Joao Fonseca im Porträt: Einer für die erste Reihe
Sollten nicht alle Experten von Agassi bis Federer komplett daneben liegen, dann wird Joao Fonseca einer der nächsten Superstars im Tennis. tennis MAGAZIN hat den Brasilianer in San Francisco getroffen – und war schwer begeistert vom Auftreten des Teenagers.
Für ein Foto ist nun keine Zeit mehr. Definitiv nicht. Nicht hier und nicht jetzt. Es ist ein Machtwort. Zwar noch ansatzweise freundlich ausgesprochen von der energischen Mitarbeiterin beim Laver Cup im Bauch des Chase Centers in San Francisco, aber in einer Tonlage vorgetragen, die keinen Widerspruch duldet. Wenige Sekunden später: Die Dame lächelt – und macht mehrere Fotos. Denn Joao Fonseca wollte es so. „Ein paar Fotos sind cool. Gerne, das passt schon. Los geht’s.“
Typisch Fonseca. Er gewinnt nicht nur Tennis-Matches. Er gewinnt auch Herzen. „Charisma kannst du nicht lernen. Fonseca hat es.“ Das sagt wenig später John McEnroe im Gespräch mit tennis MAGAZIN.
Joao Fonseca: Der neue Tennis-Star aus Südamerika?
Joao Fonseca: Das beste Grand Slam-Debüt der Tennisgeschichte
Phänomen Fonseca. Der Brasilianer ist erst 19 Jahre jung, er ist bei einem Grand Slam-Turnier bisher noch nie über die dritte Runde hinausgekommen. Aber der in Rio de Janeiro aufgewachsene Rechtshänder hat dennoch bereits eine Strahlkraft, die weit über seine brasilianische Heimat hinaus wirkt.
Smart, charmant, offen. Mit einem Hauch von Lausbuben-Lächeln. So tritt Fonseca auf. Er spricht hervorragendes Englisch und ist seinem Gesprächspartner zugewandt. McEnroe war 170 Wochen die Nummer eins der Tenniswelt, hat sieben Grand Slam-Titel gewonnen. Der US-Amerikaner ist ein höchst kundiger, aber eher kritischer als euphorischer Begleiter der aktuellen Tennisszene.
Joao Fonseca: „Ich suche noch meinen Weg”
Fonseca hat die Top 20 der Weltrangliste noch längst nicht erreicht, liegt aktuell auf Platz 28 (Stand 27. Oktober). Aber nun nippt McEnroe an seinem Mineralwasser und schwärmt: „Fonseca umgibt schon jetzt eine Aura. Und sein Spiel, wie er attackiert, wie er immer draufgeht, das ist großartig.“
Mit dieser Einschätzung befindet sich McEnroe in bester Gesellschaft. Denn es fällt auf: Es sind die absoluten Kenner der Szene, die einstmals Besten der Besten, die derart von Fonseca begeistert sind.

Hoppla, jetzt kommt er: Joao Fonseca, 19, Brasilianer aus Rio de Janeiro, Nummer 27 der Welt, zwei ATP-Titel und rund 2,5 Millionen Dollar Preisgeld auf dem Konto.Bild: ATP Tour
Zum Beispiel fünf ehemalige Weltranglisten-Erste. Neben John McEnroe nämlich auch Roger Federer, Andre Agassi, Andy Roddick und Patrick Rafter. Dieses Superstar-Quintett erlebte und begleitete Fonseca beim Laver Cup im September über mehrere Tage hautnah.
Fonseca selbst sind die Lobpreisungen und die (Vorschuss)-Lorbeeren fast unangenehm. „Ich höre mehr zu, als dass ich selbst rede. Ich suche noch meinen Weg“, sagt er über seinen Austausch mit den ganz Großen seines Sports. So selbstbewusst sein Spiel auch ist, so keck auch seine Interaktionen mit dem Publikum – er sieht sich als Lernender.
