The Championships – Wimbledon 2008 Day Seven

Neuer Kerber-Coach: Rainer Schüttler im Portrait

Rainer Schüttler ist der neue Trainer von Angelique Kerber. Vor fünf Jahren portraitierte tM-Chefredakteur Andrej Antic den „Shaker“, der 2012  gemeinsam mit Ion Tiriac das Düsseldorfer Turnier kaufte. Über den Wandel vom Spieler zum Macher sprach die ehemalige Nummer fünf der Welt in tennis MAGAZIN sehr offen.

(Dieses Portrait erschien im tennis MAGAZIN 3/2013. Die Turnierlizenz von Düsseldorf wurde 2015 nach Genf verkauft, wo Schüttler seitdem als Turnierdirektor fungierte. Außerdem war er lange an der Akademie in Offenbach tätig, die sein ehemaliger Partner Alexander Waske nun alleine betreibt. Schüttler wurde 2015 erneut zu den Kandidaten gezählt, die Davis Cup-Kapitän werden könnten. Es wurde bekanntlich Michael Kohlmann. 2017 verstärkte er das Team von Janko Tipsarevic).

Wenn es eine Eigenschaft gibt, die Rainer Schüttler beschreibt, dann ist das Verlässlichkeit. Man schreibt ihm eine Mail und postwendend kommt die Rückmeldung. Er antwortet, dass man zu der vorgeschlagenen Zeit gerne telefonieren könne und rechnet für den Gesprächspartner sogar aus, wie spät es dann in Deutschland ist. Damit bloß nichts schief geht. Denn: Der Mann ist gerade im Ausland unterwegs. Auf Tennisturnieren. Wo sonst?

Um den Globus touren – das tut Rainer Schüttler, der am 25. April 37 wird, seit rund 20 Jahren, erst als Junior, dann als Pro und jetzt als… Ja, als was eigentlich? Hier eine Auswahl der Aktivitäten vom Mann, den Freunde immer noch Shaker nennen und der es vor neun Jahren auf Platz fünf der Weltrangliste schaffte: Er unterstützt den in der Rangliste abgestürzten Philipp Petzschner bei einigen Turnieren, hilft ihm als Coach. Er gehört zu einem Kreis, der die GPTCA, die Global Professional Tennis Coach Association, mit ins Leben gerufen hat. Dort werden weltweit Trainer ausgebildet. Er berät die Schüttler-Waske-Tennisacademy in Offenbach, die zwar seinen Namen trägt, bei der er sich aber im Moment aus dem operativen Geschäft heraushält. Und, der wichtigste Job von allen: Er ist inzwischen Turnierchef – von Düsseldorf, dem ehemaligen World Team Cup.

„So eine Chance“, sagt Schüttler, „bekommt man nur einmal im Leben und die wollte ich nutzen.“ Die Chance, eine der begehrten ATP-Lizenzen zu erwerben, gab es ziemlich genau vor einem Jahr.

Rainer Schüttler: „War mir eigentlich zu früh“

„Es war mir eigentlich zu früh“, sagt Schüttler. Ob seine Pro-Karriere zuende war – das wusste er zu diesem Zeitpunkt nicht. 2012 trat er noch einmal bei den Australian Open an, nach einer knallharten Vorbereitung in Kenia. Weil er nur noch die Nummer 131 der Welt war, musste Schüttler in der Quali spielen. In der zweiten Runde verlor er gegen den Nobody Alexander Kudryavtsev, der 40 Plätze schlechter platziert war, mit 6:8 im dritten Satz. Schüttler ging vom Court und schenkte einem kleinen Jungen seinen Schläger: „Da wusste ich vom Kopf und vom Herzen: Das Thema Pro-tennis hat sich erledigt“, sagt Schüttler. Aber: „Ich wusste nicht, ob ich nicht vielleicht doch noch mal einen Rappel bekomme und wieder anfange.“ Deswegen habe die Entscheidung so lange gedauert. Der Ent-schluss, die Karriere zu beenden, fiel dann endgültig im Oktober letzten Jahres.

