Bios

Lebensläufe

Schon in der Mitte ihrer Karrieren bringen viele Stars ihre Autobiografien heraus. Die Sandplatzgötter haben die Werke gelesen, stellten einige Parallelen fest und geben eine etwas überraschende Buchempfehlung ab.

Memoiren zu veröffentlichen, während man sein Geld noch in kurzen Hosen oder Röcken auf Tennisplätzen verdient, hat so seine Tücken. Der Ghostwriter muss nicht nur den Worten den literarischen Schliff verleihen, sondern auch aus, im Vergleich zu anderen (Auto-)Biografien, relativ kurzer Lebenszeit möglichst viel Interessantes herausquetschen. Der Ruhm soll schließlich zwischen zwei Buchdeckeln monetarisiert werden, solange er noch frisch ist. Bei Andy Murray führt das dazu, dass er im zarten Alter von 30 Jahren schon zwei Autobiografien am Start hat. Sein Wimbledonsieg 2013 schenkte ihm offenbar ein zusätzliches, anderes Leben, das nach einer weiteren Veröffentlichung schrie.

Djokovic: Biografie als Kochbuch getarnt

Andere Stars müssen damit leben, dass die Geschichte, die sie in der Mitte ihrer Karriere von sich erzählen ließen, von der Wirklichkeit später zumindest relativiert wird. „Unaufhaltsam“, heißt es im Klappentext seiner 2011 erschienenen Autobiographie „Rafa“, würde Rafael Nadal die Lücke zu den Grand Slam-Siegen eines Roger Federer schließen. Ende 2017 gibt es diese Lücke immer noch, weil zwischendurch Novak Djokovic reihenweise große Titel abgriff. Ach ja, Djokovic: Der tarnt seine Biografie zwar als Kochbuch, gibt aber über Rezepte hinaus tiefe Einblicke in die Mischung aus Akribie und Fanatismus, mit der er Ernährungs- und Trainingspläne verfolgt.

Ansonsten liest sich der publizierte Werdegang der Stars in seinen Eckpunkten oft gleichförmig. Sehr jung durch ein Familienmitglied zum Tennis gekommen, übt man den Sport schon bald in einer zeitlichen Intensität aus, die später nur die Wahl zwischen Kinderpsychologe oder Profikarriere lässt. Wände aller Art, an die stunden- lang Bälle gedroschen werden, sind das übliche Beiwerk. Bald kommen die Erfolge und früher oder später ein Schicksalsmoment, der alles in Frage stellt. Ein Verbandstrainer, der das Talent verkennt. Oder ein Günter Bresnik, der – wie bei Dominic Thiem – die Rückhand von beid- auf einhändig umstellt. Solche Widrigkeiten überwinden die Helden, um es mit immer schnelleren Schlägen und eiserner Disziplin („hart gegen sich selbst und andere“) an die Spitze zu schaffen. Wichtiger Kontrapunkt dazu: Abseits des Platzes ist man ganz anders – warmherzig, sensibel, familiär, respektvoll zu Kollegen und Fans.

Ausnahme Sharapova

Kolumne Sandplatzgötter

REINE SANDPLATZGÖTTER: Die Medenmannschaft vom TC RW Möllen (Niederrhein) spielt in der Herren 30- Bezirksklasse A und kommentiert für tennis MAGAZIN das globale Tennisgeschehen.

Eine Ausnahme von dieser Regel bietet nun Maria Sharapova in ihrer „Unstopppable“-Autobiografie. Sie versucht das öffentliche Bild der egozentrischen, auf Erfolg fixierten Selbstvermarkterin gar nicht erst zu korrigieren. Stattdessen bestätigt sie, dass ein Lebensweg, der schon in frühen Jahren von Vater und Manager relativ rücksichtslos als eine Investition in eine möglichst erfolgreiche Zukunft gesehen und gesteuert wurde, auch bei ihr selbst zu einer Einstellung geführt hat, die über den Tenniscourt hinaus wenig Raum für zweite Plätze oder „überflüssige“ soziale Kontakte lässt. Ob es um Trainer, Profikolleginnen oder gar Lebenspartner geht: Alles wird rational darauf abgeklopft, ob es den eigenen Zielen zuträglich ist oder im Weg stehen könnte. Wenn Gefühle bei ihr ins Spiel kommen, ist es vorrangig die obsessive Beschäftigung damit, hinter Serena Williams sportlich oft nur die zweite Geige gespielt zu haben. Sympathisch oder beneidenswert ist das nicht; besserer Lesestoff als manche 08/15-Tennisprofi-Erinnerung ist es aber schon.