TENNIS-FRA-OPEN-WOMEN

Andrea Petkovic: Das Ende naht

Andrea Petkovic steht nach einer wiederholten Aufholjagd als einzige deutsche Spielerin in der dritten Runde der French Open. Die Aufmerksamkeit nutzte die 31-Jährige für einige bemerkenswerte Aussagen rund um ihr mögliches Karriereende.

Wer will noch eins? Wer hat noch nicht? Andrea Petkovic ließ ihren positiven Emotionen nur wenige Sekunden nach dem Matchgewinn freien Lauf. Und auf Außenstehende schien es, als wäre ihr danach, möglichst viele Handtücher in kürzester Zeit zu verschenken. Als keine mehr rund um ihre Utensilien zu finden waren, öffnete sie entschlossen die Truhe der French Open-Veranstalter zwischen den Spielerbänken, griff hinein und warf zwei weitere ins Publikum.

Für ein bisschen Aufsehen sorgte in diesen Momenten außerdem eine innige Umarmung mit einem deutschen Fan. Rasch wurde in den sozialen Netzwerken spekuliert, ob Petkovic die junge Frau wirklich gekannt habe oder schlicht ihren Glücksmoment teilen wollte. „Nein, nein. Ich kenne sie schon. Sie kommt aus meiner Heimatstadt. Wir sind keine engen Bekannten, aber sie war oft bei den Fed Cup-Matches und bei meinen Charity-Events“, erklärte die Darmstädterin später im kleinsten der dieses Jahr provisorisch im alten Museum eingerichteten Interviewräume des Pressezentrums.

Da waren die Handtücher alle aufgebraucht, die Emotionen etwas heruntergefahren. Alsbald ging es weniger um den denkbar knappen 4:6, 6:3, 8:6-Erfolg gegen die gleich auf mehreren Ebenen unorthodox und unangenehm spielende Taiwanesin Su-wei Hsieh, immerhin die 25. der Setzliste.

Klar: Die Halbfinalistin von Paris 2014 präsentierte sich gut gelaunt und auch ein bisschen stolz, dass sie wiederholt gezeigt hat, in der erweiterten Weltspitze noch mithalten zu können und damit die einzig verbliebene deutsche Spielerin im Einzelwettbewerb ist. Ohne den Erfolg der ehemaligen Top 10-Spielerin wäre die dritte Runde eines Grand Slams erstmals seit den French Open 2010 ohne weibliche deutsche Beteiligung gestartet.

Petkovic: Veränderte Sichtweise auf ihre Karriere

Wichtiger war „Petko“, wie sie Fans und Freunde gerne nennen, aber das große Ganze – sprich: die eigene, veränderte Sichtweise auf ihre Karriere. „Was mir ganz viel Entspannung gibt, ist, dass das Ende naht“, erklärte Petkovic unaufgeregt.

Es sei keineswegs so, dass sie nach diesem Turnier aufhören wolle. „Mir macht Tennis gerade so viel Spaß wie noch nie zu vor“, beschwichtigte sie. Aber sie verspüre eben nicht mehr diesen für sie fast nicht auszuhaltenden Druck der Vergangenheit. Sozusagen der Druck, der aus der guten Tat heraus entstand – nämlich aus dem Einzug in die Top 10 der Weltrangliste. „Der Druck war am höchsten, als ich im Ranking um die 90 stand. Da hab ich mir immer eingeredet: Nur ein Turnier muss ich gut spielen und dann steh ich wieder um Position 50 und kann alle Turniere spielen.“

Petkovic: „Mein einziges Lebensziel waren die Top 10“

Nach ihren zahlreichen Verletzungen, so führte die Fed Cup-Spielerin aus, sei ihr einziges Lebensziel gewesen, wieder in die Top 10 zurückzukehren. „Weil so viele damals gesagt haben: Die schafft das eh nicht. Da war ich wie von der Rache getrieben. Ich wollte es allen zeigen. Es war mein einziger Lebenszweck“, erklärte Petkovic und bewegte dabei Oberkörper und Arme um den Worten Nachdruck zu verleihen. „Und als ich es wieder geschafft hatte, war mein Lebenssinn dahin. Ich hatte keinen Spaß mehr, keine Lust mehr zum Training zu gehen“, sagte Petkovic rückblickend.

Dank dieser Phase, die auf den erneuten Höhenflug folgte, habe sie so einiges erkannt: „Es reicht nicht, einen einzigen Lebenszweck zu haben, nur für das Geld oder die Weltranglistenpositionen zu spielen. Man benötigt doch mehr im Leben, damit man andere Säulen hat, wenn eine wegbricht, so wie das mit dem Top 10-Ziel bei mir war“. Petkovic bekräftigte, dass das längst nicht nur für ihren Sport gelte: „Nein. Für alle Lebenslagen.“

Petkovic: Karrierende schon 2020?