Wohlhabendes Elternhaus
Fonseca ist behütet und durchaus privilegiert aufgewachsen. Seine Eltern Roberta und Christiano sind finanziell unabhängig und als Investoren zu Reichtum gekommen. Fonsecas Vater ist CEO und Mitbegründer von IP Capital Partners Brazil. Dieses Unternehmen der Finanzbranche managt Hedgefonds und war bei der Gründung 1988 die erste bankenunabhängige Vermögensverwaltungsfirma in ganz Brasilien.
Umsatzzahlen werden nicht veröffentlicht, aber es gilt als gesichert, dass das Unternehmen Milliardensummen bewegt. Kurzum: Für die Karriere von Joao Fonseca war und ist finanzieller Druck nie ein Thema gewesen, seit er als Vierjähriger erstmals einen Tennisschläger in die Hand nahm.
Sport war seitdem immer elementarer Teil seines Heranwachsens. Bis heute surft er gerne. Mit dem Fußballspielen hat er aufgehört, als er sich mit 14 Jahren eine Beinverletzung zugezogen hatte.
Spätestens ab diesem Zeitpunkt lag der Fokus voll auf Tennis. Da war es durchaus praktisch, dass seine Eltern Mitglieder im gediegenen Rio de Janeiro Country Club sind. Dort wird Tennis gespielt. Und dort hat Fonseca folgerichtig den Großteil seiner Jugend verbracht. Bis heute ist der Club ein Fixpunkt seines Lebens.
Seit seinem 14. Lebensjahr wird er von Guilherme Teixeira gecoacht. Der 38-jährige ist kein Trainer von Weltrang, aber fachlich extrem versiert. Fonseca vertraut ihm. Zudem ist der ehemalige Trainer der argentinischen Tennislegende Juan Martin del Potro, Franco Davin, sein Mentor und Ratgeber.
Fonseca war Stammgast bei den Rio Open
Bis vor etwa drei Jahren war Fonseca selbst in Brasilien weitgehend unbekannt, trotz einiger Erfolge im Jugendbereich. Dem großen Tennis kam er dabei vor allem als Fan nahe. Sein Elternhaus im weltberühmten Strand-Stadtteil Ipanema ist nur zehn Minuten vom Veranstaltungsort der Rio Open entfernt. Dort hatte Klein-Joao immer einen Platz ganz vorne auf den Tribünen. Und dort beobachtete er und saugte auf: Wie spielen sie, was machen sie, wie treffen sie wo den Ball, wie bewegen sie sich? Dieser Lernwille ist bis heute geblieben.

Hat das Zeug zum Volkshelden: Joao Fonseca während seines Heimspiels beim ATP 500er-Turnier in Rio de Janeiro.Bild: Imago/Felix
So sagt Patrick Rafter (zweimal Sieger der US Open, zweimaliger Finalist von Wimbledon, eine Woche Nummer 1), der ihn beim Laver Cup eine Woche lang trainiert hat: „Joao will lernen, und er lernt schnell. Er nimmt Ratschläge an und ist für sein Alter ungewöhnlich weit und erwachsen.“ Und so kam Rafter zu der Einschätzung, dass Fonseca „schon viel kann, aber auch noch viel lernen muss. In zwei Jahren wird er ein großartiger Spieler sein“.
Eine ähnlich glänzende Perspektive erkennen offenbar auch Roger Federer (301 Wochen Nummer 1, 20 Grand Slam-Siege) und dessen Manager Tony Godsick. Die hätten Fonseca mit ihrer Agentur Team8 gerne unter Vertrag genommen. Aber dazu ist es bisher noch nicht gekommen. Fonseca lässt sich bisher ausschließlich von seiner Familie beraten. „Meine Eltern sind meine Agenten“, sagt Brasiliens große Hoffnung.
