Match-Tiebreak

Match-Tiebreak: So gewinnen Sie den entscheidenden Satz

Er wird mittlerweile in allen ­Landesverbänden anstatt eines dritten Satzes gespielt und ist jedes Mal eine Herausforderung: der Match-Tiebreak. Wie geht man ihn an? Was muss man tun, um ihn zu gewinnen? Mentalcoach Thomas Baschab erklärt Ihnen, wie Sie im finalen Shootout am besten bestehen können.

Als vor fünf Jahren auch die letzten Landesverbände dazu übergegangen sind, den dritten Satz bei den Punktspielen nicht mehr komplett ausspielen zu lassen und stattdessen den Match-Tiebreak einführten, kam das einer Zäsur im Amateursport gleich. Oder wie es Mentalcoach Thomas Baschab formuliert: „Ein Tennismatch bekommt dadurch einen völlig anderen Charakter.“

Stimmt, werden nun viele Spieler denken, die nun wieder draußen auf den Sandplätzen für ihre Clubs in der Medenrunde an den Start gehen werden. Konnte man früher noch einen Gegner im regulären dritten Satz „totlaufen“, heißt es nun im alles entscheidenden Match-Tiebreak: bloß keinem großen Rückstand hinterherhecheln. Was die Partien mit einem finalen Shootout so besonders im Vergleich zu einem normalen Entscheidungssatz machen, lässt sich anhand eines einfachen Beispiels darstellen: Wer im Match-Tiebreak von den ersten zehn Punkten nur zwei macht, liegt schon mit 2:8 zurück – das Match ist fast gelaufen. In einem regulären Satz würde man sich mit 0:2 Spielen im Rückstand befinden. Es wäre also noch alles drin.

Der nächste Match-Tiebreak kommt bestimmt

Die Arithmetik einer Tennisbegegnung ist durch den Match-Tiebreak eine andere geworden. Daran konnten sich noch längst nicht alle Spieler gewöhnen (lesen Sie hier: Erfahrungsberichte aus der Redaktion). Die Mehrheit, so scheint es, würde lieber einen regulären Satz spielen. Aber es hilft nichts: Der nächste Match-Tiebreak kommt bestimmt. Was also kann man tun, um ihn nach Möglichkeit zu gewinnen?

Ein Patentrezept gibt es nicht. Klar, viele Spieler folgen dem Motto „Punkt für Punkt“. Erfolgsversprechender ist es jedoch, wenn man sich bewusst macht, was bei einem im Kopf los ist, wenn wieder ein verkürzter Entscheidungssatz ansteht. „Es macht einen großen Unterschied aus, ob man den ersten oder den zweiten Satz bei einer Partie, die im Match-Tiebreak entschieden wird, gewonnen hat“, erklärt unser Experte Thomas Baschab, der schon mit ­Tennisprofis wie Philipp Kohlschreiber, Florian Mayer oder Alexander Waske gearbeitet hat.

Match-Tiebreak und Marathon-Effekt

„In der Theorie ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass derjenige den Match-Tiebreak gewinnt, der den ersten Satz gewonnen hat“, führt Baschab weiter aus. Der Grund dafür ist der „Marathon-Effekt“. Lang­streckenläufer, die ihr Ziel erreichen, sind danach erstmal komplett erschöpft – ihr Energiesystem fährt zurück. Hätte man jenen Läufern aber ohne deren Wissen ein Ziel vorgeben, für das sie noch zwei Kilometer weiter hätten rennen müssen, hätten sie das locker geschafft. Das bedeutet: Wer es ins gesetzte Ziel schafft, will danach erstmal ausatmen, durchpusten.

Auf das konkrete Beispiel übertragen, heißt das: Wer in einem Match den ersten Satz verliert, wird alles daran setzen, den zweiten Durchgang zu gewinnen. Wenn ihm das gelingt, hat er sein Ziel erreicht – und, zack, macht sich Erleichterung in ihm breit. Unbewusst fährt man seine Energiesysteme herunter.

Genau das ist aber denkbar schlecht, um gut in einem Match-Tiebreak zu starten, in dem bekanntermaßen jeder Punkt eine höhere Gewichtung hat als in einem normalen Satz – und das von Beginn an. „Streng genommen darf man sich nicht darüber freuen, dass man den Match-Tiebreak erreicht hat“, rät Baschab. Das ist natürlich schwer, aber der Mentalexperte hat einen Tipp: „Man muss versuchen, den Match-Tiebreak als Verlängerung des zweiten Satzes anzusehen. Den zweiten Satz zu gewinnen, ist nur ein Teilziel. Das große Ziel muss der Gewinn des Match-Tiebreaks sein.“

Mit der richtigen Körperspannung in den Match-Tiebreak

Das klingt theoretisch einleuchtend, ist in der Praxis jedoch schwer umsetzbar. Wie lässt sich die Euphorie herunterregeln, wenn man sich nach großem Kampf in den Match-Tiebreak gerettet hat? Oder umgekehrt: Wie unterdrückt man seine Frustration, wenn man den Sieg schon knapp vor Augen hatte und nun doch noch einen Match-Tiebreak absolvieren muss?

Für Baschab sind diese matchent­scheidenden Situationen mit Hilfe der eigenen Körperspannung in den Griff zu kriegen. Er nutzt dafür eine im Profisport bewährte Methode, mit der sich die Körperspannung regulieren lässt. „Man muss sich vorstellen, dass sich die eigene Körperspannung über eine imaginäre Schraube wie eine Gitarren­saite regulieren lässt“, erklärt Baschab. Diese Visualisierung soll helfen, das gesunde Mittelmaß zwischen Entspannung und Anspannung zu finden. „Die Gitarrensaite dient dabei als optisches Bild, es macht die eigene Körperspannung anschaulich“, erläutert Baschab. Dabei reicht die Skala von eins (total entspannt) bis zehn (voll verkrampft). „Für die meisten Sportler ist sechs der ideale Wert“, weiß der Fachmann aus Erfahrung.

