Alessandro Greco, Roger Federer

Hoher Besuch: Roger Federer besuchte das Nationale Leistungszentrum in Biel im November 2025.Alessandro Greco ueberreicht Roger Federer eine Leinwand (Claudio De Capitani/freshfocus)Bild: Freshfocus

Alessandro Greco: „Es ist extrem gefährlich, sich zu vergleichen”

Alessandro Greco, Leiter Spitzensport bei Swiss Tennis, über den harten Kampf, in die Top 100 zu kommen, Inspiration Federer und das Comeback von Belinda Bencic

Interview: Simon Graf

Roger Federer verzauberte bei seiner Rückkehr ans Australian Open die Zuschauer, Stan Wawrinka kostete seinen Abschied nochmals voll aus und erreichte die dritte Runde. Aber wo ist die nächste Schweizer Generation im Männertennis?

Die nächste Generation ist schon da. Und sie ist breiter denn je. Früher hatten wir Roger und Stan, und danach nicht mehr viel. Heute haben wir an der Spitze eine grössere Breite. Aber den Jungen fehlt noch der letzte Schritt. Dominic Stricker zeigte am US Open 2023, was man mit Siegen an einem Grand Slam-Turnier auslösen kann. Damals entstand ein kleiner Hype. Aber dass es so schwierig ist, sich da vorne zu etablieren, unterstreicht, was für sensationelle Karrieren Roger und Stan hatten.

So wie Stricker 2023 begeisterten Leandro Riedi und Jérôme Kym am vergangenen US Open. Aber wie Stricker wurden sie danach von Verletzungen zurückgeworfen. Wie erklären Sie sich diese Häufung?

Dass es den Jungen noch nicht gelungen ist, konstant vorne mitzuspielen, hat nicht nur mit Verletzungen zu tun, sondern mit vielen Faktoren – mit ihrem Entwicklungsstand beispielsweise, dem Umfeld, ihren individuellen Qualitäten und Stärken. Es ist zu einfach, das nur auf die Verletzungen zu schieben. Es ist ein Zusammenspiel vieler Faktoren.

Was macht den Sprung vom Challenger-Topspieler zum stabilen Top-100-Spieler so brutal schwierig?

Um dich da durchzusetzen, sind Fähigkeiten gefragt, die dir niemand vermitteln kann. Du musst einen riesigen Willen und eine unglaubliche Konstanz zeigen. Du musst diesen Konkurrenzkampf verinnerlichen. Roger Federer sagte kürzlich, er habe nur 54 Prozent aller Punkte gewonnen. Du musst ständig Rückschläge wegstecken. Tennis ist eine der ehrlichsten Sportarten. Du hast den Spiegel immer vor dir. Damit musst du umgehen können. Du musst sehr selbstkritisch sein, dich aber nicht runterziehen lassen. Vorne dabei sind nicht immer die Talentiertesten, sondern jene, die diesen Challenge immer wieder annehmen.

Was kann man vom 20-jährigen Amerikaner Learner Tien lernen, der sich im Nu vorne etabliert hat?

Er ist ein gutes Beispiel. Tien wirkt auf mich sehr ruhig. Er ist solide und hat schon sehr früh die nötige Reife. Aber er ist nicht spektakulär. Konstanz ist alles. In diesem Zusammenhang möchte ich Viktorija Golubic erwähnen, die sich seit Jahren zwischen den Rängen 50 und 150 hält. Sie hat diese innere Ruhe, arbeitet immer weiter, ist bodenständig und im Kopf klar. Deshalb kann sie mit Spielerinnen mithalten, die ein paar PS mehr haben als sie.

Lassen Sie mich bei den Verletzungen nachhaken: Sehen Sie ein Muster bei den jungen Schweizer Spielern? Wo könnte Swiss Tennis einwirken, damit es besser wird? Bei der Belastungssteuerung, Athletik, Turnierplanung, der medizinischen Betreuung?

Wir beschäftigen uns tagtäglich mit diesen Themen. Was bei der Analyse der Verletzungen auffällt: Es gibt kein klares Muster. Einmal ist es ein Misstritt, einmal eine Zerrung, dann das Knie. Manchmal ist es einfach Pech. Unser Job ist es auch, für ein gutes Reha-Programm zu sorgen. Wie bei Riedi. Wir sind Partner des nationalen Sportzentrums in Magglingen. Dort haben sie ein Top-Reha-Zentrum und die besten Leute.

