Nitto ATP Finals – Day Seven

Kein Biss, kein Wille – was deutschen Tennistalenten fehlt

Sie werden erstklassig ausgebildet, aber deutschen Nachwuchsspielern mangelt es an Verantwortung und Durchsetzungsvermögen. Tennistrainer Marco Kühn erklärt, warum gerade diese Tugenden bei jungen Tennistalenten so wichtig sind.

Immer wenn ich mit meinem Hund, einem Mini Australian Shepherd Dexter, die Feldwege bei uns zu Hause erkunde, ist er nicht mehr zu bremsen, wenn er einen Vogel auf einem der Felder entdeckt. Wie ein wildgewordener Terrier zieht er an der Leine, fokussiert den Vogel, bellt ihn an, jault und würde ihm Notfall die Leine mit einer Schere durchschneiden – wenn er denn eine Schere hätte.

Genau dieser Biss, dieser unbedingte Wille, scheint jungen Tennisspielern in Deutschland zu fehlen. Dank Barbara Rittner und vielen anderen hervorragend ausgebildeten Trainern haben junge Spieler eine professionelle Basis, um ihre Träume und Ziele zu verwirklichen. An einem Punkt endet aber die Arbeit von Barbara Rittner und Co. Und zwar dort, wo der Spieler selbst die Verantwortung für sein Tennis übernehmen muss. Wo ihm nicht mehr alles auf den Schläger gelegt wird. Wo er nicht mehr massiert und von absoluten Profis unter die Fittiche genommen wird. Es ist der Punkt, an dem der Charakter des Spielers darüber entscheidet, wo die Reise in der Karriere hinführt.

Djokovic sucht immer nach Lösungen – nicht nach Ausreden

Junge Spieler sind Meister darin, die Gründe für ihre Leistungen in äußeren Umständen zu finden. Dies gilt für Niederlagen ebenso wie für Siege. Wenn ein wesentlich stärkerer Spieler bei einem wichtigen Turnier besiegt wurde, dann fällt es jungen Spielern schwer zu sagen: „Ja, da hab ich wirklich die richtigen Lösungen in den entscheidenden Matchsituationen gefunden. Das war richtig stark.“ Stattdessen wird die Verantwortung gern abgegeben und gesagt: „Naja, der Gegner war heute auch nicht so stark und hatte nicht seinen besten Tag.“

Wenn junge Spieler früh lernen für ihre Leistungen auf dem Platz (und daneben) die volle Verantwortung zu übernehmen, dann merken sie sehr schnell, wie viel Einfluss sie eigentlich auf ihre spielerischen Leistungen haben. Sobald die Verantwortung an das Wetter, den Platz, die schlechte Vorbereitung, die Bälle, den zwitschernden Vogel beim zweiten Aufschlag oder die schief stehende Sonne abgetreten wurde, gibt man als junger Spieler seine Macht über die Geschehnisse auf dem Platz ab.

Novak Djokovic hat es als Kind nicht interessiert, wie weit der Weg bis zum Wimbledon-Titel sein mag. Er hat die Verantwortung für sein Handeln übernommen und ist diesen Weg einfach gegangen. Djokovic hat nie nach Ausreden, sondern immer nach Lösungen gesucht. Das ist die Annahme der kompletten Verantwortung.

Das Mindset von Zverev ist vorbildlich – nicht die Vorhand

Sich durchzusetzen muss nicht immer heißen, dass man wild und aggressiv wird. Viel mehr bedeutet Durchsetzungsvermögen, für sich selbst eine Vision zu kreieren und anschließend alles daran zu setzen, diese Vision in die Tat umsetzen. Wahrscheinlich schlummert in vielen talentierten Spielern dieses Durchsetzungsvermögen. Doch es fehlt die Vision, die dieses freizusetzen vermag.

VORBILD ZVEREV: Bei ihm stimmt die Einstellung auf und neben dem Platz.

