Cori Gauff

Jung, athletisch, wow: „Wunderkind” Cori Gauff im Porträt

Bis zum Montag der zweiten Woche begeisterte sie Fans und Fachleute: Cori „Coco“ Gauff. Die 15-jährige Amerikanerin war in Wimbledon die größte Sensation der letzten Jahrzehnte. 

Cori Gauff steht bei den US Open zum zweiten Mal im Hauptfeld eines Grand Slam-Turniers. Wie schlägt sich die 15-Jährige, die von Experten als nächster Superstar im Damentennis angepriesen wird, nach ihrem Sensationslau in Wimbledon in New York City? Gauff trifft in der ersten Runde auf die 18-jährige Russin Anastasia Potapova.

Der Artikel ist erschienen in der tennis MAGAZIN-Ausgabe 8/2019

Am Donnerstagmorgen der ersten Turnierwoche steht Cori Gauff auf Trainingsplatz 15 im Aorangi Park. Leichtes Training. Die Beine wollen nicht so. Sie wirkt etwas „rusty“ – rostig –, wie die Tennisspieler sagen. Was wenig verwundert: Immerhin hat die 15-jährige Amerikanerin schon fünf Matches hinter sich – drei in der Qualifikation und zwei im Hauptfeld. „Ich bin super gesegnet, dass Wimbledon entschieden hat, mir eine Wildcard für die Quali zu geben“, sprach sie am Montag. Da hatte sie gerade in beeindruckender Weise ihr Kindheitsidol Venus Williams geschlagen. 

Jetzt lacht sie viel. Was um sie herum passiert, scheint sie wenig zu beeindrucken: fünf, sechs Fernsehkameras, die auf sie gerichtet sind, ein Heer von Teammitgliedern – männliche Hittingpartner, Coaches von der Mouratoglou Academy, Familie. 

Cori Gauff: „Ich will die Größte werden”

Am nächsten Tag wird sie auf dem Centre Court gegen die Slowenin Polona Hercog antreten. Einen Tag zuvor hat sie die Slowakin Magdalena Rybarikova geschlagen, die vor fünf Jahren schon einmal im Halbfinale des berühmtesten Turniers der Welt stand – eine Demonstration von Coolness, Cleverness, krachenden Grund- und Aufschlägen vor 12.345 Zuschauern unter dem geschlossenen Dach des renovierten Court 1. 

Zu diesem Zeitpunkt hat das Mädchen mit den Rastazöpfchen aus Delray Beach, Florida, noch keinen Satz abgegeben. Der Hype um sie ist längst in vollem Gange, was auch mit ihrer ersten Pressekonferenz zu tun hat. Frage des Reporters: „Was können Sie in der Welt des Tennis bewegen?“ Antwort: „Ich habe es schon früher gesagt: Ich will die Größte werden. Mein Dad hat mir gesagt, du kannst es schaffen. Da war ich acht.“ Nächste Frage: „Wie weit können Sie im Turnier kommen?“ Antwort: „Mein Ziel ist es, hier zu gewinnen.“ Sie sagt es so, dass man ihr nicht böse sein kann. Von Arroganz keine Spur. „Think big“, ist ohnehin das Motto der Amerikaner. Das Credo von Cori Gauff, die alle nur Coco nennen, damit sie nicht mit ihrem Vater Corey verwechselt wird, lautet: „Think noch bigger.“

Aufschlag mit bis zu 190 Kilometer pro Stunde 

Cori Gauff, 1,78 Meter groß, athletischer Körper, geboren in Atlanta, Georgia, Tochter eines Basketballspielers und einer Leichtathletin, vor Turnierbeginn die Nummer 313 der Welt und danach auf Rang 139 notiert – sie ist der vielleicht größte Star von Wimbledon 2019. Auch wenn es am Ende nur zum Einzug in die zweite Woche reicht. Im Achtelfinale verliert sie klar und etwas kraftlos gegen Simona Halep – 3:6, 3:6. Es ist Gauffs Schlussakkord bei einem Turnier, das sie durcheinandergewirbelt hat, wie nur wenige Newcomer in den letzten Jahren. 

In erster Linie mit ihrem Spiel. Gauff serviert mit bis zu 190 Kilometer pro Stunde und man fragt sich, wie geht das bei einer 15-Jährigen. Ihre mentale Stärke: extrem ausgeprägt. Bei ihrem Debüt auf dem Centre Court liegt sie gegen Hercog 3:6, 2:5 zurück. Sie wehrt zwei Matchbälle ab. Am Ende gewinnt sie 3:6, 7:6, 7:5 in 2:47 Stunden. Kritiker ätzen, es sei keine gute Partie gewesen, zu viele Slice-Bälle. Die Wahrheit ist: Es war ein packendes Match, ein grandioser Kampf, großes Drama.

