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Fognini, Berrettini, Sinner & Co: Italienische Momente auf der ATP-Tour

Nicht Spanien, Frankreich oder die USA sind die Aufsteiger-Nation im Herrentennis: Italien mit Routinier Fabio Fognini, Aufsteiger Matteo Berrettini und Jungstar Jannik Sinner hat 2019 die ATP-Länderwertung gewonnen.

Die Grand-Slam-Trophäen mögen mal wieder paritätisch aufgeteilt Richtung Serbien und Spanien gegangen sein. Der Spieler, der sich 2019 am höchsten hinein in die Weltspitze katapultiert hat, mag ein Russe sein. Wenn es aber um die Aufsteiger-Nation im Herrentennis geht, dann fällt unser Blick am Ende dieser Saison eindeutig auf den großen Stiefel. 2019 war im Herrenbereich des Öfteren ein italienischer Moment.

Das italienische Tennis war lange, zumindest wenn es um echte Spitzenleistungen ging, fast reine Frauensache. Mehrere Grand-Slam-Siegerinnen im Einzel und im Doppel, dazu als Team innerhalb weniger Jahre gleich vier Fed-Cup-Titel – die Generation der Pennettas, Schiavones, Vincis und Erranis war eine goldene.

Das italienische Herrentennis blieb dahinter ein ganzes Stück zurück. Sein Aushängeschild Fabio Fognini konnte das spätestens nach seiner Hochzeit mit Flavia Pennetta auch immer ganz gut an der Glasvitrine im heimischen Wohnzimmer ablesen. Einzel-Pokale aus Umag, Los Cabos oder Vina del Mar wirken neben so einem US-Open-Humpen irgendwie nicht mehr ganz so beeindruckend. Vorteil Pennetta.

Fognini im fortgeschrittenen Tennisalter

Vielleicht war es  ja tatsächlich diese latente Verletzung seiner Macho-Seele, die den über Jahre hinweg zuverlässig von Genialität zu Grütze im Kopf pendelnden Fognini im fortgeschrittenen Tennisalter noch einmal dazu gebracht hat, tendenziell mal öfter nicht nur ein paar gute Minuten sondern gleich ein paar gute Matches aneinander zu reihen.

Fognini Berrettini Sinner

FORZA ITALIA: Fabio Fognini während einer Davis Cup-Partie für sein Heimatland Italien.

Nerven aus Drahtseilen würden wir ihm zwar immer noch nicht attestieren, er bemühte sich aber 2019 immerhin erfolgreicher als sonst, in schwierigeren Momenten auf dem Platz mental nicht wie die Spaghetti zu reagieren, die ins kochende Wasser geworfen wird. Das hat zwar nicht zum Grand Slam, aber immerhin zum Traditions-Titel beim 1000er in Monte Carlo und einigen weiteren gute Ergebnisse erreicht. Und damit zu einer zwischenzeitlich einstelligen Ranglistenplatzierung.

Die hat mit Matteo Berrettini kürzlich auch ein Landsmann Fogninis erreicht. Und selbst wenn dessen London-Qualifikation in diesen Tagen beim Turnier von Paris nochmal gehörig ins Wackeln gerät: Der Aufstieg des 23-jährigen Römers mit dem breiten Gladiatoren-Kreuz seit dem Frühjahr ist „impressionante“. Bis in den April hinein hatte der gute Matteo schon sechs Erstrundenpleiten gesammelt und dümpelte auf einem Weltranglistenplatz jenseits der 50.

Berrettini mit einer Leistungsexplosion

Dann aber folgte eine echte Leistungsexplosion. Titel auf Sand, auf Rasen und schließlich als vorläufiger Höhepunkt die Halbfinal-Teilnahme bei den US Open. Das ist schon was im nationalen Vergleich: Als das letzte Mal ein italienischer Mann auf dieser Ebene so weit vorstieß, waren die Azzurri-Tennis-Textilien von Fila und & Co, die im Moment als Retro-Look nach Jahren auf dem Wühltisch auch wieder hochpreisig verkauft werden können, das allererste Mal in Mode. Wir sprechen hier von vier Jahrzehnten Pause.

