Kevin Anderson

Kevin Anderson im Porträt: Der lange Weg zur Spitze

Kevin Anderson gehört zu den besten acht Profis der Saison 2018. Allerdings weiß man kaum etwas über den Südafrikaner, der im Finale in Wimbledon stand. Höchste Zeit, sich näher mit dem 2,03 Meter-Mann zu beschäftigen.

Text: Doris Henkel

Als Höllenhund geht Lady Kady beim besten Willen nicht durch. Die Kleine ist eine Mischung aus Chihuahua und Teckel, passt in jede halbwegs geräumige Handtasche und sieht mehr von der Welt als die meisten Zweibeiner. Kelsey und Kevin Anderson, zu denen sie seit gut anderthalb Jahren gehört, adoptierten sie aus einem Tierheim in Delray Beach/Florida, weil sie jenem Hund sehr ähnlich sah, mit dem Kelsey aufgewachsen war. Weil sie sich so gut benimmt, selten bellt oder knurrt, darf Lady Kady manchmal sogar während der Spiele ihres Herrchens auf der Tribüne sitzen oder liegen, und vor ein paar Wochen besuchte sie eine Pressekonferenz. Beim Laver Cup in Chicago kuschelte sie sich auf dem Podium in Kevin Andersons Arme, sah hin und wieder wohlwollend zu dessen Doppelpartner Jack Sock und machte alles in allem den Eindruck, als ginge es ihr gut.   

Nun kann man natürlich darüber diskutieren, ob selbst kleine Hunde nicht an einem festen Ort besser aufgehoben sind als auf der Tennistour mit vielen Ortswechseln und unberechenbaren Ereignissen. Aber Kevin Anderson sagt, die Nähe der Kleinen mit den großen Ohren gebe ihm und seiner Frau Kelsey überall auf der Welt ein Gefühl von Heimat. 

Über das College zur Profikarriere

In Chicago wäre es vermutlich auch ohne diese Unterstützung gegangen, denn in mancherlei Hinsicht spielte die Metropole am Lake Michigan eine tragende Rolle in seinem Leben. Geboren und aufgewachsen in Johannesburg, Südafrikas größter Stadt, hegte er lange Zeit den Verdacht, die Distanz zu den Erfolg versprechenden Wegen des Profitennis sei einfach zu groß. Das dicke Buch zuhause, in das sein Vater unzählige Ausschnitte eines monatlich erscheinenden südafrikanischen Tennismagazins mit Trainingshinweisen geklebt hatte, zeigte ihm zwar, wie seine Ziele aussehen könnten, aber es fehlte auch die Förderung in einem Land, das gewiss andere Sorgen hat. Ähnlich war es auch dem vor Anderson erfolgreichsten Tennisspieler aus Südafrika ergangen – Kevin Curren, Boris Beckers Gegner im Wimbledonfinale 1985. Curren ging Ende der siebziger Jahre zum Studium an der University of Texas nach Austin, gewann in den USA hoch angesehene Collegetitel und beschloss dann, Profi zu werden. Er blieb in den USA, und ein paar Monate, bevor er gegen Becker um den Titel spielte, nahm er die amerikanische Staatsbürgerschaft an.

Auch Kevin Anderson wählte den Weg zum Studium in den USA und gewann diverse Titel für die University of Illinois. Er war 18, als er im Januar 2005 in Chicago landete, und er sagt über diese Zeit, natürlich sei der Wechsel am Anfang wegen der kulturellen Unterschiede nicht leicht gewesen, zudem habe er keine allzu genauen Vorstellungen gehabt, was ihn in der neuen Welt erwarten würde. Aber zum einen stellte er bald fest, dass die Tennis-Gemeinde in Illinois extrem gut vernetzt war und sich alle um ihn kümmerten, und zum anderen traf er schon in seinem ersten Jahr eine junge Frau aus Chicago, die in der Golfmannschaft des Colleges spielte, Kelsey O’Neal. Die beiden wurden bald ein Paar, und es hat sicher auch eine Menge mit dieser Verbindung zu tun, dass Anderson mit den allerbesten Gefühlen an die Zeit in Chicago denkt. „Das waren zweieinhalb tolle Jahre mit ganz besonderen Erinnerungen.“

