Hamburg Open 2019

VOLLES HAUS: So wie vor den Pandemiejahren soll es am Hamburger Rothenbaum auch 2022 wieder zugehen.

Hamburger Rothenbaum-Turnier: Der große Masters-Plan

Der Deutsche Tennis Bund will langfristig ein Masters-Turnier nach Deutschland holen. Auch deshalb geht der Streit mit den Veranstaltern am Hamburger Rothenbaum weiter.  

 

Kurz-Zusammenfassung:

– Künftig soll das Hamburger Rothenbaum-Turnier von der Agentur „Tennium“ veranstaltet werden

– Schon ab 2025 könnte das Traditions-Turnier den Standort wechseln

– Der DTB hofft auf ein Masters-1000-Event auf Rasen zwischen Paris und Wimbledon in Deutschland

 

Der deutsche Turniersommer läuft auf vollen Touren. Die Herren in Stuttgart und Halle sowie die Damen in Berlin haben ihre Matches auf Rasen absolviert. Aktuell gastiert die WTA bei den Bad Homburg Open. Vordergründig freuen sich die Veranstalter nach zwei Corona-Jahren über das gute Wetter und das pralle Tennisleben. Hinter den Kulissen wird ein ganz anderes Thema heiß diskutiert. Es geht um die Zukunft des Hamburger Turniers, das in diesem Jahr vom 16. bis 24. Juli erstmals als „combined event“ mit Damen und Herren durchgeführt wird. Fragezeichen gibt es einige. Die Veranstalter der Hamburg European Open, der Österreicher Peter-Michael Reichel und dessen Tochter Sandra, streiten mit dem DTB. Es wird bereits über Anwälte kommuniziert. Es könnte sogar dazu kommen, dass das Turnier abwandert.

Aber der Reihe nach. Den (Filz-)Ball ins Rollen hatte das Hamburger Abendblatt gebracht. „Warum am Rothenbaum der nächste Neustart bevorsteht“, titelte die Zeitung am 24. Mai. Einen Tag später meldete sich unter anderem via tennis MAGAZIN Veranstalter Reichel zu Wort und empörte sich darüber, „monatelang vom DTB“ in Sachen Vertragsverlängerung „hingehalten“ worden zu sein. Der Zoff um das Rothenbaum-Turnier war nun vollends entbrannt.

Zoff um das Hamburger Rothenbaum-Turnier

Um alles zu verstehen, lohnt ein Blick in die Vergangenheit. Familie Reichel übernahm 2019 die Organisation des Herrenturniers nach zehn Jahren von Michael Stich. Die Lizenz gehört dem DTB. Die Reichels und der DTB vereinbarten vertraglich eine fünfjährige Zusammenarbeit, bis 2023 also. Nach der geglückten Hamburg-Premiere folgten zwei „Corona-Ausgaben“ mit eingeschränktem Betrieb – ein Fakt, der im weiteren Verlauf dieser Geschichte noch Brisanz birgt. In diesem Jahr spielt man im Hamburger Nobelstadtteil Harvestehude endlich wieder vor vollen Rängen.

Bisher waren die Reichels davon ausgegangen, dass sie das Turnier auch über 2023 hinweg veranstalten können. Dass es in diesem Jahr erstmals eine kombinierte Veranstaltung mit Damen und Herren gibt, gehört zur Strategie der österreichischen Macher. Für das Damenturnier gibt es aktuell einen Einjahresvertrag. „Ich bin extrem happy, dass uns das gemeinsam mit unseren Partnern gelungen ist. Für mich geht damit ein Traum in Erfüllung! Ein kombiniertes Turnier ist für mich das ultimative Produkt für die Tennisfans“, sagte Turnierdirektorin Reichel, als feststand, dass es in der Hansestadt erstmals seit 1978 ein „combined event“ geben wird.

Und auch sonst schien alles gut zu sein. Mäzen und Unternehmer Alexander Otto hatte 2019 mit seiner Firma ECE acht Millionen Euro für die Sanierung des Stadions gespendet. Die Gesamt-Investition: zehn Millionen Euro. Es gab immer wieder fruchtbare Gespräche zwischen Veranstalter und der Stadt Hamburg. Und auch der Club an der Alster war zufrieden. Ihm gehört die Anlage, auf dem das Turnier ausgetragen wird. Der DTB besitzt nur die Nutzungsrechte bis 2049. „Uns wurde von allen Seiten signalisiert, dass man mit der Entwicklung des Turniers sehr zufrieden ist“, sagt Peter-Michael Reichel gegenüber tennis MAGAZIN.