Fognini Berrettini Sinner

RÖMISCHER GLADIOTOR: Matteo Berrettini ist einer der Aufsteiger der Saison.

Aber nicht nur ganz weit oben in der Rangliste wird jetzt vermehrt gestenreich italienisch parliert. Auch in der Breite haben die Südeuropäer anderen Nationen zurzeit einiges voraus. In den Top 100 tummeln sich aktuell gleich acht Profis vom Stiefel, drei weitere direkt dahinter. Zum Vergleich: Deutsche mit ein- bzw. zweistelliger Nummer vor dem Namen findet man nur halb so viele.

Besser noch: Mit dem erst 18-jährigen Jannik Sinner hat Italien den jüngsten Top-100-Profi in ihren Reihen, der im Moment der gleichaltrigen Konkurrenz ein gutes Stück einteilt ist. Den Junioren-Titel bei den Australian Open holte zu Beginn der Saison der ein Jahr jüngere Lorenzo Musetti. Rosige sportliche Aussichten also auch mittel- bis langfristig.

Die tolle Entwicklung könnte etwas mit der prosperierenden Turnierlandschaft in der Heimat zu tun haben. Obenauf thronen die Italian Open in Rom, wo seit 2011 Damen und Herren in der gleichen Woche spielen, wodurch man sich geschickt seinen Status als einer der wichtigsten Stops in der Sandplatz-Saison gesichert  hat.

Wichtiger noch aber vielleicht: Unterhalb der ATP-Ebene gibt es im Challenger- und Future-Bereich eine echte Masse an Events, die man von Rom, Neapel oder Mailand bequem, wenn schon nicht mit der Vespa, so doch auch im italienischen Kleinwagen erreichen kann, um unkompliziert Erfahrungen und Punkte zu sammeln.

Der italienische Verband leistet gute Arbeit und sorgt auch dafür, dass neue Fans gewonnen werden. Vor elf Jahren wurde der Sender „Supertennis“ ins Leben gerufen. Und bei dem ist der Name tatsächlich Programm: Frei empfangbar und so ziemlich alles übertragend, was das Tennis-Herz begehrt. So erzeugt man Aufmerksamkeit, so erzeugt man auch ein Mitglieder-Wachstum von zuletzt 11 Prozent im Jahr 2018.

ATP-Finals ab 2021 in Turin

Überhaupt scheinen sich beim nationalen Verband FIT nicht die schlechtesten Strategen im internationalen Vergleich zu tummeln. Auch auf sportpolitischer Ebene sorgt man für Paukenschläge. Vor zwei Jahren holte man sich die NextGen Finals der ATP ins Land. Durchaus ein kleines Risiko, denn ob das Mailänder Nachwuchs-Turnier in der von den alten Hasen dominierten Tenniswelt genügend Akzeptanz finden würde, war nicht unbedingt von vornherein klar.

Das Konzept mit zahlreichen Regel-Experimenten hat aber Anklang gefunden und scheint vor allen Dingen auch eine schöne Referenz gewesen zu sein, um den nächsten großen Coup zu landen: Die „großen“ Tour Finals wandern 2021 nicht wie vielfach prognostiziert nach Asien oder Amerika, sondern finden dann nur knappe 150 Kilometer weiter im ebenfalls norditalienischen Turin statt.

Und, gleichfalls als Sahnehäubchen auf dem Marsala, wird die Rede nach dem verwandelten Final-Matchball dort dann von Andrea Gaudenzi gehalten. Das ist – für viele ob des Vornamens überraschend – keine Frau, aber – im Gesamtzusammenhang dieses Textes weit weniger überraschend – jemand mit einem italienischen Pass. Der 46-jährige ehemalige Top 20-Profi ist ab 2020 der neue Chairman der ATP Tour, bei dem die Fäden im internationalen Herren-Tennis zusammen laufen. Es scheint so, als würden die italienischen Momente im Herrentennis mehr als nur Momentaufnahmen bleiben.