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Der Verfolger

Kurz vor dem großen Finale im Monte Carlo Country Club zwischen Rafael Nadal und Roger Federer gab es noch eine besondere Einlage, eine Reise in die Vergangenheit. Das Turnier feierte sein 100-jähriges Jubiläum. Unten auf der roten Asche spielten Tennislegenden im weißen Dress und mit Holzschlägern ein Show-Turnier unter strahlend blauem Himmel. Mit dabei war auch Guillermo Vilas. Der mittlerweile 53-jährige Argentinier gilt als einer der besten Sandplatzspieler aller Zeiten. Einmal gelang ihm das Kunststück, 53 Matches auf Asche in Folge zu gewinnen.
Die Ouvertüre passte perfekt. Denn seit Wochen reden alle über eine neue Sandplatzlegende Rafael Nadal. Und Rafa, wie er genannt wird, ist erst 19 Jahre alt!
Im letzten Jahr siegte der Spanier bei acht Turnieren auf rotem Sand. Insgesamt gewann er elf Turniere. Und als er sich vor dem Masters in Shanghai am linken Fuß verletzte, war man sich nicht sicher, ob er 2006 ähnlich stark sein würde. Die Fußverletzung stellte sich als komplizierter als vermutet heraus, und Nadal kehrte erst im Februar auf die Tour zurück. Monte Carlo war sein erstes Sandplatzturnier in diesem Jahr und er gewann es.
Er ist ein Tier, sagt Guillermo Coria. Coria galt vor zwei Jahren als Nachfolger von Vilas. Aber der Argentinier hat sein Spiel nicht weiterentwickelt und schwächelt inzwischen. Nadal überrollte ihn in Monte Carlo 6:2, 6:1.
Einmal, als Nadal drei scheinbar aussichtslose Bälle noch zurückbrachte und den Punkt gewann, drehte sich Coria zu ihm, hielt sein Racket wie ein Gewehr und tat so, als wolle er sein Gegenüber erschießen.

Corias Kapitulation
Es war eine Geste der Verzweiflung, der Kapitulation vor einem Spieler, der das Spiel auf Sand revolutioniert hat und der noch besser ist als 2005.
Nadals bester Schlag ist seine Vorhand, die er, der Linkshänder, mit extremem Topspin ins gegnerische Feld prügelt (siehe auch Kasten Seite 13). Die andere große Stärke des Mannes aus Mallorca ist die Einstellung. Ich kenne niemanden, der mental so stark ist, sagt Gaston Gaudio, der French Open-Champion von 2004. Nadal selbst verrät nicht viel über seine Psyche. Ich liebe den Wettkampf, wiederholt er immer wieder und grinst. Mehr ist ihm, der immer noch sehr schlecht englisch spricht, nicht zu entlocken. Vielleicht denkt er auch gar nicht so sehr darüber nach, wie er sich auf dem Platz präsentiert. Außenstehende haben das Gefühl, als werde er, sobald er den Court betritt, an eine Steckdose angeschlossen. So sehr steht er unter Strom vom ersten bis zum letzten Punkt. Er gibt keinen Ball verloren. Selbst an Bälle, die schon beinahe ein zweites Mal aufgesprungen sind, kommt er heran. Und er spielt sie nicht nur zurück, sondern macht häufig den Punkt, in dem er extreme Winkel schlägt.
Es ist diese Intensität, der Rhythmus, den Nadal in sich trägt, der seine Faszination ausmacht. Wie ein Metronom gibt er den Takt für sich, aber auch für die Gegner vor. Auf Sand ist er ein Genie, der eine neue Qualität ins Tennis gebracht hat.

