TENNIS-US-OPEN-2021

KÖLSCHE JUNG: Oscar Otte begeisterte bei den US Open in New York.

Oscar Otte nach den US Open: „Mir war nicht danach, einfach aufzugeben“

Sieben Matches, 24 Sätze und knapp 18 Stunden auf dem Court: Oscar Otte kämpfte sich bei den US Open von der Qualifikation bis ins Achtelfinale. Der Kölner glänzte mit überragenden Leistungen und einem großem Kämpferherz. tennis MAGAZIN hat nach den US Open mit Otte gesprochen. Der 28-Jährige erzählt, was ihn in New York so stark gemacht hat und wie es ihm nach der Verletzung geht. Außerdem spricht er über Peter Gojowczyk, mit dem er in Flushing Meadows eine ganz besondere Beziehung hatte.

Herr Otte, wie würden Sie Ihre New York-Reise beschreiben?
Ich hatte zu Hause ein paar Tage Zeit, mir Gedanken zu machen, alles sacken zu lassen. Im Turnier war ich so in der Zone, dass ich nichts richtig mitbekommen habe. Ich wollte einfach nur weiterspielen und das nächste Match gewinnen. Rückblickend war es für mich ein Riesenerfolg und darauf will ich noch mehr aufbauen. Die US Open geben mir viel Selbstbewusstsein. Wenn mir einer vor dem Turnier gesagt hätte „du qualifizierst dich für die letzten 16“, hätte ich das natürlich direkt unterschrieben – mit einem Füller (lacht). Es ist das, wo man als Tennisprofi hin will, wofür man seit Jahren trainiert und hart kämpft. Endlich so etwas erreicht zu haben, tut einfach gut.

Was hat Sie so stark gemacht, dass Sie gleich sechs Matches in Folge gewonnen haben?
Das war größtenteils eine mentale Schiene. Ich hatte in den ersten beiden Runden in der Quali Matchbälle abgewehrt und mich in den Tiebreaks übergeben, weil ich ein bisschen angeschlagen angereist bin. Das hat mich gestärkt und mir Ruhe und Selbstbewusstsein für die anderen Matches gegeben. Ich war fokussiert auf dem Platz, bin von Punkt zu Punkt gegangen –  so wie es eigentlich sein soll, um nach oben zu kommen. Vieles hat echt gut geklappt: Aufschlag, Return, ich habe mich gut bewegt, der Körper hat gehalten. Wenn diese Sachen zusammenkommen, woran ich die letzten Monate und Jahre hart gearbeitet habe, dann ist es umso schöner, dass dabei etwas herausgekommen ist. Ich habe nochmal einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung gemacht.

Oscar Otte: „Egal, ob New York oder Kuhweide”

Was war Ihr Ziel als Sie nach New York gereist sind?
Natürlich geht man immer in ein Grand Slam-Turnier, um sich zunächst irgendwie durch die Quali zu boxen. Dann hofft man auf eine gute Auslosung im Hauptfeld. Die hatte ich in der ersten Hauptrunde nicht (Der Erstrunden-Gegner war Lorenzo Sonego, ATP# 26, Anm. d. Red.). Aber da habe ich gut gespielt und hatte viel Unterstützung von Andi Mies.

Wie hat Andreas Mies Sie unterstützt?
Wir sind seit Jahren eng befreundet. Früher haben wir die Future- und Challenger-Turniere zusammen gespielt. Wir waren Woche für Woche zusammen, haben Doppel gespielt und uns gegenseitig im Einzel unterstützt. Deshalb war er in New York ein Vertrauenspunkt, zu dem ich rausgucken konnte. Ich weiß, dass er komplett hinter mir steht, egal, wie ich spiele, egal, welches Match es ist – ob es ein großer Platz in New York oder, wie früher beim Future, irgendwo auf einer Kuhweide. Das hat mir gut getan. Dafür bin ich ihm sehr dankbar. Ich habe seine Doppel fast alle geguckt, wenn es sich nicht mit meinen Matches überschnitten hat. Es hat sich angefühlt wie früher, aber das Turnier war ein bisschen größer.