Anderson: „Ich weiß, dass ich nicht zufällig hier gelandet bin”

Nach der Hochzeit im November 2011 zog das Paar nach Florida, aber wegen der Erinnerungen und weil die Familie seiner Frau nach wie vor in Chicago lebt, waren die Tage beim Laver Cup im United Center eine sehr spezielle Geschichte für Kevin Anderson. Schon bei der offiziellen Vorstellung der Spieler im atemberaubenden Jay Pritzker Pavilion downtown wurde er als Nummer eins des Weltteams äußerst herzlich willkommen geheißen. Und bei den Spielen im United Center, wo sonst die Chicago Bulls in der NBA und die Blackhawks in der NHL zuhause sind, wurde er im Jubel gebadet wie nie zuvor in seiner Karriere. Nach seinen Siegen am ersten Tag im Doppel mit Sock gegen Roger Federer und Novak Djokovic brodelte es in der Arena, nach seinem Sieg am zweiten Tag gegen Djokovic wackelte das Dach. Von dem Moment an, in dem er erfahren hatte, dass die zweite Auflage des Laver Cups in Chicago stattfinden würde, hatte er gehofft, dabei zu sein, und am Ende blieb trotz der Niederlage im letzten Spiel gegen Alexander Zverev die Erinnerung an eine große Woche in ganz besonderen Farben. Sie endete mit einem Gastauftritt bei den Chicago Cubs, als er im passenden Jersey den ersten Ball beim Heimspiel des amtierenden Meisters der Major League Baseball warf.

Mit 32 erlebt Anderson Dinge, die er sich damals als Teenager in Johannesburg nie hätte vorstellen können. Ein Himmelsstürmer war er nie; er ist einer, der auf jeder Stufe der Leiter versucht, das Beste aus seinen Möglichkeiten zu machen und der die Geduld für kleine Schritte nicht verliert. Er war schon 22, als er zum ersten Mal im Hauptfeld eines Grand Slam-Turniers spielte, bis zu seinem ersten Sieg auf dieser Ebene vergingen zweieinhalb Jahre, danach steckte er fünf Jahre lang auf der Höhe des Achtelfinales fest. Er war vor allem wegen seines Aufschlags und seines soliden Spiels von der Grundlinie ein unangenehmer Gegner, aber um weiter zu kommen fehlte ihm auch eine gewisse Dosis Selbstbewusstsein.

Und immer wieder wurde er von Verletzungen gebremst; am linken Knie, der rechten Schulter, der Leiste, der Hüfte und am Oberschenkel. Die Hüfte schien das größte Problem zu sein, und eine Weile lang sah es so aus, als werde er um eine Operation nicht herumkommen. Doch nach einer Pause von anderthalb Jahren wurde es besser, und inzwischen ist er auf einem Niveau angekommen, das ihn stolz macht. Nachdem er im Herbst 2015 schon eine Woche lang zu den Top Ten gehört hatte und später bis auf Platz 80 der Weltrangliste zurückgefallen war, kehrte er im Februar dieses Jahres in die Top Ten zurück mit Rang 5 als bisher bester Platzierung. „Ich habe immer gehofft“, sagt er, „dass ich irgendwann mal die Top Ten schaffen würde, und es war ein langer Weg. Aber ich weiß, dass ich nicht zufällig hier gelandet bin.“