Das, was folgte, sei ein „Schlag vor den Kopf“ für ihn gewesen. Anfang Mai erfuhren die Reichels, dass man mit ihnen nicht weiter plane, was vor allem im Hinblick auf die Akquise künftiger Sponsoren „eine Katastrophe“ sei, da die Planungssicherheit fehle. Im Hamburger Abendblatt hatte Reichel bereits gesagt: „Wir gehen davon aus, dass unser Vertrag mit dem DTB zumindest als Ausgleich für die zwei Corona-Jahre, in denen er von beiden Seiten nicht in vollem Umfang erfüllt werden konnte, verlängert wird. Natürlich wollen wir nach unserer erfolgreichen Weiterentwicklung des Turniers langfristig in Hamburg dabei sein.“

Hamburger Rothenbaum

AMTIERENDER CHAMPION: Der Spanier Pablo Carreno Busta gewann 2021 am Hamburger Rothenbaum.

Beim DTB sieht man das anders. Zwar wollte sich niemand offiziell gegenüber tennis MAGAZIN äußern, aber intern hieß es, Corona habe auch andere hart getroffen. Es gebe keinen Grund für eine Vertragsverlängerung. Nach Informationen von tennis MAGAZIN haben bereits die Anwälte übernommen. Und die werden sicherlich auch über einen Passus streiten, der im Vertrag steht. Darin heißt es, dass sich der Deutsche Tennis Bund bis Dezember 2020 über die Weiterführung des Vertrages äußern muss, damit der Veranstalter Planungssicherheit hat. Nun, der DTB hat dies nicht getan oder wie es Reichel formuliert: „Man hat uns über fast zwei Jahre im Unklaren gelassen.“

tennis MAGAZIN schickte dem DTB daraufhin einen Fragenkatalog, den man beim Verband allerdings nicht beantworten wollte:

– Warum will der DTB den Vertrag mit der Familie Reichel zur Fortsetzung der Ausrichtung des Rothenbaum-Turniers nicht verlängern?
– Laut Peter Michael Reichel wurden er und seine Tochter Sandra vom DTB in Sachen Vertragsverlängerung hingehalten – geht man so mit Partnern um?
– Gab es eine offizielle Ausschreibung für die Lizenzvergabe des Turniers ab 2024?
– Welche langfristigen Pläne hat der DTB mit dem Turnier-Standort Hamburg? Und welche Rolle spielt dabei ein möglicher Masters-1000er-Status für ein deutsches Turnier?

Die Gründe, warum sich der DTB so wortkarg gibt, sind nachvollziehbar: Vor der Turnierwoche im Juli will der Verband kein Öl ins Feuer gießen, um Schaden vom Hamburger Rothenbaum-Turnier fernzuhalten. Nur: Der Schaden ist bereits da.

Denn ausgerechnet DTB-Präsident Dietloff von Arnim hatte die Causa Rothenbaum im Hamburger Abendblatt selbst ins Rollen gebracht. Unter anderem mit Zitaten wie diesem: „Es gibt einige Interessenten, die das Herrenturnier in Hamburg gern ausrichten wollen. Unsere Aufgabe als DTB ist es, die beste Lösung für den Verband zu finden, deshalb haben wir eine neue Ausschreibung vorgenommen“, sagte er am 24. Mai, bevor die Reichels erstmals Stellung bezogen. Kolportiert wird nun, dass die Tinte unter dem neuen Vertrag „noch nicht trocken“ ist, der Veranstalter in spe also den Kontrakt noch nicht unterschrieben hat. Man befinde sich im Prozess.

Die beste Lösung für den Verband? Sie scheint gefunden. Und sie stand spätestens am 28. April fest. Da tagte digital der sogenannte Bundesausschuss, bestehend aus dem Präsidium und den Präsidenten der Landesverbände (das Protokoll liegt tennis MAGAZIN in Auszügen vor). Am spannendsten war der Bericht aus dem Ressort I, dem der DTB-Präsident vorsteht. Demnach gab es im „Sondierungs- und Entscheidungsprozess des Präsidiums zur Lizenzvergabe HEO (Hamburg European Open) 2024 ff.“, so die interne Bezeichnung des Vorgangs, drei Bewerbungen für das Hamburger Turnier: eine von der Familie Reichel, eine von Tennium und eine von Sportfive (früher Lagardère Sports), beides internationale Sportmarketing-Agenturen.