Oscar Otte: „Habe mich auf mich konzentriert“

Haben Sie Ihre Gegner vor den Matches analysiert?
Nein, eigentlich kannte ich alle schon, weil ich gegen fast alle schon einmal gespielt hatte. Ich war ja auch alleine, weil mein Trainer nicht mitkommen konnte. Aber ich war so im Tunnel und wusste, dass ich gutes Tennis spiele. Deshalb habe ich mich auf mich konzentriert und bin bei mir geblieben. Das hat ja auch geklappt.

Oscar Otte

Aufschlagstark: Oscar Otte fokussierte sich auf seine Stärken. Unter anderem war das sein Service.

Berrettini war als Top Ten-Spieler ein großer Name. Was hatten Sie sich vor der Partie vorgenommen?
Ich bin in das Match reingegangen, um es zu gewinnen. Ich hatte mir relativ viel ausgerechnet. Wie gesagt, in den Matches davor hatte ich gut gespielt, alles hat gut geklappt. Ich fand, das Match war – bis zu dem Zeitpunkt, wo ich hingefallen bin – auf Augenhöhe. Es war alles möglich, das irgendwie in den fünften Satz zu drehen.

Wie war die Stimmung auf dem Court?
Die Atmosphäre auf dem Platz war megageil. Das Publikum in New York geht immer gut ab. Die Fans pushen einen und ziehen einen durch das Match. Man kann die Zuschauer gut auf seine Seite holen, wenn man sich mal pusht oder mal ein bisschen lauter wird – das lieben die. Ich habe jede Minute genossen auf dem Louis Armstrong. Es war ein Riesenplatz. Die Stimmung war einfach nur geil.

Oscar Otte: „Steige Mitte/Ende Oktober wieder ins Turniergeschehen ein“

Oscar Otte

Einer von drei: Oscar Otte stürzte in seinem Achtelfinal-Match gegen Berrettini gleich dreimal.

 

Sie haben sich in dem Match verletzt. Wie geht es Ihrer Hand jetzt?
An der Hand ist nichts kaputt. Allerdings ist an einer empfindlichen Stelle ein Bone Bruice (ein Knochenmarködem, Anm. d. Red.). Deshalb muss ich für die nächsten zwei bis vier Wochen eine Schiene tragen, um die Hand ruhig zu stellen. Ich kann natürlich kein Tennis spielen, weil es leider die Schlaghand ist. Aber ich steige morgen wieder ins Athletiktraining ein.

Werden Sie in diesem Jahr nochmal spielen?
Auf jeden Fall. Es ist keine gravierende Verletzung, trotzdem muss man aufpassen. Ich werde nicht alles riskieren, um auf Teufel komm raus eine Woche eher ein Turnier zu spielen. Aber ich denke, dass ich Mitte/Ende Oktober wieder ins Turniergeschehen einsteigen werde.

Sie sind in Ihrem Achtelfinal-Match gleich dreimal gefallen: Einmal über das Netz, einmal sind Sie in eine Bank gerutscht und zuletzt bei dem Schmetterball von der Grundlinie. Hatten Sie sich zuvor schon weh getan?
Zum Glück nicht. Als ich über das Netz gefallen war, hatte ich mich eigentlich schon abgefangen, aber weil meine Füße auf dem Netz standen, bin ich weggerutscht. Als ich unter die Bank gerutscht bin, hatte ich wirklich Glück, weil da eine scharfe Kante war. Wäre ich einen Zentimeter weitergerutscht, hätte ich mir den Knöchel aufgehauen. Um den Platz und in der Umkleide sind immer Ärzte und Physios, die hatten sich bei den ersten beiden Stürzen mehr Sorgen gemacht, weil beides viel gefährlicher aussah als der letzte Sturz, bei dem dann blöderweise wirklich etwas passierte.

Oscar Otte: „Wollte Turnier nicht mit Aufgabe beenden“

Trotz Ihrer Verletzung haben Sie das Match zu Ende gespielt. Warum?
Ich war emotional so geladen und natürlich voller Adrenalin. Am Anfang habe ich die Verletzung gar nicht richtig gespürt. Mit der Vorhand hatte ich noch ein paar Bälle durchgezogen. Danach habe ich es voll gemerkt und es wurde ein bisschen schlimmer. Ich wusste ab einem gewissen Zeitpunkt, dass die Partie durch ist. Das war in dem Moment total frustrierend. Es war so ein besonderes Match und ein besonderer Tag. Ich wollte nicht mit einer Aufgabe das Turnier beenden. Mir war nicht danach, einfach aufzugeben.

