Tennis BMW Open – Day 7

Philipp Kohlschreiber – Bayer aus der Base

Mit seinem ersten ATP-Titel ist Philipp Kohlschreiber zur deutschen Nummer zwei aufgestiegen. Porträt eines Spätstarters, der als Zukunft des deutschen Herrentennis gilt.



(Der Originalartikel erschien in der Ausgabe Juni/2007 von tennis MAGAZIN!)

Das Forsthaus Wörnbrunn in Grünwald, 14 Kilometer südlich von München, ist ein traditionsreiches Gasthaus. Urbayerisch. Ehrlich. Rustikal. Bodenständig. Nicht so ein hippes, auf edel getrimmtes Szenelokal, wie es sie zuhauf in München-Schwabing gibt. Auf der Speisekarte stehen Zwiebelrostbraten mit Knödeln oder 200 Gramm schwere Rinderfiletsteak.

Dass Philipp Kohlschreiber gerade hier den größten Sieg seiner Karriere bei den BMW Open in München im engsten Kreis mit Freunden und Familie feiert, ohne viel Tamtam, ohne Presse und Öffentlichkeit, sagt viel über den 23-Jährigen aus. Es ist der Mittwoch nach seinem Triumph und Kohlschreiber hat alle, die ihm wichtig sind, eingeladen. Er mag es eben traditionell, „eher ruhig und einfach, nicht so monströs.“ Dann fügt er nach einer kleinen Pause hinzu: „Und vor allem mag ich die bayerische Küche.“

Vier Tage ist es her, dass „Kohli“ bei den BMW Open in München Tennisgeschichte schrieb, wie er selbst auf seiner Pressekonferenz nach dem Finalsieg über Mikhail Youzhny feststellte. Der erste deutsche Sieger in München seit Michael Stich 1994. Der erste deutsche Titelträger bei einem Profiturnier auf höchstem Level in Deutschland seit Tommy Haas, der 2001 das Hallenturnier in Stuttgart gewann. So etwas ist kaum noch zu toppen. „Höchstens durch einen Grand Slam-Sieg“, ordnet Kohlschreiber-Manager Hans Hauska den ersten Titel seines Schützlings ein.

Was für eine Story! Kohlschreiber, der Ur-Bayer, aufgewachsen in Augsburg, auf sämtlichen Ebenen vom Bayerischen Tennis-Verband (BTV) gefördert, mit 14 Jahren in die damals neu gegründete Tennisbase nach Oberhaching berufen, wo er bis heute trainiert: Gerade er gewinnt in München und weckt die Hoffnungen der Fans, dass er, der Kohli, nun zum neuen deutschen Tennishelden aufsteigt. „Es gibt keinen besseren Ort, um all die in mich gesteckten Investitionen zurückzuzahlen“, sagt Kohlschreiber. Früher, erinnert er sich, war er schon froh, wenn es eine Gratis-Eintrittskarte vom BTV gab und er seinen Idolen auf der Anlage von Iphitos München zusehen durfte. Jetzt dieser Titel in seiner Heimat! Dankbarkeit liegt in seiner Stimme. Aber auch eine gewisse Klarheit. Nach dem Motto: Es war nur eine Frage der Zeit, bis mir der Durchbruch gelingt.

Parkplatz für den Champ

Beim Champions Dinner, so nennt es Hauska, im urtümlichen Forsthaus am Waldesrand überwiegt die Dankbarkeit. Die beiden Pokale (neben der Einzelkonkurrenz gewann Kohlschreiber auch im Doppel in München) stiftet er seiner Base. Sie kommen in eine Vitrine, an der jeder Besucher der MLP Tennisbase vorbeigehen wird. Hans Hauska hat auch ein Geschenk für seinen Musterschüler: einen eigenen Parkplatz, direkt vor dem Eingang des Trainingszentrums. Er löst damit ein altes Versprechen ein. „Philipp, solltest du jemals einen Titel holen, darfst du ganz vorne parken“, hatte Hauska vor einigen Jahren versprochen. Kohlschreiber ist ein Autonarr.

Philipp Kohlschreiber

ZUM ERSTEN MAL AUF DEM TITEL: Nach seinem Triumph bei den BMW Open in München 2007 wurde Philipp Kohlschreiber unser „Cover-Boy“.