In diesem Kontext überraschten die Aussagen über Petkovics Gedanken zum Thema Karriereende nicht mehr allzu sehr: „Ich werde auf jeden Fall dieses und nächstes Jahr noch spielen, wenn ich gesund bleibe. Danach werde ich mir meine Gedanken machen.“

Petkovics vereinfachter Blickwinkel auf das Profidasein verhilft ihr nochmal zu einem für einige unerwarteten Höhenflug. Auch wenn die Rechtshänderin sagt, dass sie in den vergangenen Wochen bereits gute Matches abgeliefert habe. Die Aussicht auf die zweite Woche eines Grand Slams ist ein anderes Kaliber.

Apropos vereinfachter Blickwinkel: „2019 denke ich mir: Wenn es nicht klappt mit dem Tennis, höre ich halt auf. Ich habe viele andere Sachen, die mich erfüllen. Und wenn es mit gutem Tennis klappt – umso besser. Diese Denkweise hat mir viel Erleichterung gebracht.“

Petkovic: Schreiben mehr als eine Ablenkung

Das Schreiben ist nur eine dieser Alternativen, denen Petkovic intensiver nachgeht. Sie bezeichnet sich gerne als Freelancerin, also als Freiberuflerin. Was mittlerweile auch zutrifft. Neben ihren Kolumnen für das amerikanische Racquet Magazine oder hierzulande das Magazin der Süddeutschen Zeitung schrieb sie zuletzt auch einen Text über das Karriereende von Dirk Nowitzki in der F.A.Z. Und auch für das tennis MAGAZIN schwang sie in der aktuellen Ausgabe die Feder, um anlässlich des bald anstehenden 50. Geburtstags von Steffi Graf über ihre Erfahrungen mit ihrem Idol zu schreiben (Lesen Sie HIER mehr).

Im Hier und Jetzt aber ist Andrea Petkovic ganz Profi. Und es ist ja nicht so, dass sie nicht gut und regelmäßig trainiert. Im Gegenteil: Sie scheint angekommen mit ihrem Trainerteam um die beiden Serben Dusan Vemic und Neuzugang Ilija Bozoljac – ein ehemaliger Profi.  Vemic kann aus einem erfreulichen Grund nicht in Paris sein. Vor drei Tagen wurde er Vater. „Mit Dusan spreche ich trotzdem täglich und mit Ilija hier vor Ort klappt es sehr gut. Ich habe in der Vergangenheit gemerkt, dass ich trainingstechnisch meine serbische Seite pflegen muss.“ Die Emotionen auf dem Platz täten ihr einfach gut, so Petkovic.

Petkovic: „Dann habe ich gedacht, ich bin Roger Federer

Und ihre Fans dürfen auch durchatmen. Neben der guten Leistung gibt es noch so einiges, was Petkovic nicht missen möchte. „Die Stimmung beispielsweise ist schwer zu ersetzen. Als junge Spielerin konnte ich das nicht genießen.“ Am Donnerstag habe sie sich auf dem Platz nach dem 6:6-Ausgleich im Entscheidungssatz gedacht. „Das ist schon geil, was wir hier als Profis erleben dürfen.“

Und als Journalist rieb man sich verwundert die Augen ob der guten Statistiken. 32-mal attackierte Petkovic das Netz, 20-mal mit Erfolg. „Irgendwann habe ich wohl gedacht, ich bin Roger Federer. Aber es hat ja einige Male geklappt“, sagte die Deutsche mit einem Schmunzeln. Petkovic überzeugte überdies mit einer guten Länge in ihren Grundschlägen in den entscheidenden Phasen. Auch deshalb nutzte sie sechs ihrer neun Breakbälle (Hsieh 5/14)

36 Gewinnschläge können sich sehen lassen. Will sie gegen die an acht gesetzte Asleigh Barty aber eine Chance haben, muss die Balance noch besser werden. Am Donnerstag streute sie auch 40 unerzwungene Fehler ein.

„Ich bin nicht überrascht, dass ich jemanden wie Hsieh schlagen kann. Ich glaube weiter an mich und habe jetzt in zwei engen Matches bewiesen, dass ich noch ein, zwei positive Schlenker in mir habe. Deshalb traue ich mir auch Asleigh Barty zu. Ich weiß, dass es sehr schwierig wird. Aber ich kann taktisch etwas ausrichten. Ich glaube an mich. Ich werde wieder viel ans Netz gehen“, gab Petkovic die Marschroute vor

Im Viertelfinale könnte sogar Serena Williams warten. Vielleicht ist das etwas zu weit gedacht.  Schließlich ist Barty die Nummer acht der Setzliste und spielt ein herausragend konstantes Jahr. Mit Petkovics neuer Einstellung ist dieser Gedanke aber bei weitem nicht mehr so unrealistisch wie vor dem Turnier. Die Turnierverantwortlichen der French Open sollten also provisorisch lieber checken, ob sie ausreichend Handtücher parat haben.