Verrücktes Rekordspiel gegen Isner

Er ist ein akribischer Sammler von Erfahrungen. Als er im September 2017 bei den US Open zum ersten Mal das Finale eines Grand Slam-Turniers erreichte, spielte er eine Etage unter seinem Niveau, überwältigt von der Größe des Ereignisses und der gigantischen Schüssel, dem Arthur Ashe Stadium. Es gab Leute, die sich danach fragten, ob man Kevin Anderson danach noch mal im letzten Spiel eines so bedeutenden Turniers sehen würde, doch mit Nachdruck gab er ein Dreivierteljahr später eine Antwort auf diese Frage. Er schaffte es nicht nur, nach dem Sieg gegen Roger Federer sofort wieder in den Arbeitsmodus zurückzukehren und zwei Tage später im Halbfinale gegen John Isner mit voller Konzentration wieder bei der Sache zu sein. In sechs Stunden und 36 Minuten, dem zweitlängsten Spiel der Geschichte Wimbledons nach dem verrückten Rekordspiel von Isner und Nicolas Mahut acht Jahre zuvor, lebten beide am Ende vor allem von ihrer Fähigkeit, nicht aufzugeben und Problemfälle mit Assen zu lösen.

Aber warum ihn die Konkurrenten für einen der nettesten und vertrauenswürdigsten Kollegen halten, das sah man vor allem hinterher, als er sich aus Respekt vor Isner, den er aus College-Zeiten bestens kennt, jede Jubelgeste verkniff. „Ich möchte mich dafür entschuldigen, dass ich mich nicht mehr freue“, sagte er. „Das war hart für uns beide. Für mich steht es Unentschieden, aber einer muss ja gewinnen.“ Dass er zwei Tage später im Finale gegen Djokovic keinen Satz gewann, hatte weniger mit zu großem Respekt vor dem Ereignis wie im Jahr vorher in New York zu tun als vor allem mit seinen müden Beinen nach dem Marathonspiel mit Isner. Und mit einer Lücke zwischen den Allerbesten und den Verfolgern. Der größte Vorteil der Topleute, so erklärte es Anderson nach dem Finale, liege nicht notwendigerweise in deren Fähigkeiten an sich, sondern eher darin, wie sie es immer wieder schaffen, in den großen Matches ihr bestes Tennis zu spielen.

Vizepräsident im ATP Player Council

Es sind Erkenntnisse wie diese, die er an junge Leute weitergeben möchte. Die vielleicht abseits des direkten Weges zum Profitennis aufwachsen wie er selbst damals in Johannesburg oder die sich nach den ersten Etappen fragen, wie es weitergehen könnte. Zusammen mit seiner Frau Kelsey, die ihre berufliche Karriere hinten anstellte, um ihn auf allen Wegen der Tour zu unterstützen, zwei früheren Coaches, dem Neuseeländer GD Jones und dem Amerikaner Brian Lutz, gründete Kevin Anderson die Internet-Platform reallifetennis.com. Er sagt, die meisten der Topspieler gäben ja nicht unbedingt alle Geheimnisse ihres Erfolges preis, er selbst sehe in Reallife Tennis hingegen eine Chance, wichtige Erfahrungen seiner Karriere weiterzugeben, und die wolle er nutzen. Da geht es um Trainingsformen, Ernährung, Reiseplanung und vieles mehr, hin und wieder greift Kelsey Anderson in die Tasten und berichtet über ihren gewiss nicht stressfreien Alltag als Ehefrau auf der Tour. 

Auch seine Rolle als Vizepräsident im Player Council der ATP nimmt Anderson sehr ernst, und dass es mit manchen Dingen nur schleppend vorwärts geht, ficht ihn nicht an. „Es läuft nicht immer so, wie du es dir wünscht. Aber du kannst nicht mehr tun, als dich um die Dinge zu kümmern, die dir wichtig sind. Ich versuche immer, so positiv wie möglich zu sein.“ Aus seiner eigenen Karriere weiß er gut genug, dass es nicht nur den direkten Weg zum Gipfel, sondern auch Alternativ-Routen für den längeren Anlauf gibt. Und was das bemerkenswerte Jahr 2018 für Südafrikas besten Tennisspieler betrifft, da ist ja vielleicht noch nicht das letzte Wort gesprochen. Denn wenn alles gut geht, wird Kevin Anderson zum ersten Mal zu den besten acht Spielern des Jahres gehören, die sich Mitte November bei den ATP-Finals in der Londoner O2-Arena treffen.


Schreibe einen neuen Kommentar