Sein Vater, früher ein Porschefahrer, besaß eine Autowerkstatt mit Tankstelle. „Durch ihn habe ich Benzin im Blut“, gibt Kohlschreiber zu. Ein ordentlicher Parkplatz für seinen neuen BMW, den er als Münchener Turniersieger bekam, ist für ihn eigentlich nur ein Gag. Aber er findet das natürlich auch ziemlich klasse. Gut sichtbar steht jetzt ein Schild vor dem besten Parkplatz der Base: Philipp Kohlschreiber, BMW Open-Sieger 2007.

Den plötzlichen Ruhm muss selbst einer wie er, den die Bild-Zeitung gerne als „Coolschreiber“ bezeichnet und der sonst nie um eine zackige Antwort verlegen ist, erst einmal verarbeiten. Ich konnte den Sieg in München anfangs gar nicht genießen. Es prasselte so viel auf mich ein, das war schon Stress, erzählt Kohlschreiber, der am Tag seines Erfolgs von Interview zu Interview gereicht wurde und erst am Abend um 22.30 die Anlage verlassen konnte.

Für Kohlschreibers Popularität gibt es zwei gute Gründe: Sein Spiel und seine offene Art. Beides wirkt wie eine Erfrischungskur für das deutsche Tennis, das doch so sehnsüchtig auf junge, unverbrauchte und erfolgreiche Spieler der zweiten Generation nach der Ära Becker-Stich wartet. Bitte schön, hier ist er: Philipp Kohlschreiber. Auf dem Platz elegant, ästhetisch und verspielt, mit einer wunderbaren einhändigen Rückhand; später, auf Pressekonferenzen oder in Gesprächen, witzig, charmant, aber auch provozierend und fordernd, weil er seine eigene Meinung gerne äußert. Ich schwimme oft gegen den Strom und ecke deshalb auch manchmal an. Aber: So bin ich eben, beschreibt er sich.

Bekannt sind seine Sprüche die er selbst nicht als solche bezeichnet über andere Spieler und seine Ziele. 2007, vor dem Zweitrunden-Match bei den Australian Open gegen Rafael Nadal, sagte er trocken: Ich weiß, wie er spielt. Deshalb werde ich das Match diktieren. Solche großen Töne ist man von deutschen Spielern nicht gewohnt. Manche legen das als Arroganz aus und halten Kohlschreiber für ein Großmaul. Indes: Im Match gegen Nadal, das er in vier Sätzen nach dreieinhalb Stunden verlor, war es tatsächlich der junge, freche Deutsche, der die meisten Ballwechsel bestimmte. Nadal lobte anschließend: Schwieriger können die nächsten Runden nicht werden.

Große Töne, große Taten

Vor den BMW Open 2007 kündigte Kohlschreiber forsch an: Mein Ziel ist das Finale. Auch diesen Satz hatte er nicht einfach so dahergesagt. Nach dem Erreichen des Viertelfinales in Monte Carlo in der Woche vor München (Endstation: Rafael Nadal), fühlte ich mich super und traute mir das Endspiel wirklich zu, sagt Kohlschreiber. Dass auf sein Gefühl Verlass ist, weiß nach seinem Münchener Turniersieg nun jeder.

„Warum soll ich mich verstecken?“, fragt er. Und liefert die Antworten gleich mit: „Ich setze mich damit selbst unter Druck und sorge für Gesprächsstoff. Wenn man brav sagt, ich will in die zweite Runde kommen, nimmt man mich doch kaum wahr.“ Er gestikuliert nun mit seinen Armen und rutscht auf der schwarzen Couch im Players-Bereich des Hamburger Rothenbaumturniers herum. Gewissenhaft bereitet er sich hier auf den nächsten Höhepunkt vor, das Masters-Turnier in Hamburg. Morgens und mittags absolviert er seine Einheiten. Dann wird er plötzlich nachdenklich, legt eine Pause ein und betont: „Ich sage immer nur Dinge, die für mich realistisch sind.“

Keine Riesenleuchte

„Stimmt“, pflichtet ihm sein Coach Markus Wislsperger bei. Anfang des Jahres hatte er gesagt, dass er 2007 in die Top 30 kommen will. Das hat er nun fast geschafft. Wislsperger, seit Anfang 2006 an Kohlschreibers Seite, ist nicht nur Coach. Das Verhältnis sei schon freundschaftlich, sagt der 31-Jährige, der Kohlschreiber bei fast allen Turnieren begleitet. Bei aller Lockerheit: Im Training wird kräftig geackert. Gerade jetzt, nach den ersten Erfolgen. „Wir wollen uns nicht zurücklehnen“, versichern beide.

