doch Davidovich Fokina nutzte die Gunst der Stunde, sicherte sich mit frischeren Beinen das entscheidende Break zum 3:2 und transportierte den Vorsprung sicher über die Ziellinie. Bitter für den jungen Spanier aus Madrid.
Kämpferherz Davidovich Fokina: Der Marathon-Mann von Shanghai
Dass Alejandro Davidovich Fokina am Ende überhaupt die Trophäe in den Händen hielt, grenzt an ein sportliches Stehauf-Wunder. Der Triumph in der chinesischen Metropole war kein glatter Durchmarsch, sondern ein physischer wie mentaler Abnutzungskampf der Extraklasse.
Schon in der dritten Runde stand der 27-Jährige mit dem Rücken zur Wand, als er gegen Frances Tiafoe einen Matchball abwehren und über die volle Distanz gehen musste. Auch in den Folgerunden gegen Hubert Hurkacz sowie im Halbfinale gegen Topfavorit Alexander Zverev bog er jeweils einen Satzrückstand mit schierem Willen und spektakulärem Einsatz um.
Dass er die Strapazen der Woche, geprägt von zähen Ballwechseln, Behandlungen und Momenten am Rande der totalen Erschöpfung, wegsteckte und auch im Finale nach verlorenem ersten Satz gegen Jódar ein Comeback hinlegte, unterstreicht seinen Ruf als einer der unermüdlichsten Fighter auf der Tour. Nach einer von Verletzungen und Zwangspausen geplagten Saison belohnte er sich für diese Leidensfähigkeit mit dem emotionalsten Titel seiner Karriere.
Newcomer der Saison: Jódars Traumjahr nimmt Kurs auf Turin
Trotz der bitteren Finalniederlage ist Rafael Jódar der unbestrittene Gewinner der Herzen und der Newcomer des Tennisjahres 2026. Was seine Leistung so außergewöhnlich macht, ist der beispiellose Weg dorthin. 2026 ist sein allererstes echtes Jahr auf der ATP-Profitour. Nachdem er im Spätsommer 2024 noch die Junioren-Konkurrenz der US Open gewonnen hatte, schlug er einen für spanische Ausnahmetalente höchst ungewöhnlichen Pfad ein und ging 2025 zunächst ins US-College-Tennis an die University of Virginia.
Erst nach diesem Reifeprozess folgte der Sprung zu den Profis und dort schlug er ohne jede Anlaufzeit wie eine Naturgewalt ein. Statt sich mühsam über Jahre auf der Challenger-Tour hochzudienen, stürmte der Madrilene bereits im Frühjahr bei den French Open in Roland Garros sensationell bis ins Viertelfinale und erreichte im Spätsommer beim Masters 1000 in Montréal das Halbfinale. In Shanghai bewies er nun endgültig, dass er bereits im Premierenjahr mit der absoluten Weltelite auf Augenhöhe mithalten kann.
Durch die 650 Finalpunkte verbessert sich Jódar in der offiziellen Weltrangliste auf ein neues persönliches Rekordhoch auf Platz 11. Der erstmalige Einzug in die Top 10 ist nur noch Formsache. Besonders elektrisierend ist sein Vorstoß mit Blick auf den Saisonabschluss.
Für die prestigeträchtigen ATP Finals in Turin qualifizieren sich traditionell nur die besten acht Profis des Jahres. Im aktuellen Live Race rangiert der 20-Jährige nun auf Platz 9 und hat sich damit bei den verbleibenden Hallenturnieren in eine glänzende Ausgangsposition gebracht, um als Jäger den direkten Sprung unter die besten Acht perfekt zu machen.
In Shanghai hat Davidovich Fokina nach langem Anlauf endlich den ersehnten ersten großen Titel auf Masters-Ebene gepackt, doch die Zukunft des spanischen und weltweiten Tennis gehört zweifellos Rafael Jódar.
