TENNIS-GBR-WIMBLEDON

Kerber vor Wimbledon-Finale: Ein neues Limit setzen

Vor ihrem zweiten Wimbledon-Finale in drei Jahren fokussiert sich die Öffentlichkeit in Deutschland zusehens auf Angelique Kerber. Eine Art alternatives Sommermärchen soll es werden. Das Problem: Ihre Gegnerin ist die wiedererstarkte Serena Williams. Kerbers Vorteil: Die deutsche Nummer eins hat die Erfahrungswerte und das Rüstzeug, um an die Leistungsgrenze zu gelangen. Nicht weniger wird es am Samstag benötigen. Wenn nicht sogar mehr.

Tennis ist ein schnelllebiges Geschäft. Vor gut zehn Monaten, Angelique Kerber war gerade in Runde eins der US Open glatt an Naomi Osaka gescheitert, saßen Kommentator Brett Haber, Journalist Jon Wertheim sowie Exprofi- und Tennis Channel-Expertin Lindsay Davenport in der verglasten Kabine des Fach-TVs auf dem Gelände von Flushing Meadows und beendeten – gefühlt – die Grand Slam-Karriere der deutschen Spitzenspielerin.

Tenor: Man muss Respekt haben vor der ehemaligen Nummer eins, vor ihrem Traumjahr 2016, in dem einfach alles passte. Aber ihr defensiv orientierter Stil passe einfach nicht für dauerhafte Leistungen in der absoluten Weltspitze. „Vielleicht ist sie einfach eine gute Top Zehn-bis-20-Spielerin, die ein herausragendes Jahr hatte. Das ist nicht schlimm. Es gibt viele dieser Beispiele“, urteilte Davenport unter dem Eindruck des 1:6 und 3:6 gegen die aufstrebende Hardhitterin Osaka.

Kerber schlug keine Winner mehr. Kerber hatte keine Aura mehr. Kerber spulte weniger Kilometer ab. Zugegeben: Der allgemeine Tenor und die Prognosen von anderen Verantwortlichen waren nicht gerade viel rosiger. Aber das Urteil der geschätzten amerikanischen Kollegen war heftig.

Nach Kerbers ähnlich ungefährdetem Zweisatzsieg im Halbfinale von Wimbledon gegen Jelena Ostapenko nun im Sommer 2018 saß das gleiche Trio erneut in der Glaskabine. Dieses Mal knapp 6000 Kilometer weiter östlich, beim prestigeträchtigsten Turnier im Tenniszirkus. Haber, Wertheim, Davenport druxten in der Analyse nicht lange herum: Kerber ist zurück – und wie! Das hat mehrere Gründe.

Davenport: Kerber hat ihren Mix wiedergefunden

„Kerber wird immer eine defensivorientierte Spielerin bleiben. Aber es sieht so aus, als hat sie ihren tollen Mix aus Defensive und Offensive wiedergefunden. Diesen Mix setzt sie ein, wenn sie erfolgreich spielt“, sagte Davenport am Donnerstag. Sie ergänzte, dass Kerber das Selbstvertrauen zurückerobert hatte. „Ihr ganzes Auftreten im Umkleideraum strahlt wieder etwas aus. Sie ist zurück an der Spitze des Damentennis.“

Kerber selbst wird das nicht mitbekommen haben. Sie erklärt in diesem Kalenderjahr bei jedem Turnier gebetsmühlenartig, dass sie sich nur auf sich konzentriert. Dass sie wieder ganz bei sich selbst ist. Und, dass ihr das Gerede egal ist. Was Kerber und ihr Team aber insgeheim wissen, und diejenigen, die sie regelmäßg beobachten, bestätigen können. Diesen Wandel, diesen Neustart zu erzwingen, dazu war einiges an Arbeit notwendig.

Kerber: Was passierte, als Fissette seine Arbeit antrat

Die Trennung von Torben Beltz im Herbst 2017 war für Kerber die letzte verbliebene Option. Das Duo, das beruflich über Jahre hervorragend zusammenarbeite und zwei Majorsiege feierte, hatte alles probiert. Doch alle Versuche, jede Umstellung verpuffte. Hinzu kam die mentale Ermüdung, die Kerber wegen des intensiven Jahres 2017 und der größeren medialen, aber auch eigenverschuldeten Marketingaufgaben, anzumerken war.

Manager Aljoscha Thron zauberte daraufhin überraschend Wim Fissette aus seinem imaginären Hut. Den Belgier, der einst Kim Clijsters zu drei Majorsiegen coachte und anschließend unter anderem auch Victoria Azarenka besser machte, wurde in Deutschland vor allem als der Trainer bekannt, der Sabine Lisicki ins Wimbledon-Finale 2013 führte. Die Trennung folgte alsbald. Gerüchte hielten sich, dass Lisicki die Trainingsmethoden des einstigen Profis zu anstrengend gewesen seien (lesen Sie HIER mehr).