Die heutige Gesellschaft ist so programmiert, dass die Möglichkeiten grenzenlos scheinen. Wenn man es auf einem Wege nicht schafft, dann wird man einfach Instagram-Influencer oder der nächste YouTube-Star. Unsere digitale Gesellschaft macht es jungen Tennispielern verdammt schwer. Wer will sich denn schon im Training quälen, auf Freizeit verzichten und Opfer bringen, wenn man abends auf dem Smartphone das lockere Leben gleichaltriger Jungs oder Mädchen verfolgen kann?

Aber genau in diesem Punkt ist der entscheidende Aspekt versteckt. Wenn sich kaum jemand aufraffen, motivieren und durchsetzen kann, dann wird der, der genau das schafft, auch erfolgreich werden. Das beste Beispiel für diesen Prozess ist Alexander Zverev. Er ist den steinigen Weg gegangen, hat Opfer gebracht, hat sich gequält, hat die Verantwortung für sein Tennis übernommen und hat sich durchgesetzt. Jeder junge und talentierte Spieler sollte sich dieses Mindset von Alexander Zverev abschauen.

Die Entwicklung von Verantwortung und Durchsetzungsvermögen liegt in den Händen eines jeden jungen Spielers. Das ist die Arbeit, die neben den Trainingsplätzen stattfindet und die nicht nur die Ergebnisse auf dem Platz verbessern wird, sondern auch die charakterliche Entwicklung des Spielers maßgeblich beeinflussen wird.

Erfolg besteht nicht nur aus Talent, sondern ebenso aus dem Charakter.

Über den Autor:

Marco Kühn (34) aus Dortmund  ist ein normaler Typ, der in seiner Jugend zu den talentiertesten Spielern in Nordrhein-Westfalen gehörte, sich dann aber am Knie verletzte und seine aktive Karriere beenden musste. Jetzt hilft er als Coach (C-Lizenz) motivierten Vereinsspielern dabei, ihre sportlichen Ziele zu erreichen. Mehr von Marco Kühn findest du in seinem Newsletter.


  1. rudolph

    Kein Biss, kein Wille – was deutschen Tennistalenten fehlt! Der Autor Marco Kühn selber im Netz als Tennisversteher unterwegs, spannt hier einen großen Bogen, damit er es einfach ausdrücken kann. Aber so einfach ist die Entwicklung von Talenten bis hin zum Tennisprofi nicht. Es war auch schon in den 70-er bis 90-er Jahren so, das Jugendliche in der Pubertät, zum überwiegenden Teil neue Prioritäten in ihrem Leben setzten und das täglich. So wird Leistungssport mehr als Bealstung als Wohlempfinden von den Tennistalenten empfunden und brauchte früher wei heute eine starke Führung und Untersützung durch Eltern und Trainern. Aber auch Talente die wollen, haben aber auch im DTB keine Chance, weil diese schon im Kindesalter nicht für gut befunden werden und somit nie mehr in der Kadergestaltung der Landesverbände auftauchen. A. Zverev hatte im Hintergrund Tennis-Eltern die beide absolute Spiztenspieler waren, da wurde schon in der frühsten Jungend der Aufbau und die Weiterentwicklung zum Tennisprofi auch bei Rückschlägen sichergestellt.
    Nur solche Schlußfolgerungen wie Marco Kühn diese zieht sind mir zu pauschal und sind nur eine Meinung von vielen. Es gibt nicht die eine Lösung für diesen individual Sport Tennis. Ich finde Talente im Leistungssport brauchen eine kontinuierliche Weiterentwicklung bei gleichzeitiger Entwicklung der Persönlichkeit, aber auch Schule, Freunde, Familie und Party gehören zum Großwerden dazu. Desegen heißt das noch lange nicht, das diese Talente keine Biss hätten, und auch neben dem Platz kann es nicht die ganze Zeit nur um Tennis gehen!


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