Tennium als Ausrichter am Hamburger Rothenbaum

Weiter steht im Protokoll, dass das Präsidium Tennium als neuen Partner und Ausrichter am Rothenbaum präferiere. Später heißt es, dass es sich bei der Wahl nicht um „eine Empfehlung“, sondern um „eine getroffene Entscheidung des Präsidiums“ handelt. Schließlich habe man die Idee ein Jahr lang reifen lassen. Im Klartext: Im Bundesausschuss sollte nur noch das abgenickt werden, was im Präsidium längst beschlossene Sache war.

Ein wichtiger Faktor bei der Entscheidungsfindung war – natürlich – das Geld. Genauer: Von welchem Veranstalter der DTB die höchste Garantiesumme zugesichert bekommt. Laut Protokoll von der Bundesausschuss-Sitzung bietet Tennium ein jährliches Paket über 700.000 Euro an; das Angebot der Familie Reichel lag bei 500.000 Euro. Bei einem Unterschied von 200.000 Euro erscheint es logisch, dass sich der Verband für Tennium entschied.

Allerdings: Die 500.000 Euro der Reichels bezogen sich auf ihr Angebot von 2019, als man den ersten Vertrag mit dem DTB abschloss. Dies wurde tennis Magazin von mehreren Quellen bestätigt. Im März 2022, also vor der Sitzung vom DTB-Bundesausschuss, sollen die Reichels ihr Angebot für den DTB erneuert haben: Auch ihre Garantiesumme habe sich nun auf 700.000 Euro belaufen.

tennis MAGAZIN hat den DTB mit den neuen Ergebnissen der Recherchen konfrontiert. Dieses Mal gab es eine Antwort: „Grundsätzlich kommentiert der DTB keine Details von Vertragsgesprächen in der Öffentlichkeit. Wir sehen es als guten Stil und Umgang mit allen Partnern an, erst bei Vertragsunterzeichnung umfassend zu kommunizieren. An Spekulationen beteiligen wir uns nicht.“ Zu den konkreten Vorgängen rund um die Garantiesummen teilte der Verband mit: „Die (von tennis MAGAZIN, Anm. d. Red.) gemachten Angaben sind inhaltlich nicht korrekt.“

Es war offensichtlich nicht nur das Geld, das bei der Lizenzvergabe ab 2024 eine wichtige Rolle spielte. Dass es den Reichels nicht gelungen war, einen Titelsponsor zu akquirieren, stört den DTB. Es sehe in der Außendarstellung nicht gut aus, gerade wenn man Deutschland bei der ATP als starken Tennismarkt positionieren will. Auch in puncto Spielerfeld traut man dem neuen Partner offenbar mehr Kompetenz zu als dem alten. Man muss diese Ansicht nicht teilen: Immerhin gelang es den Reichels, die Weltstars Alexander Zverev und Stefanos Tsitsipas an den Rothenbaum zu locken.

Hamburger Rothenbaum

TRAINING AM HAMBURGER ROTHENBAUM: Stefanos Tsitsipas trat 2020 und 2021 bei den Hamburg European Open an.

Stellt sich die Frage, wer Tennium überhaupt ist. Vor sieben Jahren startete die Agentur als Start-up mit dem Turnier in Antwerpen. Seitdem sind sie bekannt dafür, den internationalen Markt aufzumischen. Mit Buenos Aires veranstaltet die Agentur ein weiteres ATP 250er-Turnier, hinzu kommt noch ein WTA 125er-Event in Valencia. Seit 2021 richtet Tennium das ATP 500er-Event in Barcelona aus und stach im Pitch um die Ausrichtung des Events unter anderem die Agentur Kosmos von Gerard Pique aus, die den „neuen“ Davis Cup veranstaltet. Zuvor war die Vermarktung von Barcelona beim größten Player in der Branche angesiedelt – bei IMG. tennis MAGAZIN nahm mit Tennium Kontakt auf, schickte der Agentur Fragen zum Turnier in Hamburg – und erhielt keine Antworten.