Cori Gauff

Das spielerische Potenzial ist die eine Story, ihre Persönlichkeit die andere. Bei Gauff, die 2018 das Juniorenturnier von Paris mit 14 Jahren gewann – nur Martina Hingis, Jennifer Capriati und Gabriela Sabatini waren jünger –, springt der berühmte Funke über, auf und neben dem Platz. Sie wirkt schon jetzt so, als habe sie nie etwas anderes gemacht, als Pressekonferenzen zu geben und auf Centre Courts zu spielen. Was andere Profis mühsam in Medienschulungen lernen und meist nie beherrschen, praktiziert Gauff mühelos: Geschichten erzählen. Die Fans am eigenen Leben teilhaben zu lassen.

Cori Gauff: Rihanna und Beyonce sind ihre Helden

Kostproben gefällig: Sie erzählt von ihren Heros Rihanna und Beyonce. Ermuntert die Zuhörer in den Katakomben des Milleniumgebäudes doch bitte „Erys“ von Jaden Smith zu liken. Das Album ihres Lieblings-Rappers sei gerade rausgekommen. Dann erzählt sie: „Ich trage gern Hoodies, aber das kann ich zu Hause in Florida nicht, weil es da immer heiß ist. Das muss ich also unterwegs machen.“ Sie bestelle ständig Päckchen mit Hoodies, aber inzwischen habe es ihr die Mutter verboten.

Während sie spielt und erzählt, steigt die Zahl ihrer Follower um das Hundertfache. Hat sie zu Beginn des Turniers rund 3.000 Follower auf Instagram, sind es zum Zeitpunkt ihres Ausscheidens mehr als 300.000. Stars wie Basketball-Legende Earvin „Magic“ Johnson, Hollywood-Schauspieler Samuel L. Jackson  und die frühere US-First Lady Michelle Obama schicken Glückwünsche.

Spin-Doctors schwärmen von ihrer Strahlkraft. Nigel Currie, Sportmarketing-Experte, sagt in der Londoner Sunday Times: „Sie hat das Potenzial, die am höchsten bezahlte Sportlerin aller Zeiten zu werden. Wenn sie das Tennis dominiert, wird sie Serena Williams überholen.“ Aktuell hat sie die dickste Börse ihrer Karriere kassiert: 197.541 Euro betrug ihr Salär fürs Achtelfinale.

Kindlmann über Cori Gauff: „Ih Tennis-IQ ist hoch”

Einer, der Gauff schon länger beobachtet, ist Dieter Kindlmann, früherer Hittingpartner von Maria Sharapova und aktuell der Coach der Australierin Ajla Tomljanovic. Als er im vergangenen Jahr mit seinem damaligen Schützling Madison Keys zum jährlichen Trainings-Workshop der USTA, dem US-Verband, nach Orlando eingeladen wurde, war auch Cori Gauff da. „Ein unglaubliches Talent. Sie gewann Trainingssätze gegen Cici Bellis (inzwischen 20, vor fünf Jahren jüngste Spielerin seit Anna Kournikova 1996, die ein Match im Hauptfeld der US Open gewann; Anm. d. Red.). Ihr Tennis IQ ist hoch“, sagt Kindlmann. 

Cori Gauff

Es gibt ein YouTube-Video, das sie schon als Zehnjährige beim Krafttraining mit einem Personal Coach zeigt. Etwa zu der Zeit tauchte sie auch erstmals zum Training in der Patrick Mouratoglou-Akademie in Nizza auf. Heute noch kümmert sich neben ihrem Vater, dem Hauptcoach, ein Stab von Mouratoglou-Coaches um den Superstar in spe. Das Management übernahm nach ihrem French Open-Juniortitel die von Roger Federer und Tony Godsick gesteuerte Agentur Team 8.

Wie geht die Gauff-Story weiter? „Keeping Cori Gauff healthy and sane“, überschrieb die New York Times eine Geschichte über Gauff. Darauf aufpassen, dass sie körperlich und geistig gesund bleibt, will ihr Vater. Damit seiner Tochter nicht das Schicksal vieler Wunderkinder der Vergangenheit ereilt.