Rolex Paris Masters – Day Seven

Khachanov im Portrait: Einer wie Marat

Kharen Khachanov hat am Sonntag mit dem Titel in Paris-Bery seinen ersten Masterssieg eingefahren und seiner beständigen Entwicklung ein erstes ganz großes Ausrufezeichen folgen lassen. tM-Chefredakteur Andrej Antic portraitierte den aufstrebenden Russen im Magazin 9/2017. Hier gibt es den gesamten Text.

Ständig diese Vergleiche. Wir sitzen auf Bistrohockern in einer Players Lounge.  Karen Khachanov hat gerade ein Match gespielt. Er trägt einen Trainingsanzug, wirkt so entspannt, als sei er gerade aus dem Urlaub gekommen. Ob ihn der Vergleich mit Marat Safin nerve, will der Reporter wissen. Die Antwort fällt erstaunlich gelassen aus, wenn man bedenkt, dass ihm die Parallele mit dem berühmten Landsmann wahrscheinlich schon tausendmal serviert wurde. „Nein, überhaupt nicht“, sagt Khachanov, „Es fühlt sich großartig an, dass mich die Leute mit ihm vergleichen. Er hat zwei Grand Slam-Turniere gewonnen, war die Nummer eins. Er war der Held meiner Kindheit.“

Wenn nicht alles täuscht, steht auch Khachanov, 21 Jahre alt, aus Russland und bereits die Nummer 30 der Welt, eine große Karriere bevor. Das Selbstbewusstsein und die Lässigkeit von Safin strahlt er schon aus. Die Vorhand, die er mit Hochgeschwindigkeit auf die gegnerische Seite hämmert, ähnelt ebenfalls der seines Idols. Auch die Werdegänge gleichen sich: Sein Rüstzeug lernte Khachanov bei Spartak Moskau. Im Sommer kutschierten ihn seine Eltern morgens in den Sokolniki-Park und sammelten den Filius am späten Nachmittag wieder ein. „Aber im Winter, und der dauert bei uns acht Monate, gab es Probleme mit Hallenplätzen“, sagt Khachanov.

Khachanov über Kroatien nach Spanien

Mit 15 Jahren geht er nach Split und trainiert in der Pomak Tennis Academy des früheren Goran Ivanisevic-Trainers Vedran Martic. Eineinhalb Jahre später zieht es das Supertalent nach Barcelona in die „4 Slam Tennis“-Akademie, an der auch Ex-Profi Galo Blanco beteiligt ist.

Blanco, der Milos Raonic betreute und sich auch um das schwedische Talent Elias Ymer kümmert, formte den Rohdiamanten Khachanov. Wie Safin ist Khachanov ein Kind der spanischen Schule, in der Resultate bei den Junioren keine Rolle spielen. Die Matchhärte holte er sich bei den zahlreichen Futureevents auf der iberischen Halbinsel. „Galo hat mir gezeigt, wie hart ich arbeiten muss. Er hat alles verbessert, auch meine mentale Stärke“, sagt Khachanov.

Professionelles Team um Khachanov herum

In Barcelona, seiner sportlichen Heimat, kümmert sich seit Jahren das gleiche Team um ihn. Neben Blanco ist das ein Physiotherapeut, der ihn in der Akademie betreut und ihn zwölf bis 14 Wochen pro Jahr auf der Tour begleitet, und ein Fitnesscoach, der in der Akademie dafür sorgt, dass Khachanovs Körper immer flexibler wird und er sich für seine Größe von 1,98 Meter erstaunlich gut bewegt (Stand 2017).

Hätte er erwartet, dass er sich so schnell in der Weltrangliste verbessern würde? Khachanov blickt den Gesprächspartner an, als sei Versagen auf seinem Lebensweg keine Option. „Ich denke nicht darüber nach. Ich denke nur an den nächsten Schritt. Wenn sich das in der Weltrangliste widerspiegelt, ist das gut, aber für mich ist die Entwicklung entscheidender als das Ranking“, sagt er und es klingt für einen 21-Jährigen erstaunlich weise.

Da passt es auch ins Bild, wie cool er über die Begegnungen mit den Superstars der Szene redet. In Wimbledon unterlag er Rafael Nadal, in Halle Roger Federer und bei den French Open Andy Murray. Er habe schon oft mit allen trainiert. Von Ehrfurcht keine Spur: „Dafür arbeite ich – dass ich gegen sie auf den großen Bühnen spielen darf.“ Respektvoll seien sie im Umgang mit ihm.

Khachanovs Eltern sind Mediziner

Dafür dass die Karriere bei Khachanov zur Zeit wie auf Schienen läuft, sorgt auch sein IMG-Manager Alexei Nikolaev. Der Russe mit Wohnsitz in Wien betreut ihn seit den US Open 2013. Er kümmert sich auch um Andrei Rublev, 19 Jahre alt, Nummer 51 der Welt, das nächste russische Supertalent. Für Nikolaev ist Rublev wie der junge John McEnroe, Khachanov dagegen sei der „perfekte Gentleman“, gut erzogen und mit tollen Manieren. Unglaublich smart sei Khachanov, der neben seiner Profikarriere ein Fernstudium in Sportwissenschaften an der Russian State University of Physical Education absolviert.

Beide Eltern sind studierte Mediziner. Mutter Natalia, eine Hobby-Tennisspielerin, arbeitet als Neurologin, Vater Abgar, als Junior ein exzellenter Volleyballspieler, ist heute als Geschäftsmann tätig. Alle zwei, drei Monate versucht Khachanov, die Eltern in Moskau zu besuchen. „Aber es wird immer weniger. Es ist ein enger Terminplan“, sagt Khachanov, der einen Teil des Jahres in Dubai verbringt – der Steuer wegen.

Ansonsten ist der Mann auf Tour. 19 Turniere plus Davis Cup hat er bis Ende Juli gespielt. Allerdings könne er jetzt, weil er auch bei den Masters 1000-Turnieren direkt im Hauptfeld steht, besser planen und mehr Pausen einbauen. „Ich muss frisch bleiben, um die beste Leistung abzurufen und meine Ziele zu erreichen.“ Die da wären? „Die Nummer eins werden und Grand Slam-Turniere gewinnen.“ Ganz wie das Vorbild Safin.