Cori Gauff

Cori Gauff: Auf dem Weg zum „Next big thing“ im Damentennis

Cori Gauff gewann beim WTA-Turnier in Linz im Alter von 15 Jahren ihren ersten WTA-Titel – und das als Lucky Loser. Wird die US-Amerikanerin „The next big thing“ im Damentennis?

Wie eng Sieg und Niederlage im Tennis beieinanderliegen liegen, hat das WTA-Turnier in Linz wieder einmal eindrucksvoll gezeigt. Cori „Coco“ Gauff gewann im Alter von 15 Jahren ihren ersten Titel auf der Tour. Rückblende: Sechs Tage vor ihrem Turniersieg verlor Gauff im Quali-Finale gegen die Deutsche Tamara Korpatsch deutlich mit 4:6, 2:6. Ein Tag später rutsche die US-Amerikanerin als zweiter Lucky Loser nach dem verletzungsbedingten Rückzug der Griechin Maria Sakkari doch noch ins Hauptfeld – und die Erfolgsgeschichte begann.

Mit dem Einzug ins Viertelfinale hatte sich Gauff den erstmaligen Einzug in die Top 100 und damit auch ihr Hauptfeldticket für die Australian Open gesichert. Die Reise ging noch weiter. Es folgte im Viertelfinale ihr erster Sieg gegen eine Top-10-Spielerin, gegen Kiki Bertens, der überzeugende Erfolg im Halbfinale gegen Andrea Petkovic und schließlich der Finalsieg gegen Jelena Ostapenko, French-Open-Siegerin von 2017.

Gauff: Neuntjüngste WTA-Turniersiegerin

Mit 15 Jahren und sechs Monaten ist Gauff die neuntjüngste Titelträgerin in der Open Era. Sie ist damit in einem Kreis mit Nummer-eins-Spielerinnen wie Monica Seles, Tracy Austin und Jennifer Capriati, die in jungen Jahren ebenfalls sehr früh Furore sorgten. Auffallend ist die Parallele zu ihrer Landsfrau Andrea Jaeger – mit 14 Jahren und sieben Monaten viertjüngste WTA-Titelträgerin. Die US-Amerikanerin gewann 1980 ihren ersten WTA-Titel in Las Vegas ebenfalls als Lucky Loser. Gauff ist nach Andrea Jaeger und Olga Danilovic (Moskau 2018) erst die dritte Spielerin in der Open Era (seit 1968), die als Lucky Loser ein WTA-Turnier gewinnen konnte.

Andrea Jaeger dürfte aber auch ein warnendes Beispiel für Gauff sein, dass mit frühen Erfolgen gleichzeitig auch eine große Last einhergehen kann. Jaeger erreichte bereits mit 15 Jahren das Halbfinale der US Open. Mit 16 war sie die Nummer zwei der Welt. Sie stand im Finale bei den French Open und in Wimbledon. Jaeger gab später zu, dass sie Matches absichtlich verlor, um nicht die Nummer eins zu werden. Sie spielte in jungen Jahren ohne Pause, bis die Schulter nicht mehr mitmachte. Auch sieben Schulteroperationen konnten das Karriereende nicht mehr verhindern. Im Alter von 19 Jahren war Jaegers Karriere bereits beendet.

Gauff: „Ich will die Größte aller Zeiten werden“

Jaeger ist eines von vielen Wunderkindern, darunter auch Jennifer Capriati, Mirjana Lucic und Jelena Dokic, das später in eine tiefe Krise schlitterte. Muss man sich also auch Sorgen machen um Cori „Coco” Gauff? Nein, keineswegs. Anders als bei anderen Wunderkindern spürt man, dass Gauff nicht von den Eltern zur Höchstleistung angetrieben wird, sondern durch sich selbst. Bei der Teenagerin erinnert nicht nur das Äußerliche an Serena Williams, sondern auch ihre forsche Art. „Coco“ weiß, was sie will. Im Alter von 14 Jahren sagte sie: „Ich will die Größte aller Zeiten werden.“ Wenn man Gauff auf und neben dem Platz erlebt, spürt man, dass solche Worte nicht nur so dahergesagt sind wie in der Vergangenheit bei anderen Spielerinnen, sondern dass sie es tatsächlich ernst meint.

Der Trubel um die 15-Jährige wird immer größer, umso erfolgreicher sie spielt. Bei den US Open hatten die Spiele von Gauff mit die höchsten Einschaltquoten des übertragenden Fernsehsenders ESPN. Die große Frage wird sein, wieviel Druck sich Gauff selbst macht beim Erreichen ihrer Ziele und wie sie damit umgeht. Derzeit wirkt sie innerlich gefestigt. Vor einem Jahr hatte sich die US-Amerikanerin als Saisonziel den Einzug in die Top 100 vorgenommen. Ein extrem forsches Ziel, wenn man bedenkt, dass Gauff aufgrund der Altersregel für Teenager auf der WTA-Tour nur eine begrenzte Zahl von Turnieren (als 15-Jährige sind es maximal zehn Starts) spielen darf. Für Gauff gilt aufgrund ihrer herausragenden Ergebnisse als Juniorin (French-Open-Sieg mit 14 Jahren, Nummer eins der Welt) eine Ausnahmeregelung. Die WTA hat ihr erlaubt, zwei Turniere mehr zu spielen.

Petkovic und Görges sehen Hype um Gauff kritisch

Ihr Top-100-Ziel hat Gauff eindrucksvoll erreicht. Nach dem Turniersieg in Linz ist sie bereits die Nummer 71 im WTA-Ranking. Die Erwartungshaltung  an die 15-Jährige wird durch ihren ersten Titel weiter steigen. Wichtig wird sein, dass ihre Matches und Ergebnisse realistisch und objektiv eingeordnet werden – von ihr selbst als auch von den Medien. Sollte es bei den Grand-Slam-Turnieren im nächsten Jahr „nur“ zum Achtelfinale reichen, darf dies nicht als Misserfolg bewertet werden. „Ich habe ein bisschen Angst um sie. Ich hoffe, dass die Amis ein bisschen den Ball flachhalten. Aber man kann jetzt nicht behaupten, dass sie das tun“, meinte Andrea Petkovic bei den US Open. Auch Julia Görges ist der Hype um Gauff nicht ganz geheuer. „Ich möchte nicht in ihrer Haut stecken. Mir tut das Mädchen ein bisschen leid“, sagte Görges in New York.

Bei vielen Spielerinnen besteht die Gefahr, dass man zu früh zu viel möchte und die Karriere schnell vorbei ist. Bei Gauff hat man diesen Eindruck allerdings derzeit nicht. Die US-Amerikanerin hat mit der Agentur Team8, bei der Roger Federer Mitbegründer ist, ein Management hinter sich, das die Karriere der US-Amerikanerin behutsam aufbauen wird. Ob Gauff „The next big thing“ im Damentennis wird, lässt sich schwer prognostizieren. Zu viele Faktoren fließen mit rein. Generell gilt aber im Sport: Qualität setzt sich immer durch – unabhängig vom Alter. Dass Gauff extrem viel Qualität hat, darüber sollte es keinen Zweifel geben.