Kohlschreiber weiß, wie es ist, sich zu sehr über das Erreichte zu freuen. Er weiß, was passiert, wenn man plötzlich denkt, dass jetzt alles von selbst läuft. 2002 bekam er als Nummer 400 und irgendwas Wildcards für die Turniere in München und Hamburg. Er verkaufte sich dort prächtig, trotz knapper Niederlagen gegen Nicolas Lappenti und Lleyton Hewitt. Er wurde als größtes deutsches Tennistalent der letzten Jahre gefeiert. Und dann lud ihn sogar der damalige deutsche Teamchef Michael Stich zum World Team Cup nach Düsseldorf ein, wo er ein Match (gegen Alex Corretja) bestritt.

„Ich fühlte mich wie der Größte“, erinnert sich Kohlschreiber. „Aber im Nachhinein war ich noch gar nicht soweit.“ Kohlschreiber stagnierte nach seinen ersten großen Auftritten. Er hatte zu kämpfen, gute Ergebnisse blieben aus. „Ich dachte damals, dass alles schon irgendwie klappen würde mit dem Profitennis.“ Was er dabei vergaß: „Weiter hart zu trainieren, viel mehr von mir selbst in diesen Sport zu investieren.“ Für Kohlschreiber ging es in dieser Zeit nicht mehr stetig bergauf. Zum ersten Mal in seiner Karriere. Vorher lief alles bilderbuchmäßig.

Mit vier Jahren bekam er durch die Tennisbegeisterung seiner Eltern die ersten Trainerstunden auf der Anlage der Augsburger Tennislegende Max Wünschig, der mehrere Deutsche Meister-Titel in seiner aktiven Zeit gesammelt hatte. Dann trat er dem TC Augsburg Siebentisch bei. Bei den ersten Jüngstensichtungen auf Verbandsebene war er nicht die Riesenleuchte, aber er wurschtelte sich so durch, wie Kohlschreiber es formuliert. Dann der erste Durchbruch mit 14 Jahren: Er gehörte plötzlich zu den Besten seines Jahrgangs in Deutschland. Zweimal pro Woche chauffierten ihn seine Eltern ins 75 Kilometer entfernte München zum Training mit dem Bayerischen Jugendkader.

Er war eines der Gründungsmitglieder der Tennisbase, die der Bayerische Tennis Verband über seine neu gegründete Marketing GmbH aufbaute. Geschäftsführer dieser GmbH ist Hans Hauska, Kohlschreibers Manager. „Als Philipp zu uns kam, war er noch nicht einmal im Stimmbruch,“ erzählt er von den Anfängen. Damals hatten sie sich bei der Tennisbase den hübschen Slogan „Von der Basis in die Weltspitze“ ausgedacht. „Wirklich sicher, ob wir das leisten können, waren wir nicht“,  bekennt Hauska.

Aber sie hofften darauf. Und ihre Hoffnung hieß: Philipp Kohlschreiber.

Philipp Kohlschreiber

AUF DEM WEG NACH OBEN: 2007 skizzierten wir den Weg von Philipp Kohlschreiber in einer Grafik nach (aus: tennis MAGAZIN 6/2007).

1998 machten sie ihm das Angebot, fest nach München-Oberhaching in die Tennisbase zu ziehen, in sein eigenes Appartement. „Ich hatte da richtig Lust zu“, sagt Kohlschreiber heute. „Probleme mit meinem frühen Auszug von zu Hause hatte wohl eher meine Mutter.“ Die nächsten drei Jahre waren eine Doppelbelastung für ihn: Vormittags büffelte er für seine mittlere Reife an der Wirtschaftsschule in Holzkirchen, nachmittags standen Training und Konditionsübungen auf dem Programm. In dieser Phase seines Lebens lernte er über eine gemeinsame Bekannte Lena Alberti kennen, die bis heute seine Freundin ist und „in den letzten fünf Jahren maximal zehn Turniere von mir verpasst hat“, schätzt Kohlschreiber. Lena ist immer dabei, wenn ihr Kohli spielt: „Sie ist mein Rückhalt.“