Hype um Joao Fonseca wie bei Ayrton Senna
Und das scheint sehr gut zu funktionieren. Sponsoren reißen sich um ihn. Rolex (Uhren), On (Bekleidung), Yonex (Schläger), JF Living (Immobilien) gehören zu den aktuellen Partnern. Er könnte diesen Kreis noch erheblich erweitern. Aber in diesem Feld tritt er weit defensiver und vorsichtiger auf als auf dem Tenniscourt. Federer, er war in Fonsecas Jugend dessen Lieblingsspieler, sagt: „Joao umgibt schon jetzt etwas Besonderes.“
Aber was ist so besonders an seinem Spiel? Es ist die Mischung aus Kraft, Athletik, Tempo und Aggressivität. Fonseca selbst sagt: „In meine Technik habe ich großes Zutrauen. Aber mir fehlt noch die Erfahrung, wie ich wann die Bälle zu spielen habe. Auch auf verschiedenen Belägen. Das können die Spieler aus den Top 20, Top 10 und Top 5 besser als ich.“
2023 war Fonseca Nummer eins der Junioren zum Jahresende. Danach rückte er mehr und mehr ins Rampenlicht. „Der Hype um Joao ist inzwischen fast zu vergleichen mit der Begeisterung für Ayrton Senna“, sagt Alexandre Cossenza, brasilianischer Journalist bei UOL, dem größten portugiesischsprachigen Internetportal weltweit. Zur Einordnung: Senna, der 1994 bei einem Rennunfall in Italien tödlich verunglückte dreimalige Formel-1-Weltmeister, ist in Brasilien eine Ikone, nahezu ein Nationalheiliger. Selbst Pelé, der vielen als bester Fußballer aller Zeiten gilt, wurde in Brasilien nicht so vergöttert wie Senna.
Der Funke springt über bei Fonseca
Ist daher dieser Vergleich nicht eventuell ein wenig verfrüht? tennis MAGAZIN hatte auch die Gelegenheit, mit Gabriela Sabatini (Story ab Seite 74) über Fonseca zu sprechen. Sabatini ist Argentinierin, war einstmals eine der größten Rivalinnen von Steffi Graf. Sabatini kennt sich also aus mit Erwartungen, Druck und der geradezu grenzenlosen Begeisterung in Südamerika für Sportstars.
Sie sagt: „Joao Fonseca hat ein spektakuläres Spiel. Der Funke springt über. Es macht einfach Freude, ihm zuzusehen.“ Ein Grund für die Fonseca-Mania in dessen Heimat sei aber auch, dass „es im Fußball für Brasilien derzeit nicht ganz so gut läuft“. In der Tat: Weltmeister ist Brasiliens Erzrivale Argentinien mit Superstar Lionel Messi. Einen alles überragenden Top-Star des Fußballs hat Brasilien momentan nicht.

Erster ATP-Sieg: In Buenos Aires holte sich Joao Fonseca mit 18 Jahren und fünf Monaten den Titel.Bild: Imago/Cortina
Und so bekommt Fonseca in seiner sportverrückten Heimat auch deshalb diese riesige Aufmerksamkeit. Auf der Profi-Tour hat Fonseca bisher zwei Turniere gewonnen, im Februar dieses Jahres auf Sand in Buenos Aires gegen Francisco Cerundolo (ATP-Rang 22) und im Oktober in Basel gegen Alejandro Davidovich Fokina (ATP 18).
Bei den NextGen ATP-Finals 2024 schlug Fonseca im saudi-arabischen Jeddah den US-Amerikaner Learner Tien (19), ebenfalls einer der Aufsteiger auf der Herrentour. Experten, die weit in die Zukunft blicken, sehen schon das Duell Fonseca gegen Tien beim Kampf um Platz eins.
Roddick schwärmt von Fonseca
Auf dem langsamen Hartplatz beim Laver Cup wurde Fonseca zum jüngsten Sieger der noch jungen Turniergeschichte (achte Auflage), als er gegen Flavio Cobolli (ATP-Rang 21) mit 6:3 und 6:4 gewann und damit seinen Anteil am 15:9-Triumph von „Team World“ über „Team Europe“ hatte.