Letztlich hat Fissette jede seiner Akteurinnen besser gemacht.  Den Umschwung leitete er auch bei Kerber ein, auch wenn er im tM-Interview Anfang 2018 bekannte, dass Kerber den Neustart fast im Alleingang ohne sein Zutun bewältigt habe. Understatement auf allerhöchstem Niveau. Thron wird gegenüber tennis MAGAZIN konkreter: „Wim hat seit dem Beginn der Zusammenarbeit einen großen Effekt auf Angie. Der Einfluss war und ist sehr positiv.“ Er arbeite sehr strukturiert. Er weiß, wie der Weg von Angie aussehen wird.“

Letztlich haben Kerber, ihr Coach und Ihr Funktionsteam samt Fitnesscoach alle ihren Anteil. Die physische Komponente spielt 2018 wieder eine große Rolle. „Sie hat ihre Beine zurück“, erklärte Andrea Petkovic mit einem Augenzwinkern. Gepaart mit einer veränderten Aufschlagbewegung und einem größeren Selbstvertrauen ist Kerber nicht die beste Spielerin auf der Tour – aber die Konstanteste.

Kerber ist die konstanteste Spielerin 2018

Kerber ist die einzige Akteurin, die 2018 bei jedem Slam die zweite Woche erreichte. Mittlerweile ist sie wieder an Weltranglistenposition zehn gesetzt und greift am Samstag sogar nach dem Titel in Wimbledon. Besonders erwähnenswert: Kerber erreichte 2018 bei zehn von zwölf Turnierteilahmen mindestens das Viertelfinale. Auch, weil der Coach von Kerber das Maximum an Offensivtennis fordert und fördert. Und Kerber sich selbst aus der eigenen Wohlfühlzone zieht.

„Gegen Ostapenko im Halbfinale war das der Schlüssel zum Erfolg. Neben meiner Geduld und den defensiven Aktionen in die Offensive umzuschalten und etwas zu riskieren, der Mix eben“, erklärte Kerber. Es hätten auch Davenports Worte sein können.

Fissette war indes zufrieden. Nach der zweiten Runde war das noch anders. Da hatte sich der Coach geärgert über die zu defensive und zu negative Einstellung gegen die Wimbledon-Junioren-Siegerin Claire Liu. Kerber musste über drei Sätze gehen und steigerte sich anschließend in allen Belangen bis zum Finale. „Wim hat einen ungemeinen Erfahrungsschatz für die späteren Runden bei Grand Slams, da er sie schon mit anderen Spielerinnen erlebt hat“, berichtet Thron.

Kritik von Fissette an Kerber

Gegen Serena Williams im Finale wird es in der Vorbereitung und der Umsetzung das gesamte Repertoire von Fissette und Kerber benötigen. Williams hat die Ungewissheit über ihren Leistungsstand nach ihrer Schwangerschaftspause während der vergangenen zwei Wochen revidiert. Aufschlag und Grundschläge haben eine hohe Qualität. Läuferisch haperte es zunächst. Gegen Camila Giorgi drehte sie jedoch einen Satzrückstand; gegen eine topfitten Julia Görges war die Amerikanerin keinesfalls die physisch Schwächere.

„In ihr sehe ich einen wahren Champion. Sie ist immer noch eine der besten Spielerinnen der Welt. Als Gegnerin bringt sie dich immer an deine Limits“, sagt Kerber. Williams führt im direkten Vergleich mit 6:2. Kurios: Die vergangenen beiden Duelle waren die Major-Finals 2016 in Wimbledon (Siegerin Williams) und Australian Open (Siegerin Kerber). Williams selbst bekennt öffentlich großen Respekt für Kerber.  „Sie kennt sich mittlerweile sehr gut aus in Wimbledon und auf dem Centre Court. Ich finde, Rasen ist ihr bester Belag. Mit ihren flachen Schlägen weiß sie hier sehr gut umzugehen. Sie steht zu recht im Finale. Ich meine, sie war von den vergangenen drei Jahren zweimal im Finale. Das ist beeindruckend.“

Im Sport, speziell im Tennis, dreht sich der Wind schnell. Kerber ist, auch in der öffentlichen Wahrnehmung und Wertschätzung im Konzert der Großen zurück.  Das liegt nicht am Tennis Channel und deren Experten, sondern vor allem an Kerber selbst. Dennoch sollte bei der Analyse am Samstag nach dem Match genau hingehört werden – unabhängig vom Ausgang.