2017 Australian Open – Day 9

Roger Federer im Finale der Australian Open: Die pure Nostalgie

Durch seinen 7:5, 6:3,1:6, 4:6, 6:3-Sieg gegen Stan Wawrinka steht Federer im Finale der Australian Open. Es ist sein erstes Melbourne-Endspiel seit 2010 und weckt Erinnerungen.


Als ich Roger Federer zum ersten Mal traf, hätte ich nie gedacht, dass er einmal so eine Karriere hinlegen würde. Es war im Dezember 1998. Federer, damals mit blond gebleichtem Haar, gewann das Finale der Orange Bowl in Key Biscayne. Sein Gegner damals: Guillermo Coria. Ich schwärmte von Coria, seiner Leichtigkeit, seinem Talent den Ball zu streicheln. Federer spielte damals stark, ja, aber dass er mal der Beste werden würde, den die Sportart je gesehen hat – nein, das sah ich nicht.

Federer im Halbfinale

Roger Federer im zarten Alter von 16 Jahren. Wer hätte ihm solch eine Karriere zugetraut?

Rund 18 Jahre und 17 Grand Slam-Siege später ist wieder so ein Federer-Moment. Vor dem Start der Australian Open traute ich ihm nicht zu, dass er so glänzen würde. Nicht, weil ich ihn, wie viele andere, abgeschrieben hatte. Nicht, weil er auf Platz 17 im Ranking zurückgefallen war. Ich dachte, nach einem halben Jahr Pause ist es unmöglich, so zu spielen. Man hörte, er habe eine gute Vorbereitung gehabt. Er sei heiß auf Tennis. Fit. Aber gute Trainingsleistungen und Matches bei einem Grand Slam-Turnier sind zwei komplett unterschiedliche Dinge.

Wie er sich bewegt, wie jeder Schlag eine Bedeutung hat, wie er beispielsweise den kurzen Slice einstreut, wann er attackiert, wie er sein Service einsetzt, über das Andre Agassi einst sagte: „Es ist das akkurateste, das ich je gesehen habe“, wie er die Gegner austanzt und sprichwörtlich aus der Balance bringt – all das ist außergewöhnlich. Selbst für Federer-Maßstäbe.

Der Turnierstart begann für Federer schleppend

Seinen Start in Melbourne 2017 fand ich nicht sonderlich gelungen. Sein Erstrundensieg gegen Jürgen Melzer geriet trotz 19 Assen holprig. Auch das anschließende Match gegen Noah Rubin war zäh. Aber was war das für eine Vorstellung gegen Tomas Berdych in Runde drei! Dieses komplett entspannte 6:2, 6:4, 6:4. Ein Kunstwerk in drei Akten, bei dem am Weltranglistenzehnten Berdych 40 Winner vorbeirauschten. Viel chancenloser kann man nicht sein als der Tscheche.

Der Gala folgte der Härtetest gegen Kei Nishikori. Fast dreieinhalb Stunden lang, fünf Sätze, fast drei Kilometer Laufen auf dem Court: Sprinten, rutschen, abstoppen, springen. Der 35-jährige Körper von Federer schaffte all das genauso geschmeidig wie der 27-jährige von Nishikori.

Im Viertelfinale verkaufte sich Mischa Zverev gut gegen seinen Lieblingsspieler Federer, aber auch der Hamburger war bei seiner 1:6, 5:7, 2:6-Niederlage chancenlos. Weil Federer in 90 Minuten, der Dauer eines Fußballspiels, alles richtig machte. Zverev musste meist so tief am Netz nach dem Ball tauchen, dass seine Volleys längst nicht die Wirkung erzielten wie gegen Murray. Die anschließenden Passierschläge waren oft Formsache für den Schweizer, der sensationelle 65 Winner (in einer Dreisatz-Partie!) erzielte und nur 13 Fehler fabrizierte.

Federer im Halbfinale

Federer nach seinem Sieg gegen Mischa Zverev.

Wachablösung vorerst verschoben

Das Kuriose an der Federer-Renaissance ist auch: Die Big 4 – Federer, Nadal, Djokovic, Murray – schienen Geschichte. Nun sind Murray und Djokovic draußen und die totgesagten Federer und Nadal eilen von Erfolg zu Erfolg. Am Donnerstag ließ Federer seinen Landsmann und Kumpel Stan Wawrinka abblitzen –wieder einmal. Die Bilanz der beiden lautet nun 19:3 ingesamt und 13:0 auf Hardocurt für Federer. Beeindruckend!

2015 bei den US Open stand Federer bislang zum letzten Mal in einem Grand Slam-Finale (gegen Novak Djokovic). Seinen letzten großen Titel holte er 2012 in Wimbledon. Es wäre zu schön, wenn ihm nach der langen Leidenszeit Major-Titel Nummer 18 gelingen würde. Passend zu einem bisher komplett verrückten Turnier.

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