Hört man sich in der Szene der Turnierveranstalter um, ist man auf den Neuling nicht gut zu sprechen. Die Organisation in Barcelona sei alles andere als optimal gewesen, sagt ein Topmanager. Der Kopf hinter Tennium heißt Kristoff Puelinckx, ein schwerreicher belgischer Geschäftsmann mit einer Leidenschaft für Tennis. Der Mitgründer von Tennium – und jetzt wird es interessant – heißt Sebastien Grosjean. Der Franzose war früher die Nummer vier der Welt. Seit 2010 ist er nicht mehr aktiv. Dass er mit Dirk Hordorff, Vizepräsident im DTB und als Sportwart mitverantwortlich für das Hamburger Turnier, gut bekannt ist, dürfte nicht geschadet haben. Er und Grosjean kennen sich seit dessen Anfängen als Profi. Der Franzose spielte auch schon mal für den TC Bad Homburg, Hordorffs Heimatclub.

Ein Masters auf Rasen am Hamburger Rothenbaum

Taucht man tiefer in die Thematik ein, stößt man auf Pläne des DTB, die weit über das Hamburger Turnier und den aktuellen Streit mit den Reichels hinausgehen. Seit der Rothenbaum 2008 seinen Masters-Status verlor, träumt man beim Verband davon, wieder eines der ATP-Eliteturniere in Deutschland veranstalten zu dürfen. Aktuell sieht es so aus, als gebe es eine Chance dafür. Die Herrenorganisation ist dabei, die Tour umzubauen. „Vision One“ heißt das von ATP-Chef Andrea Gaudenzi gepushte Projekt, das auch ein europäisches Mastersturnier zwischen Roland Garros und Wimbledon vorsieht. Gespielt werden soll auf Rasen. Zeitpunkt ist die Woche, in der aktuell die Terra Wortmann Open in Halle gespielt werden. Nur: Die früheren Gerry Weber Open kämen als Austragungsort für das Masters nicht in Frage. Die ATP möchte, dass in einer Großstadt gespielt wird, und so spricht der DTB bereits mit Halle-Turnierdirektor Ralf Weber über ein Zukunftskonstrukt für ihn.

Das Traumszenario für den DTB wäre ein Masters in Hamburg. Allerdings braucht man dafür mindestens sechs Rasenplätze, ein Dach über Court 1 und Platz für ein 56er-Spielerfeld. Die Anlage müsste erweitert werden. Diskutiert wird bereits die Einbindung des nahegelegenen Grundstücks der Hamburger Uni für die Errichtung von Trainingsplätzen. Die Frage ist: Wie sieht das der Club an der Alster, der seine Mitglieder von einem Umbau überzeugen müsste? Und: Was sagt die Stadt Hamburg, mit der der DTB schon in Gesprächen ist? Aus dem Umfeld von Mäzen Alexander Otto ist zu hören, dass man lieber auf Kontinuität setzen würde. Die Reichels hätten das Turnier unter schweren Umständen weiterentwickelt, heißt es.

In jedem Fall geht der DTB auch mit anderen Städten auf Tuchfühlung. Sogar ein Masters-1000-Event in der Merkur Spiel-Arena, dem Stadion von Fortuna Düsseldorf, kann man sich vorstellen. „Think big“, heißt das gegenwärtige Credo beim DTB.

Aus wirtschaftlicher Sicht ergibt das Treiben der rührigen Verbandsspitze durchaus Sinn. Ein Turnier der höchsten Kategorie würde im Vergleich zum aktuellen 500er-Event viel mehr Geld in die Kassen spülen. Allein rund 15 Millionen Euro garantiert ein globaler TV-Pool. Geld, das man in Infrastruktur, Coaches und Förderung von Talenten stecken könnte.

Zukunftsmusik. Eine Änderung der DTB-Lizenz steht frühestens 2025 an. Aktuell spricht vieles für eine schmutzige Trennung zwischen dem Verband und der Familie Reichel. Was schade ist. Der Deutsche Tennis Bund hätte das Theater hinter den Kulissen vermeiden können, wenn man transparent mit dem Partner umgegangen wäre.

Mitarbeit: Tim Böseler