Duell mit Federer
Die Geschichte von Nadal ist im Moment auch die von Roger Federer, der Nummer eins, der die Rangliste mit 2000 Punkten Vorsprung anführt, dem Überflieger der Tour. Ist er es noch? Oder anders formuliert: Ist Nadal besser als die Nummer eins? Wenn man vom direkten Vergleich ausgeht, lautet die Antwort ja. In sechs Begegnungen hat Nadal den Schweizer fünfmal besiegt dreimal auf Sand (Monte  Carlo und Rom 2006, French Open 2005), und zweimal auf Hartplatz (Dubai 2006, Miami 2004).
Was das Duell Nadal Federer von anderen großen Zweikämpfen in der Geschichte des Tennis unterscheidet: Beide begegnen sich mit sehr viel Res-pekt. Er ist Federer, einer der größten Spieler aller Zeiten. Wenn er sein bes-tes Tennis spielt, ist er kaum zu schlagen, sagt Rafael Nadal, wenn man ihn fragt, ob er denn jetzt der Bessere sei. Keine gespielte Höflichkeit es gibt wenige Spieler, die so fair sind wie Nadal, auch wenn er sich manchmal in Lleyton Hewitt-Manier bei Fehlern des Gegners theatralisch auf die Brust schlägt. Nadals oberste Devise heißt: den Punkt zu gewinnen, egal wie. Dafür brennt er lichterloh.
Er mag Federer, nennt ihn im privaten Gespräch Rogelio und schickt ihm Glückwünsche per SMS, wenn der Konkurrent ein Turnier gewonnen hat. Dass sich die beiden verstehen, sah man auch, als sie vor Turnierbeginn in Monte Carlo auf einem von Palmen umsäumten Miniplatz vor dem prächtigen Casino ein paar Bälle schlugen.

Intaktes Umfeld
Auch Federer lobt das Spiel des Gegners. Obwohl ihn, den Perfektionisten, die Niederlagen schmerzen werden, was er nicht zugeben möchte. Aber einmal wurde er doch ein bisschen ärgerlich: Niemand sollte mir sagen, wie ich gegen ihn spielen muss. Diese Frage kann man nur beantworten, wenn man ihm gegenübersteht, entfuhr es Federer, und die sanfte Stimme wurde etwas schärfer. Liegt Federer gegen den Rest der Welt zurück, schaltet er einen Gang höher und gewinnt. Gegen den Spanier funktioniert das nicht. Er kommt mit Nadals Vorhandschlägen, die so schnell sind und so hoch abspringen, nicht klar. Vor allem nicht auf der Rückhandseite. Der Supertechniker Federer bekommt keinen Druck mehr in seine Schläge und muss Nadal die Initiative überlassen.
Hat Federer schon einen Nadal-Komplex? Nein, sagt Federer. Das Wort gebe es für ihn nicht. Aber die Nummer eins sucht verzweifelt nach Rezepten. Um für ein mögliches Duell bei den French Open in Paris gerüstet zu sein, engagierte er einen Linkshänder als Sparringspartner, der nur eine Aufgabe hat stundenlang hohe Bälle auf seine Rückhand zu spielen.
In Monte Carlo, wo Nadal 6:2, 6:7, 6:3, 7:6 siegte, reichte es für Federer nicht, aber das Match war, abgesehen vom ersten Satz, eng. Federer besaß 18 Breakchancen, von denen er allerdings nur vier nutzen konnte. Im Tiebreak des vierten Satzes führte er schon 3:0 und hatte zwei Aufschläge. Aber der Satz und das Match gingen an den fünf Jahre jüngeren Nadal.
Als er bei der Siegerehrung den Pokal aus den Händen von Fürst Albert von Monaco entgegennahm, biss er in die Trophäe. Ein Bild mit Symbolkraft. Für den ehrgeizigen Nadal, den Neffen des 70-fachen spanischen Fußball-Nationalspielers Miguel Angel , ist der Erfolg eine Droge. Dafür, dass er weiter siegt, sorgt sein Team. Mit Trainer und Onkel Toni Nadal arbeitet er zusammen, seit er ein Kind ist. Auf ihn kann er sich verlassen. Und die beiden demonstrieren, dass ständige Trainerwechsel nur für Unruhe sorgen.
Die zweite wichtige Person für Nadal heißt Carlos Moya auch wenn die beiden noch Konkurrenten auf der Tour sind Moya schlug Nadal in Miami, Nadal Moya in Rom. Moya ist Nadals Mentor, er trainiert ständig mit ihm und hat mit dafür gesorgt, dass Nadals Spiel variabler geworden ist. Nadals Manager heißt Carlos Costa. Der Mann aus Barcelona, früher selbst ein Weltklassespieler auf Sand, steuert die PR-Termine und schirmt Nadal ab. Er ist der Stratege, der dafür sorgt, dass Nadal mit seinen coolen Outfits und dem spektakulären Schläger wie ein Showman wirkt. In Wirklichkeit ist er eher schüchtern und tritt außerhalb des Platzes längst nicht so selbstbewusst auf wie beispielsweise Federer. In diesem Jahr stieß noch eine weitere wichtige Person zum Team Nadal: Juanan Martorell. Er ist der Physiotherapeut. Früher war er in Diensten des spanischen Fußball-Erstligisten RCD Mallorca. Jetzt reist er fulltime mit Nadal zu den Turnieren, massiert die müden Muskeln, kümmert sich um die Ernährung und sorgt dafür, dass der zu Beginn der Saison lädierte Fuß verletzungsfrei bleibt. Der steckt übrigens in einem speziell angefertigten Schuh. Um ihn zu testen, flog Nadal sogar nach Portland in die USA.

