Nervenstark: Alcaraz zerschmettert Fritz‘ Träume

Carlos Alcaraz Bild: Imago

Carlos Alcaraz steht zum ersten Mal im Halbfinale des Masters in Paris. Im Viertelfinale gegen Taylor Fritz wehrte der Spanier im zweiten Satz zwei Matchbälle ab, riss das Publikum mit und drehte die Partie noch zum 6:7 (10:12), 7:5, 6:3. Für den US-Amerikaner platzt damit der Traum von den ATP Finals in Turin, und davon profitiert ein junger Landsmann des Siegers.

Fast zwei Sätze lang lief dieses Viertelfinale gegen Alcaraz. Fritz bestimmte die Partie mit seinem Aufschlag und machte auch beim Return mehr Druck als sein Gegner. Am Ende gewann der Amerikaner 37 Prozent der Punkte bei Aufschlag von Alcaraz. Vor allem gegen den ersten Aufschlag von Fritz fand Alcaraz lange kein Mittel.

Auch bei eigenem Aufschlag stand der Spanier ständig unter Druck. Fritz griff dessen zweiten Aufschlag aggressiv an und erspielte sich im Laufe der Partie zwölf Breakchancen. Schon im dritten Spiel des zweiten Satzes musste Alcaraz vier Breakbälle abwehren. Sein Spiel wirkte über weite Strecken unrund. Er schlug 41 unerzwungene Fehler und gab zweimal eine Führung aus der Hand.

Das zeigte sich schon im ersten Satz. Alcaraz lag vorn, verlor dann aber zwölf von 13 Punkten, und Fritz kam zum 5:5 zurück. Im Tiebreak wehrte der Amerikaner drei Satzbälle ab und nutzte nach 61 Minuten selbst seinen dritten Satzball, als Alcaraz eine Vorhand ins Aus setzte.

Zwei Matchbälle abgewehrt – Alcaraz dreht die Partie

Im zweiten Satz schien die Entscheidung gefallen. Fritz breakte zum 4:3, wehrte selbst einen Breakball ab und ging 5:3 in Führung. Nach einer Stunde und 41 Minuten hatte er bei Aufschlag von Alcaraz seinen ersten Matchball. Der Spanier wehrte ihn mit einer Vorhand ab, die Fritz auf dem falschen Fuß erwischte. Im selben Spiel gelang Alcaraz einer der Punkte des Jahres: ein Rückhand-Slice von weit außerhalb des Doppelfelds zum 4:5. Fritz konnte nur noch lachen. Danach servierte der Amerikaner zum Matchgewinn und hatte den zweiten Matchball, doch Alcaraz antwortete mit einem cross gespielten Vorhand-Passierschlag und schaffte das Rebreak zum 5:5. Die Halle stand jetzt hinter dem Spanier.

Den Schlüssel zur Wende sah Sky-Experte Philipp Kohlschreiber im Return. Gegen Ende des zweiten Satzes ging Alcaraz zunehmend zu Chip-Returns über. Statt gegen die harten Aufschläge von Fritz voll durchzuziehen, spielte er den Ball geslict und flach zurück. Fritz konnte so nicht mehr mit dem ersten Schlag nach dem Aufschlag Druck machen und musste sich auf längere Ballwechsel einlassen. Darin war Alcaraz klar der Stärkere. Er breakte erneut und holte sich mit vier Spielen in Folge den Satz zum 7:5.

Im dritten Satz war der Spanier dann der bessere Spieler. Zum 3:1 breakte er, als Fritz einen Volley ins Aus schob. Der Amerikaner hatte noch eine Breakchance, um zurückzukommen, doch Alcaraz ließ nichts mehr zu. Nach 2:43 Stunden verwandelte er seinen ersten Matchball mit Aufschlag und Vorhand. Insgesamt holte er gerade einmal zwei Punkte mehr als sein Gegner (118:116). Den Unterschied machten die großen Momente: Alcaraz wehrte zehn von zwölf Breakbällen ab und nutzte selbst vier seiner neun Chancen. Dazu kamen 44 Winner, und am Netz gewann er 16 von 20 Punkten.

„Ich habe jede Chance abgewehrt, die er hatte, um das Match zu gewinnen, und weiter gekämpft“, sagte Alcaraz danach. Matchbälle gegen sich zu überstehen, gehört inzwischen fast zu seinen Markenzeichen. Es war bereits das siebte Mal in seiner Karriere, dass er ein Match nach abgewehrtem Matchball noch gewann. Für einen Sieg in Paris ist das ein gutes Omen. Der Abend weckte Erinnerungen an das Finale von Roland Garros 2025, auch für Alcaraz selbst. Damals wehrte er gegen Jannik Sinner drei Matchbälle ab und gewann das Endspiel nach fünf Sätzen noch sensationell. Gelingt ihm in der Hauptstadt jetzt wieder so ein Lauf, wäre es sein erster Titel beim Masters in Paris.

Schlag des Jahres? Alcaraz verzaubert Paris: 

Alcaraz macht Jódar glücklich

Über den Sieg dürfte sich auch einer gefreut haben, der gar nicht auf dem Platz stand: Rafael Jódar. Fritz und der 20-Jährige kämpften um das letzte Ticket für Turin. Mit seinem Erfolg schickt Alcaraz deshalb seinen Landsmann zu den Nitto ATP Finals vom 15. bis 22. November. Jódar schafft damit etwas, das vor ihm noch keinem Spieler gelungen ist: die Qualifikation für das Saisonfinale in seiner allerersten Saison auf der ATP-Tour. Erst im Dezember war er Profi geworden, vor wenigen Tagen stürmte er als erster Spieler überhaupt schon in seiner Debütsaison in die Top 10.

Für Fritz ist das Aus besonders bitter. Mit einem Sieg hätte er sich das Ticket für Turin selbst gesichert. Schon im September beim Laver Cup hatte er gegen Alcaraz einen Matchball nicht nutzen können. Alcaraz, der für das Saisonfinale bereits qualifiziert war, trifft nun im Halbfinale am Samstag auf den Norweger Casper Ruud.