Nitto ATP World Tour Finals – Previews

Zverev vor Hamburg European Open: Zurück in die Wohlfühlzone

Wenige Tage vor dem Start der Hamburg European Open hat Alexander Zverev bei einer vollbesetzten Pressekonferenz in Hamburg gleich mit einigen neuen und brisanten Aussagen zur Trainer- und Managersituation überrascht.

So viel Aufmerksamkeit erlebt selbst Deutschlands bester Tennisspieler, immerhin schon im dritten Jahr Top 10-Spieler, so gut wie nie. Deutlich mehr als 50 Journalistinnen und Journalisten und neun Kamerateams empfingen den 22-Jährigen nur wenige Stunden nach seiner Landung in Hamburg in einem modernen, kreativen und zum Anlass der Pressekonferenz umfunktionierten Bürogebäude in St. Pauli.

Alexander Zverev selbst wirkte ob der großen Aufmerksamkeit überrascht, nach mehr Tiefen als Höhen in 2019 aber auch nicht unglücklich über den großen Empfang samt Blitzlichtgewitter in seiner Heimatstadt. Nachdem ihn Innen- und Sportsenator Andy Grothe (Zitat: „Sohn der Stadt“) und Turnierdirektorin Sandra Reichel fast überschwänglich und offiziell begrüßt hatten, führte der 22-Jährige seine Beweggründe für die erstmalige Rückkehr an den Rothenbaum seit 2016 aus.

Mit einigem Pathos in der Stimme sagte Zverev: „Ich wollte an einen Ort zurückkehren, an dem ich alles kenne und an dem ich das Gefühl habe, das hört sich blöd an, aber, an dem ich gemocht werde und weiß, dass ich alles kenne.“ Zverev kämpft bürokratisch und menschlich seit Ende März gegen einen zum Teil öffentlich ausgetragenen Rechtsstreit mit Ex-Manager Apey an. Sportlich gab es nicht zuletzt deswegen mehr Tiefen als Höhen. Nach den ordentlichen French Open (Viertelfinale) folgte das Erstrundenaus in Wimbledon. Anschließend wirkte Zverev leer und ratlos. Hamburg soll nun nach der dreiwöchigen Turnierpause Katapultwirkung haben. Die Turnierverantwortlichen um Vater und Tochter Reichel wissen, dass sie von der Gesamtsituation profitieren und wollen Zverev nicht nur die große heimatliche Bühne, sondern auch ein Wohlfühlpaket bieten.

Zverev: Hamburg profitiert von Nichtteilnahme in Washington

Dass Zverev nach zwei Turniersiegen in Washington (2017, 2018) in der Woche nach Hamburg auf Hartplatz nicht starten wird, weil er sich mit den neuen Turnierverantwortlichen in der amerikanischen Hauptstadt nicht auf eine Teilnahme einigen konnte, ließ er am Donnerstag unerwähnt. Dafür gab es Neuigkeiten im Rechtsstreit mit Patricio Apey.

Vor der freien Fragerunde mit den Journalisten moderierte Sky-Kommentator Marcel Meinert eine kleine Fragerunde mit Alexander Zverev, Senator Andy Grothe und Turnierdirektorin Sandra Reichel.

„Ich bin viel weiter mit diesem Thema. Es wird in den nächsten paar Tagen alles noch klarer. Ich bin froh, dass sich das so langsam aufklärt und ich mich komplett wieder auf Tennis konzentrieren kann“, sagte der Weltranglistenfünfte. Nach dem Wimbledon-Aus hatte der gebürtige Hamburger offen eingeräumt, dass ihn der schwelende Rechtsstreit mit Apey stark belastet.

Zverev: Ende des Rechtstreits mit Apey naht

Nach dem prestigeträchtigsten Turnier des Jahres hatte Zverev eine Woche Urlaub eingelegt – in St. Tropez mit „ein paar Freunden“. Seit zehn Tagen liegt der Fokus wieder auf dem Profidasein. „Training, erst viel Fitness, dann tennisspezifisch. Ich habe viel positive Arbeit hinter mir und fühle mich bereit.“

Die vorbereitende Trainingsarbeit im Fitnesstudio oder auf der Laufbahn des Fußball-Stadions der AS Monaco und auf den Sandplätzen von Monte Carlo erledigten jeweils Fitnesstrainer Jez Green und Papa Alexander Zverev Senior mit der Nummer fünf der Welt. Ivan Lendl fehlt in diesen Tagen auch in Hamburg. Auf Lendl angesprochen, erklärte Zverev, dass Lendl einen neuen Hund habe und diesem derzeit viel Zeit widme. „Golf und sein Hund sind gerade so die Themen“, erklärte Zverev zunächst schmunzelnd.

Zverev: Lendl nicht fokussiert genug

Auf tennis Magazin-Nachfrage, ob er es nicht lieber sehen würde, wenn Lendl sich vollständiger auf die Zusammenarbeit mit ihm fokussieren würde, sagte Zverev dann plötzlich: „Da stimme ich Ihnen vollkommen zu.“ Und kritisierte seinen Honorartrainer deutlich. „Manchmal gehen wir auf den Tennisplatz, trainieren zwei Stunden lang, und eine halbe Stunde davon steht er mit dem Rücken zu mir und erzählt, wie er am Morgen davor Golf gespielt hat“, sagte Zverev in Hamburg.