Für tennis MAGAZIN hat Baschab mit Hilfe der Gitarrensaiten-Technik einen ­„Mentalplan für den Match-Tiebreak“ ausgearbeitet, der sich an vier unterschiedlichen Ausgangssituationen orientiert:

1. Erster Satz verloren, zweiter Satz knapp gewonnen

Gedanken wie „Wow, ich hab den Satz noch gewonnen, klasse“ nicht aufkommen lassen, jede Form der Erleichterung unterdrücken. Sonst geht die Körperspannung um 2-3 Punkte nach unten. Sie darf aber nicht abfallen, andernfalls verpasst man einen guten Start in den Match-Tiebreak. Es ist so ähnlich wie bei einem Break im Satzverlauf: Man freut sich darüber, das Aufschlagspiel des Gegners gewonnen zu haben, verliert aber im Anschluss sein eigenes Service-Game. Der Grund: Man denkt sich, es jetzt lockerer angehen zu können, aber das funktioniert nicht. Deswegen: Halten Sie Ihre Spannung! Stellen Sie sich die Schraube der Gitarrensaite vor, horchen Sie in sich hinein. Und justieren Sie nach, zurück zur sechs.

2. Erster Satz verloren, zweiter Satz deutlich gewonnen

Erhöhen Sie Ihr ­Spannungsniveau, um einen halben oder einen ganzen Punkt. Warum? Weil Ihr Gegner jetzt alles, was er hat, in den Match-Tiebreak legen wird. Er wird aggressiv starten. In dieser Konstellation ist es häufig so, dass der zweite Satz vorzeitig entschieden wurde, weil sich Ihr Kontrahent gedanklich schon auf den Match-Tiebreak einstellt. Diesen mentalen Vorsprung gilt es aufzuholen, indem Sie Ihre Spannung leicht erhöhen.

3. Erster Satz gewonnen, zweiter Satz umkämpft verloren

Die Frustration, die jetzt naturgemäß aufkommt, nicht zulassen. Was dabei hilft: positive Selbstgespräche und positive Visualisierung. Denken Sie an starke Bälle; an Momente im Match, die Sie gut gelöst haben. Sprechen Sie sich selbst Mut zu: „Ich packe das!“ Lassen Sie Ihre Spannung nicht abfallen, denken Sie an die Schraube der Gitarrensaite und pegeln Sie sich auf der sechs ein. Beim Gegner setzt ein gewisser „Erleichterungs-Effekt“ ein, der ihn nachlässig macht. Nutzen Sie das aus und starten Sie aggressiv in den Tiebreak-Endspurt.

4. Erster Satz gewonnen, zweiter Satz klar verloren

Schrauben Sie Ihre Spannung um zwei Punkte nach oben, mindestens. Sie müssen alles daran setzen, um jetzt noch mit Volldampf in den Match-Tiebreak zu kommen. Gleichzeitig helfen Ihnen positive Visualisierung und positive Selbstgespräche.

Was bei den vorgestellten Techniken wichtig ist: Sie funktionieren über unsere Vorstellungskraft und sind leicht umsetzbar. Dennoch hat es sich bewährt, zum Beispiel die Gitarrensaiten-Methode auch in einem Trainingsmatch anzuwenden, um ein Gefühl für die eigene Körperspannung zu bekommen. Man sollte dabei die Körperspannung nicht mit der Konzentration verwechseln. Diese entsteht erst aufgrund einer passenden Körperspannung.

„Konzentration ist nicht wirklich zu fassen. Das funktioniert mit der Körperspannung über den Vergleich mit der Gitarrensaite viel besser“, sagt Baschab und erzählt von Erlebnissen auf seinen Workshops, die von mehreren hundert Leuten besucht werden: „Wenn ich dort das Konzept vorstelle und die Leute erhöhen über die gedachte Gitarrensaite ihre Körperspannung, hat man das Gefühl, der ganze Raum steht unter Strom.“ Im entgegengesetzten Szenario würde man merken, wie die Atmosphäre regel­recht erschlafft, so Baschab.

Erinnern Sie sich an den letzten erfolgreichen Match-Tiebreak

Wem diese gedanklichen ­Konstrukte dennoch zu abstrakt sind, kann sich an spielerisch-taktische Leitlinien halten, die im Match-Tiebreak oft den entscheidenden Vorteil bringen: auf den Ball zugehen, kurze Bälle des Gegners attackieren, nicht zu zögerlich agieren und sich selbst seiner Stärken bewusst werden.

Was dabei hilft: Erinnern Sie sich an Ihren letzten erfolgreich beendeten Match-Tiebreak zurück, wenn Sie demnächst wieder einen spielen müssen. Denken Sie daran, was damals gut lief, wie Sie sich gefühlt haben und wie schön es war, am Ende den Sieg eintüten zu können. Das hilft Ihnen, selbstbewusster und sicherer aufzutreten. Wenn Sie sich dann noch vornehmen, Ihre eigene Körperspannung zu finden, mit der Sie Ihre höchste Leistungsbereitschaft abrufen, sind Sie bestens gerüstet für Ihren nächsten Match-Tiebreak.

Streitpunkt Match-Tiebreak: Lesen Sie hier, wie vier tennis MAGAZIN-Mitarbeiter über den Match-Tiebreak denken!