Day Eight – Nitto ATP World Tour Finals

LONDON, ENGLAND - NOVEMBER 19: Grigor Dimitrov of Bulgaria lifts the trophy as he celebrates victory following the singles final against David Goffin of Belgium during day eight of the 2017 Nitto ATP World Tour Finals at O2 Arena on November 19, 2017 in London, England. (Photo by Clive Brunskill/Getty Images)

Grigor Dimitrov: Bereit für den ganz großen Sprung

Die Gunst der Stunde genutzt: Grigor Dimitrov wird ATP-Weltmeister und bestätigt erstmals die riesigen Erwartungen, die seit Juniortagen auf ihm lasten. 2018 könnte seine Saison werden.

Natürlich melden sich jetzt die Nörgler und Kritiker zu Wort. Und natürlich muss man ihnen auch Recht geben. Doch den neuen ATP-Weltmeister Grigor Dimitrov, der sich den Titel als erster WM-Debütant seit Alex Corretja 1998 holte, jetzt als reinen Profiteur eines Saisonabschluss-Turniers darzustellen, dessen Besetzung eines Masters nicht würdig war, geht dann doch zu weit.

Sicher: Ohne Murray, Djokovic und Wawrinka, die verletzungsbedingt die Saison vorzeitig beendet hatten, war das Feld in London zumindest auf dem Papier nicht das allerbeste. Und als sich Rafael Nadal nach seinem ersten Match – ebenfalls verletzungsbedingt – vorzeitig in die Winterpause verabschiedete, nutzte das vor allem einem: Grigor Dimitrov. Statt Nadal bekam er es in der Gruppenphase mit Pablo Carreno Busta zu tun, den er bei seinem 6:1, 6:1-Sieg regelrecht vorführte.

Im Halbfinale traf er auf den Überraschungsmann in London, Jack Sock, der sich erst als Letzter für das ATP-Finale in London qualifiziert hatte. Auch das begünstigte Dimitrov. Im Finale schließlich traf er nicht auf Roger Federer, den dort 99,9 Prozent der Tenniswelt sicher erwartet hatten, sondern auf David Goffin. Nicht Goliath, sondern David sozusagen. Und gegen den Belgier hatte Dimitrov in der Vorrunde 6:0, 6:2 gewonnen. Gut, das Finale wurde dann knapper, manche nannten es einen „echten Abnutzungskampf“. Am Ende gewann aber Dimitrov auch das fünfte Match in London. Ungeschlagener Weltmeister – das ist der mit Abstand größte Triumph des Bulgaren. Allerdings: Er musste für diesen Titel keinen „Big Name“ besiegen – und dieser Makel wird haften bleiben.

In den vergangenen Jahren war es – überspitzt formuliert – nie einfacher, die ATP-Finals zu gewinnen als für Dimitrov 2017. Zum Vorwurf kann man ihm das aber nicht machen. Er hat die Gunst der Stunde genutzt, was oft schwer genug ist. Und: Bei allen Lobpreisungen für das Superjahr von Federer und Nadal, bei all den Hymnen, die 2017 schon auf Alexander Zverev angestimmt wurden – Grigor Dimitrov spielte eine starke Saison.

Überragender Turniersieg

Vier Turniersiege verbuchte er, darunter sein erster Masters-1000er-Titel in Cincinnati. Überragend war sein Saisonbeginn: Turniersiege in Brisbane und Sofia, dazwischen die Halbfinalniederlage bei den Australian Open gegen Rafael Nadal. Das war, auch wenn es später durch den alles überstrahlenden Final-Klassiker Federer gegen Nadal fast in Vergessenheit geriet, eines der besten Matches des kompletten Tennisjahres.

Grigor Dimitrov

BULGARISCHES BALLETT: Grigor Dimitrov bei seinem Paradeschlag, der einhändigen Rückhand.

Mit Platz drei im Ranking steht Dimitrov nun so gut da wie noch nie in seiner Karriere. Dafür wurde es allerdings auch höchste Zeit. Seitdem der 26-Jährige als früherer weltbester Junior auf der Tour unterwegs ist, wird von ihm nichts weniger erwartet, als die Nachfolge von Roger Federer anzutreten – mindestens. Das liegt vor allem an ihrem sehr ähnlichen Spielstil, wovon noch Dimitrovs abgedroschener Spitzname „Baby Fed“ zeugt. Darin erschöpfen sich aber auch schon ihre Gemeinsamkeiten. Dimitrov stellte jüngst in London noch einmal klar: „Es ist falsch zu versuchen, so zu werden wie jemand anderes. Ich kümmere mich vor allem um mein eigenes Spiel. Die ewigen Vergleiche mit Roger interessieren doch niemanden mehr.“

Schon 2014 in den Top 10

Dimitrov war 2014 schon in den Top 10 angelangt, zwei Jahre später fand er sich auf Rang 40 wieder. Jetzt hat er die Basis dafür geschaffen, 2018 zum ganz großen Sprung anzusetzen. Zu zeigen, dass die sogenannte „Lost Generation“ nach Federer & Co. doch gewinnen kann. Allerdings: 2018, wenn Murray, Djokovic, Wawrinka und all die anderen Rekonvaleszenten wieder zurück auf der Tour sein werden, sind die großen Titel für Dimitrov nicht so einfach zu holen wie jetzt in London.

„Mein größtes Ziel ist ein Sieg bei einem Grand Slam-Turnier – das war schon immer so“, sagte Dimitrov nach seinem Weltmeister-Titel. Sollte er dieses Ziel im nächsten Jahr erreichen, werden auch die Nörgler und Kritiker verstummen.