Und dort fiel mit Andy Roddick einer weiteren ehemaligen Nummer 1 der Welt (13 Wochen auf Platz 1, Sieger der US Open 2003) auf, was Fonsecas Spiel so speziell macht: „Außer Carlos Alcaraz und Jannik Sinner gibt es auf der Tour keinen Spieler, der einen toten Ball auf einem langsamen Court so beschleunigen kann wie Fonseca. Es ist unglaublich.“

Mit Haarpracht und Musketier-Bart: Im Look ähnelt Joao Fonseca ein bisschen dem jungen Gustavo Kuerten. Gugas drei Grand Slam-Siege sind die Messlatte für den 19-Jährigen.Bild: ATP Tour
Genau diese Fähigkeit hatte Teamkapitän Andre Agassi (101 Wochen Nummer 1, acht Grand-Slam-Titel) dazu verleitet, den jungen Fonseca beim Laver Cup in das Team Welt aufzunehmen. „Joao hatte meine Aufmerksamkeit von dem Moment an, als ich ihn erstmals gesehen habe. Es ist für mich unglaublich, wie er mit dieser Härte schlagen kann, ohne dabei die Balance zu verlieren.“ Das erinnere ihn an Alcaraz.
Der sportliche Wert vom Laver Cup ist zu diskutieren, schon alleine, weil Siege an den drei Turniertagen hintereinander einen Punkt, dann zwei und drei Punkte wert sind. Gleichwohl war dieses Teamevent für Fonseca von enormer Bedeutung. „Ich konnte lernen. Man spricht hier mit Spielern, die sonst deine Gegner sind, über Stärken und Schwächen. Man hilft sich.“
Traumduo Kuerten und Fonseca?
Und Hilfe saugt Fonseca bereitwillig auf. Er will ständig dazulernen. Da würde es sich anbieten, dass auch die brasilianische Tennis-Ikone Gustavo Kuerten (dreimaliger Sieger der French Open) eine Rolle im Team Fonseca übernimmt. Dazu ist es aber bisher nicht gekommen. Kuerten hat seine Hilfe schon dezent angeboten, drängt sich aber nicht auf: „Ich bin da, wenn ich gefragt werde.“
Fonseca ist in Brasilien auf dem Weg zu einem Superstar. Journalisten reisen ihm hinterher. Unternehmen wollen mit ihm werben. Aber zusammen mit seinen Eltern lässt er sich nicht drängen, erst recht nicht bedrängen. Seine Freundin Manu Noronha (20) studiert und modelt. Kurzum: Das attraktive Paar würde so manchen roten Teppich oder glitzernde Gala veredeln. Aber sie machen es kaum, halten sich mit öffentlichen Auftritten stark zurück.
Denn der Fonseca-Fokus liegt im Moment voll auf der sportlichen Weiterentwicklung. Dabei kann er sich bisher, ungewöhnlich für sein Alter, auf eine erstaunliche Nervenstärke verlassen. „Das war schon immer so“, sagt er. In seinem Spiel ist die Lust auf den Sieg immer schon viel größer gewesen als die Angst vor dem Verlieren. Genau diese Eigenschaft macht Sieger aus.

treffen in San Francisco: tennis MAGAZIN-Autor Dietmar Gessner war beeindruckt von Fonsecas Höflichkeit.Bild: Datenbank
Vita Joao Fonseca
Der Brasilianer, 19, gilt in seiner Heimat als kommender Superstar. 2024 gewann er die Next Gen Finals in Jeddah, Saudi-Arabien. 2025 holte er ATP-Titel in Buenos Aires und Basel. Der 1,88 Meter-Mann rangiert aktuell unter den Top 30. Sein Aufstieg Richtung Top Ten scheint nur eine Frage der Zeit. Trainiert wird der Mann aus Rio von Guilherme Teixeira. Manager ist sein Vater Christiano, CEO eines Hedgefonds.

Glamour-Paar: Fonseca mit Freundin Manu Noronha (20) bei der Laver Cup-Gala.