Swiss Tennis

Ideale Trainingsbedingungen: Das Nationale Leistungszentrum in Biel ist Ausbildungsstätte sowie der Trainingshub der Schweizer Spitzenspieler.Bild: Swiss Tennis

Der Name Henry Bernet wird immer wieder genannt. Experten stecken hohe Erwartungen in ihn. Grosse Firmen wie On und Rolex nahmen ihn unter Vertrag. Was trauen Sie ihm zu?

Ich traue ihm viel zu. Er ist in erster Linie ein guter Mensch, gut erzogen und mit einer gewissen Lockerheit. Er hat sehr gute Schläge und einen guten Körper, ist aber noch nicht ganz austrainiert. Jetzt geht es darum, in den nächsten Jahren das ganze Paket zusammenzufügen. Aber man muss auch realistisch sein: Wenn Bernet in den nächsten drei Jahren in die Top 100 kommt, mit 22, dürfen wir zufrieden sein. Wenn es früher ist, umso besser. Aber nur, weil jetzt nach Roger und Stan ein Loch entstanden ist, ändert das nichts daran, dass die Arbeit mit jungen Menschen ein langfristiges Projekt ist. Es gibt absolute Ausnahmeerscheinungen wie Alcaraz oder Sinner. Aber mit denen darf man sich nicht vergleichen. Es ist ohnehin extrem gefährlich, sich zu vergleichen. Auch im Leben. Leute, die sich mit anderen vergleichen, sind unglücklich.

Roger Federer kehrte im November einen Tag zu Swiss Tennis nach Biel zurück, trainierte mit den besten Junioren und beantwortete ihre Fragen. Welchen Eindruck hat das bei den Jungen hinterlassen?

Roger ist ein extrem inspirierender Mensch. Er hat nicht nur sehr viel gewonnen, er hat auch eine gewinnende Aura. Er ist fröhlich, aufgeräumt, er ist präsent, schenkt dir 100-prozentige Aufmerksamkeit. Bei Roger denkst du: Er ist einfach glücklich. Das wäre er auch gewesen, wenn er eine Lehre gemacht hätte und Metzger geworden wäre. Das strahlt er aus. Seine wichtigste Message ist: Ich habe es geschafft, und zwar in Biel mit dem Verband, also habt ihr auch die Möglichkeit, es zu schaffen.

Federer nähert sich wieder schrittweise dem Tennis an. Haben Sie von ihm Signale erhalten, dass er in Zukunft eine Rolle spielen könnte bei der Förderung der Schweizer Talente?

Ich würde sagen, dass die Zeit für uns spricht. Roger ist ein globaler Superstar und viel unterwegs. Dieser Tag bei uns war wie ein Feuerwerk. Aber wenn er etwas bewirken möchte, müsste er öfter in der Schweiz sein. Nur, wenn er immer wieder kommt, hat es auch einen nachhaltigen Effekt. Ich habe das Gefühl, je sesshafter er wird, desto mehr wird er sich für uns interessieren.

Wie haben Sie das Comeback von Belinda Bencic erlebt?

Ich finde, es kann nicht hoch genug geschätzt werden. Als Mutter zurück in die Top 10, was für eine Leistung! Und mit welcher Freude und Begeisterung sie das geschafft hat – grossartig! Trotzdem wurde sie bei der Wahl zur Schweizer Sportlerin des Jahres nicht einmal nominiert. Für uns, die versuchen, das Tennis in unserem Land vorwärts zu bringen, war das ein harter Schlag. Ich weiss nicht, ob den Leuten so richtig bewusst ist, was für eine Topathletin sie ist. In einem Weltsport. Ich bin erstaunt, dass das von den Medien und vom Schweizer Fernsehen nicht mehr honoriert wird. Die Schweiz spielt im Final des United Cup, und im Schweizer Fernsehen zeigen sie Frauenbob. Ich würde mir wieder mehr Medienpräsenz fürs Tennis wünschen. Das animiert auch die Leute, das Racket in die Hand zu nehmen.

Vita Alessandro Greco

Alessandro Greco

Lange im Geschäft: Der Berner Alessandro Greco ist seit 2011 bei Swiss Tennis aktiv.Bild: Swiss Tennis

Der Berner Alessandro Greco (46) ist Leiter Spitzensport und Mitglied der Geschäftsleitung von Swiss Tennis. Seit Januar 2011 verantwortet er den Bereich Leistungssport beim Verband. Zuvor studierte er Betriebswirtschaft und war selbst als Spieler aktiv (N3 klassiert). Er steuert die Eliteförderung und den Übergang vom Junioren- in den Profibereich am nationalen Leistungszentrum in Biel.