Fatal: Als Oscar Otte einen Schmetterball von der Grundlinie spielte, verlor er die Balance und fiel auf sein Handgelenk.

Ihr Gegner Matteo Berrettini hat Sie würdig verabschiedet und das Publikum zum Klatschen für Sie aufgefordert. Was hat er zuvor beim Handshake zu Ihnen gesagt?
Vorab: Er ist ein mega Kerl. Wir kennen uns von früher, von den Challenger-Turnieren. Wir hatten auch unseren Spint in der Umkleide nebeneinander, haben viel gequatscht. Am Netz  meinte er, dass es ihm sehr leid tut und ich es nicht verdient habe, das Turnier so zu beenden, dass er hofft, das nichts schlimmeres passiert sei. Er hat viele nette Worte gefunden, auch die Geste ans Publikum. Das war schon ein kleiner Trost am Ende des Matches.

Es gab einen jungen Fan, der alle deutschen Spieler lautstark unterstützt hat. Haben Sie ihn gehört?
Natürlich, das hat jeder. Er war die ganze Zeit da. Ich hab mich gewundert, wie man so viel Energie haben kann. Vor allem: Das Sonego-Match ging über vier Stunden, da hat er vier Stunden durchgeschrien. Das kann auch den Gegner extrem nerven. Es ist immer gut, wenn so jemand im Publikum sitzt. Es war witzig und es pusht auch extrem.

Oscar Otte: „Ich kannte Peter Gojowczyk nur aus dem TV“

Sie standen durch Ihre Siege im Medienfokus. Wie haben Sie das wahrgenommen?
Wegen der Zeitverschiebung habe ich es kaum wahrgenommen. Ein paar Leute hatten mir Artikel, Memes oder GIFs von mir zugeschickt. Im Nachhinein habe ich gemerkt, dass um mich herum viel los war. Das ist schön. Im Endeffekt bin ich aber immer noch Tennisspieler. Ich konzentriere mich darauf, gut zu spielen, gesund zu bleiben, das zu machen, was ich seit Jahren liebe. Das ist und bleibt der Fokus. Aber klar: es ist cool, ein bisschen in den Medien zu sein.

Peter Gojowczyk war in New York Ihr Weggefährte. Im Gleichschritt haben Sie beide von der Qualifikation aus das Achtelfinale erreicht. Wie ordnen Sie das ein?
Es ist für uns beide ein Riesenerfolg. Peter stand schon einmal in den Top 50. Trotzdem ist es auch sein größter Erfolg bei einem Grand Slam-Turnier gewesen. Er hat immer einen Tag vor mir gespielt und wir haben versucht, uns gegenseitig einzuspielen. „Spielst du mich heute ein?“, hat er mir geschrieben und ich ihm dann andersherum. Das war witzig. Wir waren ja beide alleine da. Deshalb haben wir viel Zeit zusammen verbracht, haben mal Mittag gegessen oder zusammen trainiert. Was auch witzig war: Nach seinen Matches hat er mir geschrieben: „So jetzt bist du morgen dran!“ Oder wenn wir uns in der Umkleide gesehen haben, meinte er: „Jetzt zieh mal nach morgen, Ossi.“ Es war ein Ding zwischen uns. Wir hätten beide nicht damit gerechnet, dass es so gut klappt.

Können Sie sich an Ihre allererste Begegnung erinnern?
Ich glaube, ich habe ihn vor ein paar Jahren auf in der Wimbledon-Quali auf einer Nebenanlage zum ersten Mal gesehen. Er hat mit Tobi Kamke trainiert. Ich bin in zu der Zeit gerade erst hochgekommen mit ein paar Future-Siegen und hatte bei Challengern gut gespielt. Peter kannte ich nur vom Fernsehen. Aber seitdem kennen wir uns. Wir verstehen uns gut und ich mag ihn sehr. Er ist einfach ein witziger und ehrlicher Typ, sehr direkt. Ich hoffe, dass wir weiter an unseren Leistungen dranbleiben und wir uns öfter bei den Turnieren solche Sprüche reindrücken können.