Philipp Kohlschreiber (r.) und Teamchef Carsten Arriens

Davis Cup-Krise – Arriens verliert, Kohlschreiber gewinnt

Carsten Arriens ist nicht mehr Teamchef der deutschen Davis Cup-Mannschaft. „In beiderseitigem Einvernehmen“ hätte man sich getrennt, hieß es von Seiten des Deutschen Tennis Bundes. Wer in gut vier Wochen auf der Bank beim Erstrundenspiel gegen Frankreich sitzen wird, ist noch ungewiss. Gibt es eine Interimslösung? Oder übernimmt der von vielen favorisierte Alexander Waske das Amt langfristig? Vielleicht sollte er sich zuvor noch von Tommy Haas trennen, dessen Coach er offiziell ist. Stichwort: „Interessenkonflikt“. Im DTB ist man in der Hinsicht recht sensibel geworden während der letzten Jahre. Patrik Kühnen als Teamchef, Charly Steeb als DTB-Vizepräsident, Michael Stich als DTB-Präsidentschaftskandidat – ihnen allen kam ein „Interessenkonflikt“ unterschiedlicher Couleur in die Querre.

Was aber brachte Arriens zu Fall? Jedenfalls kein klassischer Interessenkonflikt. Arriens ist geradlinig, loyal, ehrlich und niemand, der die große Bühne sucht. Er arbeitet lieber im Hintergrund. Insofern war das Amt des Davis Cup-Kapitäns vielleicht eine Nummer zu groß für ihn. Arriens ist kein Entertainer und auch kein Dampfplauderer, aber ein Tennis-Fachmann. Nur: Das allein reicht wahrscheinlich nicht, wenn man die exponierteste Trainerposition im deutschen Herrentennis inne hat. Natürlich hat Arriens auch Fehler begangen, die ihn in seiner Funktion nicht gestärkt haben. Nach dem Eklat von Frankfurt, als kein deutscher Spieler noch die bedeutungslosen Einzel gegen Spanien spielen wollte, ging er auf Tauchstation und meldete sich wochenlang nicht. Das seitdem endgültig ramponierte Verhältnis zu Philipp Kohlschreiber sollte in Melbourne mit einem letzten Gespräch gekittet werden, aber Arriens erschien nicht. Über die Gründe seiner Abwesenheit schweigt er. So etwas will er nicht in der Öffentlichkeit ausbreiten. Das ehrt ihn einerseits. Aber andererseits macht es ihn auch angreifbar.

Rückendeckung vom alten Präsidium

Unter dem alten DTB-Präsidenten Altenburg, der ihn ins Amt holte, hatte Arriens eine gewisse Rückendeckung. Seine Marschroute, die Mannschaft mit jungen, hungrigen Spielern neu aufzubauen, wurde toleriert. Sogar für den Rausschmiss von Philipp Kohlschreiber nach der Spanien-Posse brachten viele im Verband Verständnis auf. Es gab damals Landespräsidenten im DTB, die sich – jenseits der Öffentlichkeit – dafür stark machten, dass Kohlschreiber nicht mehr für Deutschland antreten sollte.

Jetzt hat sich der Wind gedreht. Und Arriens wurde aus dem Amt geweht. Als Gewinner kann sich nun Philipp Kohlschreiber fühlen, der sich zuvor schon mit Patrik Kühnen, dem Vorgänger von Arriens, überworfen hatte. Kohlschreibers Bilanz gegen Daviscup-Kapitäne ist ganz gut, wurde gestern Abend schon bei Twitter gescherzt. Im DTB, unter der Führung des neuen Präsidenten Ulrich Klaus, vertritt man nun die Meinung, dass er, Kohlschreiber, als deutsche Nummer eins ins Team gehöre. Boris Becker, dem seit seinen Erfolgen als Trainer von Novak Djokovic plötzlich ungeahnte Ehrfurcht ganz Tennis-Deutschlands entgegenschlägt, hat diese Haltung mit einem kurzen Statement in Melbourne bestätigt. Ohne Topspieler bräuchte man im Davis Cup gar nicht erst auflaufen, sagte Becker sinngemäß. Wenige Tage später war der Kapitän Arriens Geschichte.

Die Episode zeigt vor allem, wer die Macht im deutschen Herrentennis hat. Egal, wer nun auf Arriens folgt: Der Teamchef hat sie nicht.