Nitto ATP Finals Players Take The London Underground

Mail aus London: U-Bahn-Fahren mit Zverev und Anderson

Das ATP-Finale der besten Acht hat am Sonntag begonnen. Zum Aufgalopp fuhren die Spieler U-Bahn und Boot, besuchten das  Parlamentsgebäude. Die Bühne in der O2-Arena betraten als Erste Kevin Anderson und Dominic Thiem. Der Südafrikaner gewann und hinterließ einen ausgezeichneten Eindruck.

„The stage is set for a spectacular finish to the season at The O2 in London“, grüßt ATP-Chef und Turnier-Chairman Chris Kermode im sogenannten Media Handbook. Die Bühne ist also bereitet. In diesem Jahr steigt das ATP-Finale zum zehnten Mal in der britischen Hauptstadt. Das Ganze ist mittlerweile ein Selbstläufer. Zuschauerrekord garantiert. Mehr als 250.000 Fans werden es am Ende der Woche wieder sein, die die besten acht Einzelspieler und besten acht Doppelteams in der in verschiedenen Blautönen schimmernden Arena erlebt haben werden.

„Aah” und „Ooh” in der Tube

Business as usual? Ein bisschen schon. Und wenn man der Veranstaltung etwas Böses wollte, könnte man sagen, es ist Zeit für einen Wechsel. Für etwas Neues. Ab 2021 könnte es so weit sein. Zwar sieht The O2, die gewaltige Arena im Osten Londons, jedes Jahr etwas anders aus – dieses Jahr gibt es neben den üblichen Kinos und zig Restaurants auch eine gigantische Shopping Mall –, aber im Grunde ist seit einer Dekade alles beim Alten geblieben. Selbst der Weg vom eigenen Schreibtisch ins Media Restaurant ist in etwa gleich lang. Wobei: Im letzten Jahr war die Location, in der die Journalisten am Sonntag zum „Media Breakfast“ empfangen wurden, deutlich cooler. Mehr Lounge als Zweckstätte.

Und weil vieles den Vorjahren ähnelt, haben sich die Marketing-Strategen wieder einen schönen Gag einfallen lassen. Um die Stars perfekt in Szene zu bringen. Um sie nahbar zu machen. Federer & Co. fuhren per Tube, also per U-Bahn, von der Haltestelle North Greenwich direkt neben der Arena nach Westminster. Mit dem Nebeneffekt, dass die normalen Pendler „Aah“ und „Ooh“ machten und ihre Handys zückten, als die acht Supermänner sozusagen von der Business- in die Low Budget-Klasse wechselten.

Die Spieler, dunkler Anzug, weißes Hemd, Krawatte, hatten sichtlich Spaß in der U-Bahn. Dominic Thiem interviewte die anderen, Alexander Zverev lachte, als Kei Nishikori davon erzählte, dass er zu Beginn der Saison Challenger spielten musste. Der Deutsche, zum zweiten Mal beim Jahresfinale dabei, saß mit seinen langen Beinen in der Jubilee Line und es fiel auf, dass er bei den doch frischen Temperaturen in der Millionen-Metropole keine Socken trug – ein Hauch von Extravaganz.

Anderson als begeisterter Neuling

Von Westminster ging es weiter in die Houses of Parliament, in den Sitz des britischen Parlaments mit seinen beeindruckenden Räumen. Großer Empfang, einige Ehrungen. Champagner wurde gereicht. Ein Klavier klimperte, die Protagonisten wurden bejubelt: Man war wieder unter sich, in der High Society.

Erstmals zum erlauchten Kreis gehört Kevin Anderson. Man merkte ihm die Freude an, als er die Tennisfans via Video auf eine Bootsfahrt mitnahm und immer wieder betonte, wie froh er sei, erstmals in London dabeizusein. Die Begleiter des Südafrikaners auf dem Themsentrip vom Spielerhotel im Herzen der City zur O2-Arena vor der beeindruckenden Canary Wharf-Szenerie: Ehefrau Kelsey und Chihuahua-Teckel-Mischung Kady.

Der Debütant Anderson war es dann auch, der das Turnier am Sonntagnachmittag eröffnete und in zwei Sätzen gegen Dominic Thiem gewann (6:3, 7:6). Der erste Satz war eher Mittelmaß, was eher an Dominic Thiem lag. Der zweite Satz fand auf hohem Niveau statt. Jedenfalls stieg die gemessene Dezibelzahl, die hin und wieder gemessen wird.

Thiem: „Anderson kann das Turnier gewinnen”

Was wieder einmal auffiel: Wie gut sich dieser Kevin Anderson bei seiner Größe von 2,03 Meter bewegt. „Er kann das Turnier gewinnen“, sagte Thiem anschließend. Er selbst habe keine Chance, enttäuscht zu sein. Das Format lässt das nicht zu. Chancen hat auch der Österreicher noch.

Und Anderson? Er hat nach dem Auftakt beste Möglichkeiten. Druck verspürte er kaum bei seiner Premiere, wie der Südafrikaner versicherte, als er gute 90 Minuten nach dem Match mit dicker Jacke im Interviewraum Platz genommen hatte („Ich war nur am Anfang etwas nervös“). Komplett entspannt parlierte er über seine Erfahrungen mit der gestiegenen Popularität („Es hat meinen Livestyle nicht verändert“), sein konstantes Grundlinienspiel („Mein Vater, der mich unterrichtete, als ich aufwuchs, hatte seherische Fähigkeiten, wo das Spiel in Zukunft hingehen wird“) und sein Selbstbewusstsein nach vielen Siegen in dieser Saison („Ich fühle mich immer wohler in meiner Rolle“).

Schnell wird dem Zuhörer klar: Mit diesem Anderson könnte man auch völlig entspannt ein Bier trinken. Oder U-Bahn fahren. Von North Greenwich nach Westminster zum Beispiel.