Andreas Mies

Futures zu spielen, ist ein Überlebenskampf

Von Abenteuern bei kleinen Turnieren bis zu Triumphen bei den Grand Slams – unser Kolumnist Andreas Mies hat in kürzester Zeit alles erlebt. Das Spannendste erzählt er hier. 

Eins vorweg: Als ich von tennis MAGAZIN Ende letzten Jahres gefragt wurde, ob ich mir vorstellen kann, Kolumnen zu schreiben, war ich sofort Feuer und Flamme. Weil ich mich als Teil der Community sehe, wie das neudeutsch so schön heißt. Weil ich wie Ihr, liebe Leser, vor dem Fernseher mitfiebere und mir Matches reinziehe. Weil ich gerne mit Tennisbegeisterten kommuniziere – deshalb nehme ich mir gerne die Zeit, hier einige meiner Erlebnisse und Gedanken aus meinem Tennisleben mit euch zu teilen.

Ich bin Fan – und Profi. Wobei: Als richtiger Profi habe ich mich eigentlich erst gefühlt, als ich zum ersten Mal in Wimbledon gespielt habe. Und zwar im Hauptfeld. Ein paar Tage vorher in der Quali in Roehampton fühlte sich das noch anders an. Und kurz davor, als wir – also Kevin Krawietz und ich – das Challenger in Kasachstan gewannen, war das noch einmal eine andere Geschichte. In Wimbledon verloren wir damals in der dritten Runde gegen Mike Bryan und Jack Sock. Wir hatten Matchbälle und dachten: Warum sollen wir nicht auch ganz oben mitspielen?

Es hat geklappt und es ging rasend schnell, dass unsere Ziele und Träume wahr wurden: Teilnahme bei allen Grand Slams, Davis Cup, ATP-Finals, Siege bei ATP-Turnieren. Ganz abgesehen von dem ganzen Wirbel im Netz um „Kramies“ und den vielen Ehrungen. 

Umkleide zwischen Federer und Djokovic

Als ich 2019 in Melbourne spielte, befand sich mein Spind in der Umkleidekabine genau zwischen den Schränken von Roger Federer und Novak Djokovic. Ich musste mich selber kneifen. Meine Lieblingsspieler und Idole, mit denen ich vor dem Fernseher aufgewachsen bin, standen plötzlich neben mir, gingen duschen, zogen sich um. Wir hatten unterhaltsame Gespräche. Die beiden sind übrigens extrem locker drauf, nett und höflich. 

Ich bin sehr demütig und weiß jeden Moment auf der Tour zu schätzen. Als ich in diesem Jahr in Melbourne in  meinem Bett im Spielerhotel lag, musste ich oft an die letzten Monate und Jahre denken. Aus dem 20. Stock dieses Luxushotels genoss ich die beste Aussicht über eine der schönsten Städte der Welt und die tollen und nicht so tollen Dinge bei den Future- und den Challengerturnieren gingen mir durch den Kopf. Es ist eine komplett andere Welt. Man steht beispielsweise mitten in der Nacht am Flughafen in der Türkei oder in Tunesien im wahrsten Sinne des Wortes wie bestellt und nicht abgeholt. Dabei war alles per Mail verabredet. Aber es ist kein Fahrer da und man muss sich ein Taxi nehmen, um zu einem ungemütlichen Hostel zu kommen. 

Futures zu spielen, ist ein Überlebenskampf. Das Problem: Die Kosten sind vergleichsweise hoch, die Einnahmen sehr gering. Das ändert sich übrigens auf der großen Tour. Da ist es umgekehrt. Abgesehen von den Flügen muss man nicht viel bezahlen. Man lebt geradezu paradiesisch. Es wird einem alles abgenommen. 

Wir haben uns über einen Zaun gerettet

Auf Future-Ebene in der Quali musst du teilweise sogar deine Matches selbst schiedsen. Man versucht, Geld zu sparen, indem man sich das Zimmer teilt. Bei einem Turnier in Tschechien teilte ich mir sogar das Bett, das etwas größer als ein Einzelbett war, mit meinem damaligen Doppelpartner und gutem Freund Oscar Otte. Er ist zwei Meter groß, ich knapp 1,90 Meter. Wir wachten mehrmals auf, weil wir aneinanderstießen.

Andreas Mies, Oscar Otte

Trophäen auf der kleinen Tour: Andreas Mies (li.) mit Freund und Doppelpartner Oscar Otte beim Future-Turnier in Bacau im Mai 2016.

Bei einem Turnier in Bacau, Rumänien, regnete es die ganze Zeit und wir spielten in einer privaten Halle auf einem lausigen Sandplatz, der im Laufe der Woche noch schlechter wurde. Nach dem Halbfinale sind Oscar und ich aus dem Hinterausgang raus und zwei Hunde stürzten sich auf uns. Wir haben uns über einen Zaun gerettet. Das Turnier haben wir trotzdem gewonnen und sind anschließend fünf Stunden mit einer völlig überfüllten Bimmelbahn, die maximal 45 km/h fuhr, nach Bukarest geruckelt.

Tennis bei den Futures ist alles andere als Zuckerschlecken. Linien kommen hoch, Netze sind kaputt, aber es gibt super Momente, die ich nicht missen will. Welche!? Das erzähle ich Euch bei einem der nächsten Male.     

Euer Andy