Schüttlers ursprüngliche Idee: Erst einmal Abstand gewinnen, die neue Freiheit genießen, keine Koffer mehr packen, ein bisschen in den Tag hineinleben in seinem Haus in Altstätten in der Schweiz, was gar nicht seine Art ist, und viel Zeit mit Jovana, seiner Freundin, verbringen. Die Modedesignerin lernte er 2010 auf der Hochzeit von Janko Tipsarevic kennen. Sie ist die Schwester der Frau des serbischen Stars.

Aus der Auszeit wurde nichts, „weil alles so schnell ging“ (Schüttler). Die Lizenz vom World Team Cup stand zum Verkauf. Die legendäre Mannschats-WM – da waren sich alle Beteiligten sicher – hatte ausgedient. Angebote aus dem Ausland gab es einige. Aber als Schüttler, der schon immer ein Herz für Düsseldorf hatte – seit 2003 war er Botschafter des Events – , hörte, wie sehr der Verkauf drängte, stieg sein Interesse. Sein Manager, früherer Coach und enger Vertrauter Dirk Hordor schlug vor: „Wir reden mit Tiriac. Vielleicht teilt ihr euch die Lizenz.“

Die Investitionen des Rainer Schüttler

Es folgten Gespräche. Viele Gespräche. In Düsseldorf, Miami, Madrid, Wimbledon, New York. Mit der Düsseldorfer Führungsspitze Dietlof von Arnim und dem langjährigen Macher Horst Klosterkemper, mit der ATP, mit Gerard Tsoba nian, dem General Managing Director vom Masters in Madrid und Ion Tiriacs rechter Hand, und mit Tiriac selbst. Kurz vor den US Open, als der Manager-Neulng Schüttler erstmals an den Konferenzen der Turnierdirektoren teilnahm, war der Deal in trockenen Tüchern. Ein paar Wochen später wurde er offziell verkündet.

Hat er viel Geld investiert? „Wir reden über sehr viel Geld. Aber ich habe in meiner Karriere gut verdient und immer sparsam gelebt“, sagt Schüttler. Für die Maßstäbe Tiriacs, seinem Partner, sei das Ganze eher „eine kleine Beteiligung“. Mehr wolle er über die Kosten für eine 250er-Lizenz nicht verraten. Laut dem Internetportal „Der Westen“ belief sich die Summe auf rund 1,6 Millionen Euro. Schüttler sagt: „Es ist eine gute Investition für später und es ist eine sensationelle Möglichkeit für mich, im Tennis zu bleiben.“

Wenn Schüttler über Tennis in Deutschland spricht, dann klingt das alles logisch, gut durchdacht. Das Düsseldorfer Turnier ist im Grunde, auch wenn das etwas kalt klingt, wie eine Aktie. Zurzeit steht sie nicht besonders gut da. Aber: „Es wäre falsch, alle Turniere ins Ausland zu verkaufen. Tennis ist immer noch die zweit- oder drittgrößte Sportart in Deutschland. Wir haben im Moment keinen Top Ten-Spieler, aber irgendwann wird einer kommen, der frischen Wind bringt.“ Und außerdem, gewissermaßen als Ass im Ärmel, gibt es Tiriac, den cleveren Geschätsmann, Ex-Boris Becker-Manager, Ex-Macher des Masters von Stuttgart und der ATP-WM in Hannover. „Herr Tiriac“, sagt Schüttler, „hätte nicht investiert, wenn er sich nicht Profit versprechen würde.“

Herr Tiriac? Schüttler grinst, was man auch durchs Telefon merkt. „Er hat schon oft gesagt, ich soll ihn duzen, ich soll Ion sagen.“ Manchmal tue er das auch, aber es falle ihm schwer, weil er so viel Respekt vor Tiriac habe.

2008 stand Rainer Schüttler nach einem starken Turnier im Halbfinale von Wimbledon und unterlag dem späteren Sieger Rafael Nadal.