Es muss auch in dieser Zeit gewesen sein, als Manager Hauska ein paar schlaflose Nächte wegen seines talentiertesten Spielers hatte. Denn: Kohlschreiber ging auf Partys, war manchmal faul in der Schule, schluderte beim Training und sein Tennis litt darunter. Es ist auch kaum vorstellbar, dass ein Typ wie Kohlschreiber in seiner Sturm-und-Drang-Phase jeden Abend pünktlich um 22.30 im Bett lag. „Ich musste damals ein halbwegs normaler Jugendlicher sein“, erinnert sich Kohlschreiber. Wenn Hauska heute über ihn spricht, gleitet er nicht in blinde Schwärmerei ab. Lieber verpackt er sein Lob in Sätze wie: „Wenn es drauf ankommt, ist auf Philipp immer zu 100 Prozent Verlass“. Oder: „Weiche Mitläufer können Fußball spielen, Tennisprofis brauchen ihr eigenes Ego so wie Philipp.“

Kohlschreiber findet, dass er eine gesunde Entwicklung erlebt hat. Er sieht sich jetzt als neuer Kohli, der mit dem Kerl von früher nicht mehr viel gemeinsam hat. Einmal, 2004 bei einem Challenger-Turnier im Urlaubsparadies Mauritius, schenkte er ein Erstrunden-Match einfach ab: Als sein Gegner Matchball hatte, ballerte er dessen Aufschlag entnervt aus dem Stadion. „Ich habe mich danach geärgert und fühlte mich schlecht“, sagt er heute. Und: „Ich habe daraus gelernt.“

Aufstieg des Spätstarters

Was genau, wurde ihm erst später klar: „Irgendwann machte es klick in meinem Kopf“, erklärt er. Der Schalter kippte um. In die richtige Richtung. Seine Einstellung änderte sich, er wurde professioneller, wollte nur noch für den Sport leben. „Ich bin in der Hinsicht ein Spätstarter. Es dauerte ein paar Jahre, bis ich soweit war“, gesteht Kohlschreiber. Die ersten Meriten kamen 2002 zu früh, Episoden wie die aus Mauritius sind endgültig vergessen.

Jetzt, 2007, ist er bereit, ganz nach oben durchzustarten. Genau das wird von ihm auch erwartet. Ein Turniersieg in Deutschland weckt Hoffnungen, und er steht jetzt auf Platz 33 im Ranking, als zweitbester Deutscher hinter Tommy Haas. „Philipp gehört momentan zu den Top-Leuten auf der Tour. Er hat jetzt die nötige Konstanz gefunden und ist sehr gefestigt“, sagte Davis Cup-Teamchef Patrik Kühnen am Rande des Turniers in München. Kühnen stellte Kohlschreiber beim Davis Cup-Viertelfinale in Ostende gegen Belgien erstmals als zweiten Einzelspieler auf und der Debütant gewann. Die Initialzündung für den Durchbruch? „Der Davis Cup hat mich einfach gepusht“, antwortet Kohlschreiber.

In den nächsten Monaten will er seine Position im Team festigen. Für das Davis Cup-Halbfinale in Moskau, das auf Sand ausgetragen wird, sieht er einige Pluspunkte auf seiner Seite. Er will der zweite Mann hinter Haas werden. Benjamin Becker und Trainingskollege Florian Mayer hinken zurzeit hinterher, Kohlschreiber ist der Mann der Stunde. Und auch der Zukunft? „Ich traue ihm noch weit mehr zu“, bescheinigt ihm Michael Stich, der schon immer von seinem Ehrgeiz, seinem Willen und seinem Talent begeistert war. Und Kühnen benutzte in München bei Kohlschreiber-Auftritten auffallend oft das Prädikat „Weltklasse“.

Seine Rückhand und seine quirlige Beweglichkeit haben diese Auszeichnung längst verdient. Im Spiel nach vorne, bei der Vorhand und beim Aufschlag sehen Kohlschreiber und Coach Wislsperger die größten Verbesserungspotenziale. „Die Rückhand ist immer da. Du kannst mich mitten in der Nacht wecken, und sie kommt. Der Schlag ist mir angeboren“, beschreibt er seine größte Stärke.

„Jetzt ist Training“, unterbricht Coach Wislsperger das Gespräch. „Sorry“, entschuldigt sich Kohlschreiber, „ich muss auf den Platz, Training ist jetzt wichtig.“ Wie auf Kommando lassen beide ihre langen Trainingshosen runter und schlüpfen schnell in ihre Shorts. „Ich freue mich auf die nächsten Wochen, ruft er, als er zum Trainingsplatz schlendert.

Ein Grund für seine Vorfreude sind bestimmt die nächsten Siegeszeremonien im Forsthaus Wörnbrunn.

Tim Böseler

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