Zahlen für die Ewigkeit
Nichts wird dem Zufall überlassen. Und die Hauptperson ist fokussiert wie kaum ein anderer Spieler. Die Matches seines Hauptkonkurrenten sieht er sich meist im Fernsehen an. Neulich, nach dem Erfolg von Dubai, stellte ein Reporter eine Frage und erwähnte, dass Nadal jetzt elf Finals in Folge gewonnen hätte. Zehn, unterbrach ihn Nadal und ratterte in Sekundenschnelle die Turniere herunter: Monte Carlo, Barcelona, Rom, Paris, Stuttgart, Bastad, Montreal, Madrid, Peking, Dubai. Die Einlage erinnerte an Boris Becker, der noch Jahre später herunterbeten konnte, wie ein Punkt in einem bestimmten Ballwechsel ausgegangen war.
Auch eine andere Zahl hat Nadal in den letzten Wochen beschäftigt. Nach dem Turnier von Monte Carlo hatte er 42 Matches in Folge auf Sand gewonnen bis zum Rekord von Vilas fehlten noch elf Siege. Das letzte Mal, das Nadal auf seinem geliebten Untergrund verlor, war das Viertelfinale von Valencia im letzten Jahr. Dort unterlag er Igor Andreev.
Die beeindruckende Serie setzte Nadal fort. Wie 2005 gewann er nach Monte Carlo auch in Barcelona. Neuer Zwischenstand: 47 Siege non-stop. Damit hatte er Björn Borg (46) schon überholt, und nur noch Vilas lag vor ihm. Die Entscheidung, ob es Nadal gelingen würde, den Rekord einzustellen, fiel in Rom.
Es hätte nicht dramatischer verlaufen können. Federer in der oberen Hälfte des Tableaus mühte sich im Viertelfinale und Halbfinale gegen Nicolas Almagro und David Nalbandian jeweils in drei Sätzen. Nadal, der an Nummer zwei Gesetzte, hatte es einfacher. Zwar verlor er in seinem Auftaktmatch gegen Moya einen Satz, aber anschließend hatte er keine Probleme mehr. So kam es erneut zum großen Duell und zu einem der besten, und längsten, Sandplatzmatches aller Zeiten. Nach 5:05 Stunden siegte Nadal 6:7, 7:6, 6:4, 2:6, 7:6. Beim Stand von 5:6, 15:40 im entscheidenen Durchgang musste er sogar zwei Matchbälle abwehren. Mehr noch: Rafael Nadal hatte es geschafft, die 53 zu knacken den ewigen Rekord von Guillermo Vilas.

Einparken mangelhaft
Aber auch Nadal hat seine Schwächen. Neulich wurde bekannt, dass er Anfang des Jahres mit Ach und Krach seine Führerscheinprüfung bestanden hatte. Außerdem verriet er: Ich kann nicht einparken.
Seinen Gegnern wird das egal sein, aber Millionen von Frauen können sich freuen.    Andrej Antic