Steht er im Schatten von Tiriac? „Überhaupt nicht. Ich kann unglaublich viel von ihm lernen“, sagt Schüttler. Faszinierend sei, wie die Sponsoren auf den Namen reagieren. „Wenn sie hören, dass ein ehemaliger Spieler wie ich Zeit und Geld investiert, finden sie das interessant, aber wenn der Name Tiriac fällt, dann werden sie erst richtig hellhörig.“ Schüttlers Lehrmeister neben Tiriac sind vor allem Gerard Tsobanian und Dirk Hordorff . Diese Leute um sich zu haben – das sei besser als ein Studium. „Da lerne ich in einem Jahr, wofür ich sonst fünf brauchen würde.“

Wahnsinnig komplex sei der Job eines Turnierveranstalters. Tribünenaufbau, Ausgänge für die Feuerwehr, Security, Starkstromanschlüsse – das sind Dinge, mit denen sich Schüttler jetzt beschäftigen muss. Wobei: Das Team um Turnierdirektor Dietlof von Arnim, das den Power Horse Cup 2013 ausrichtet, ist immer noch das gleiche wie in den letzten Jahren. Schüttler ist froh, dass das so ist. Ganz begeistert sei er von seinen künftigen Mitstreitern und erzählt eine Geschichte, die typisch für den Teamgeist der Düsseldorfer sei. Im vergangenen Jahr hatte es am Montag gehagelt. 30, 40 Freiwillige kümmerten sich um die Plätze. Abends kam die Feuerwehr, pumpte tausende Kubikliter Wasser ab und alle harrten aus, bis der Schaden behoben war. Noch nachts um 1.30 Uhr saß man zusammen. Beschwert hatte sich niemand über die zusätzliche Arbeit.

Schüttler will etwas bewegen

Schüttler mag so eine Einstellung. „Ich will im deutschen Tennis etwas bewegen“, sagt er. Zunächst nicht an vorderster Front – „dafür müsste ich nach Düsseldorf ziehen“ –, aber hinter den Kulissen, bei Gesprächen mit potenziellen Sponsoren, mit der ATP und den Spielern, zu denen er beste Kontakte hat. Über einen Coup ist er jetzt schon froh. Mit der Nummer zehn und zwölf der Welt, Janko Tipsarevic und Nicolas Almagro, stehe das Turnier besser da als im letzten Jahr. Dazu gebe es mit Eurosport eine große Plattform, mit der man künig Sponsoren locken könne.

Ist die Verpflichtung von Rafael Nadal ein Thema? Nein, der passe nicht ins Budget, sagt Schüttler. Und wenn Herr Tiriac seine Privatschatulle öffnet? Schüttler lacht. Man könne ihn ja fragen. Aber nein, das glaube er nicht. Zum Verständnis: Mindestens eine Million Euro müsste man für die Antrittsprämie für Nadal zahlen.

Schüttler träumt vorerst von anderen Dingen: Kinderbetreuung auf der Anlage, ein Rahmenprogramm, wie man es von den Gerry Weber Open kennt. Oder aus Madrid. „Da kommen die Leute mittags auf die Anlage und verbringen den ganzen Tag dort“, schwärmt Schüttler. Aber ein solches Event zu entwickeln, brauche Zeit. Blauer Sand, auf dem in Madrid 2012 gespielt wurde und den es dort in diesem Jahr wegen der Beschwerden von Spielern nicht mehr geben wird, sei übrigens kein Thema. „Aber die Idee war genial. Im Fernsehen sah das super aus. Schade, dass der Untergrund rutschig war, obwohl man extra aus Paris Experten einfliegen ließ.“

Ach ja, eine Frage gibt es noch: Ist er enttäuscht, dass er kein Davis Cup-Kapitän wurde? Nein, ist er nicht. Es sei nur schade gewesen, dass der DTB ihn gefragt habe, ob er inter-essiert sei und sich dann nie wieder gemeldet habe. Schüttler: „Ich hätte gern mein Konzept vorgestellt, aber die Wahl von Carsten Arriens geht in Ordnung.“ Und die Entscheidung der Düsseldorfer, das Turnier nicht ins Ausland verkauft zu haben, auch. Denn eines ist jetzt schon klar. Ihr neuer Mann ist neben anderen Qualitäten zuverlässig. Nicht nur beim Beantworten von E-Mails.