Roger Federer, Novak Djokovic

Federer-Comeback beeindruckender als Djokovic-Comeback

Im letzten Jahr begeisterte Roger Federer mit einem Fabel-Comeback. In diesem Jahr ist es Novak Djokovic, der die letzten Monate wieder fast alles in Grund und Boden spielte. Allerdings: Djokovic wurde trotz weniger erspielter Punkte wieder die Nummer eins.

Und da ist es passiert: Novak Djokovic grüßt seit heute von Platz eins im ATP-Ranking. Eine erstaunliche Reise liegt hinter dem „Djoker“. Am 18. Juni 2018 war Djokovic nur die Nummer 22 der Weltrangliste. Viereinhalb Monate später ist er zurück auf dem Tennisthron. Djokovic hat mal wieder Tennisgeschichte geschrieben. Nicht nur, dass er dieses Jahr das „Career Golden Masters“ – der Sieg bei allen Masters-1000-Turnieren – vollbrachte, ist der Serbe auch nun der erste Spieler, der innerhalb des gleichen Jahres von außerhalb der Top 20 den Sprung auf Platz eins schaffte. Eine Entwicklung, die vor einem halben Jahr wohl nur die allergrößten Optimisten erwartet haben.

Djokovic hat ohne jeden Zweifel das Comeback des Jahres geschafft. Er ist nah an seiner Topform der vergangene Jahre. Doch ist sein Comeback besser als das von Federer im Jahr 2017? Nein, das ist es nicht! Warum? Die Zahlen sprechen eindeutig zugunsten von Federer. Djokovic steht völlig zu Recht auf Platz eins der Weltrangliste nach fünf erfolgreichen Monaten. Dass er aber wieder die Nummer eins der Welt geworden ist, hängt auch etwas mit der besonderen Weltranglistenarithmetik und glücklichen Umständen zu tun.

Federer mit mehr Punkten, aber nicht Nummer eins

Man muss kein Prophet sein, um zu sagen, dass Djokovic auch aufgrund der Verletzung von Rafael Nadal nun wieder die Nummer eins ist. Der Serbe spielte eine komplette Saison im Gegensatz zu seinen Widersachern Nadal und Federer. Nur auf das Turnier in Dubai, das er regelmäßig spielte, verzichtete er. Nadal hingegen spielte dieses Jahr nur neun Turniere. „Was für ein Wunder ist es, dass ich Nummer eins bis jetzt war mit neun Turnieren“, stellte der Spanier nach seiner Absage in Paris-Bercy fest. Man muss Nadal Recht geben. Mit so wenig Turniereinsätzen Weltranglistenerster für viele Wochen zu sein, ist besonders und außergewöhnlich. Aber auch das hat seine Gründe. Hätte Federer im Indian-Wells-Finale gegen Juan Martin del Potro einen seiner zwei Matchbälle genutzt, wäre er bis Wimbledon mehr als drei Monate durchgängig die Nummer eins gewesen – stattdessen war es der Schweizer zwischenzeitlich nur zwei Wochen.

Es sind manchmal nur Kleinigkeiten, die darüber entscheiden, wer und wann den Sprung auf den Weltranglistenthron schafft. Bei der Frage nach der Nummer eins geht es oft darum, dass man zur richtigen Zeit Matches gewinnt und/oder dass man zur falschen Zeit verliert oder sich verletzt. Feststeht: Es wird manchmal nicht der erfolgreichste Spieler die Nummer eins, sondern der konstanteste Vielspieler. Vergleicht man das Federer-Jahr 2017 mit dem Djokovic-Jahr 2018 stellt man fest: Federer hatte letztes Jahr vor Beginn der ATP World Tour Finals in der abgelaufenen Saison 9.005 Punkte erspielt – bei elf Turniereinsätzen. Djokovic kommt dieses Jahr auf 8.045 Punkte bei 15 Turniereinsätzen. Federer gewann 2017 zwei Grand Slams und drei ATP-Masters-1000-Turniere, Djokovic gewann dieses Jahr ebenfalls zwei Grand Slams sowie zwei ATP-Masters-1000-Turniere. Der kleine, aber feine Unterschied: Djokovic wurde die Nummer eins der Welt, Federer nicht – weil er einige Turniere ausließ und Nadal 2017 noch mehr Punkte hamsterte.

Djokovic-Comeback unterstützt These

Die Comebacks von Federer und Djokovic kann man recht gut miteinander vergleichen. Beide beendeten nach dem Wimbledonturnier verletzungsbedingt ihre Saison (Federer: 2016, Djokovic: 2017), beide kehrten zu Saisonbeginn nach sechsmonatiger Pause zurück. Der Schweizer legte sofort eine fulminante Rückkehr hin und gewann 2017 drei von den ersten vier Turnieren, die er spielte (Australian Open, Indian Wells, Miami). Djokovic hingegen schaffte 2018 bei den ersten vier Turniereinsätzen nur fünf Siege. Die Rückkehr des Serben an die Spitze der Weltrangliste unterstützt die weit verbreitete These, dass ein Spieler nach einer Verletzungspause so lange bis zur Topform braucht, so lange er ausfiel.

Bei Djokovic war die Pause sechs Monate lang. Sechs Monate nach der Rückkehr des „Djokers“ auf die Tour triumphierte er in Wimbledon und ist seitdem wieder der beherrschende Spieler im Herrentennis. Federers Fabelcomeback im Jahr 2017 gleich zu Beginn war dennoch viel beeindruckender. Solch eine Rückkehr war und bleibt wohl die große Ausnahme. Djokovics Weg zu erneut großen Meriten war ein längerer und stetiger Weg. Es fällt in die Kategorie: Der lange Atem zahlt sich aus. Das soll keineswegs die herausragenden Leistungen des Serben schmälern. Sein Comeback der zunächst kleineren Schritte sollte eher Mut machen für die Langzeitverletzten Andy Murray und Stan Wawrinka.