Zverev wurde noch konkreter: „Es kann nicht sein, dass ich Probleme mit meinem zweiten Aufschlag habe und im Training 30 Minuten daran arbeite und er 20 Minuten unachtsam ist und erzählt, dass er am Morgen davor am sechsten Loch einen sehr guten Schlag hatte.“

Nach Wimbledon habe es deshalb ein klärendes Gespräch gegeben. „Wir haben darüber gesprochen, und ich habe ihm gesagt, dass er seinen Fokus mehr auf Tennis konzentrieren soll.“ Beim Turnier am Rothenbaum in Hamburg ab dem 20. Juli wird Zverev von seinem Vater Alexander Senior betreut.

Wie die Trainer-Situation bei den Folgeturnieren aussieht, will Zverev noch entscheiden. „Die Masters spiele ich ja sowieso. Es geht eher darum, wie die Planung zwischen den Turnieren aussieht, ob Lendl dabei ist. Ivan kommt nicht für drei Tage eben mal nach Europa.“ Bei den neuesten Aussagen wird rasch vergessen, dass Zverev in Lendls Beisein den größten Erfolg seiner noch immer jungen Karriere gefeiert hat: bei den ATP Finals 2018. In diese Wohlfühlzone mit einem funktionierenden Duo Lendl und Zverev senior sollte Zverev für die US Open wieder zurückfinden.

Zverev: Keine Dissonanzen zwischen Vater und Lendl

Die Dissonanzen zwischen seinem Vater und Lendl, führte Zverev aus, seien seiner Meinung nach von seinem Ex-Manager fingiert gewesen. Auch die Zahlen hätten in dieser Form nicht gestimmt. Klar ist: Patricio Apey hat in der jüngsten Vergangenheit tatsächlich mit Journalisten aus verschiedenen Ländern gesprochen, seine Sicht der Dinge hinterlegt. Beide Parteien haben eigene Interessen. Zverev hofft, sich rasch nur noch auf Tennis konzentrieren zu können.

Dabei habe ihm sein Bruder Mischa, der beim Rasenturnier in Newport diese Woche im Viertelfinale steht, viel geholfen. „Bei den Dingen, bei denen er mir helfen konnte, war er eine große Hilfe. Es wird langsam wieder der Fall, dass ich mich auf dem Tennisplatz ausschließlich um das Tennis kümmern kann und in den nächsten Tagen wird es noch viel klarer. Und hoffentlich wird das Thema bald keins mehr sein.“

Dabei soll auch die alte Heimat helfen. „Ich war tatsächlich drei Jahre nicht mehr in Hamburg seit dem letzten Turnierauftritt. Es fühlte sich erstmal etwas seltsam an. Ich habe das erste Mal wieder in meinem Kinderbett geschlafen. Es passt noch. Ich war damals schon ein großes Kind“, führte Zverev lachend aus. Zudem wolle er zu seinem alten Tennisverein fahren und viele alte Bekannte treffen.

Ob der Turnierauftritt 2019 auch als Wiedergutmachung für den nicht komplett glücklichen Auftritt 2016 gesehen werden könne?  „Ja, das könne man so sehen“, so Zverev. „Mischa und ich, wir wollen wieder Doppel spielen. Ich werde in jedem Match alles geben. Aber wenn ich verliere, sollen mir die Leute bitte nicht böse sein. “ Er sei nun mal sehr ehrgeizig und wolle immer gewinnen. Im Zusammenhang mit 2016 wurde Zverev auch nach dem ehemaligen Turnierdirektor Michael Stich gefragt.

Es gebe keinen Kontakt mehr. „Er ist sauer auf mich. Ich kann das verstehen –  auch, dass er immer wollte, dass ich immer in meiner Heimat spiele. Ich stehe aber zu meiner Entscheidung und habe zweimal erfolgreich Washington gespielt.“

Erfolgreich soll auch die Woche am Rothenbaum werden. Zverev präsentierte sich, was die Ziele angeht, weniger forsch als sonst. „Ich bin gerade erst angekommen. Lassen Sie mich mal von Spiel zu Spiel schauen. Natürlich will ich gewinnen. Das wollen die anderen aber auch“, sagte Zverev wohlwissend, dass mit Dominic Thiem und Fabio Fognini zwei  Top 10-Spieler  und hervorragende Sandplatzspieler ebenfalls am Rothenbaum servieren.

Zur ganzen Wahrheit gehört allerdings: Für die beiden letztgenannten Spieler hätte es keine Pressekonferenz mit auch nur annähernd so großem Interesse gegeben. Das Medieninteresse für Zverev war gar größer als vor Ort bei den Grand Slams. Das wusste auch Sandra Reichel. „Dominic Thiem ist ein Weltklassespieler. Aber für dieses Turnier war es das Wichtigste, dass Alexander Zverev spielt.“ Die Hoffnung der Verantwortlichen auf ein deutschsprachiges Traumfinale, ist sicher groß. Für Zverev wäre es nach vielen Nebenkriegsschauplätzen der erhoffte Befreiungsschlag. Eine frühe Niederlage würde die Aufmerksamkeit rasch wieder auf seine am Donnerstag getätigten Aussagen über Ivan Lendl richten.