Angelique Kerber

Mail aus Melbourne: Zeichen setzen auf der großen Bühne

Mit Angelique Kerber und Alexander Zverev steigen die zwei prominentesten deutschen Spieler am Dienstag in die Australian Open ein. Das Jahr 2017 von Zverev und der famose Start Kerbers 2018 haben Erwartungen auch für die ganz große Bühne geweckt. Mit dem dadurch entstandenen Druck gehen beide Parteien unterschiedlich um.

„Ja, wie Sie selbst sagen. Die Medien sagen das, nicht ich“, entgegnete Angelique Kerber im Konferenzraum fünf freundlich, aber durchaus bestimmt im Ton.  Es war der letzte Teil einer Hörfunkaufnahme, eine Randnotiz am Ende der deutschen Presserunde. Aber die Frage, wie sie denn damit umgehe, dass sie spätestens mit dem Turniersieg von Sydney im ohnehin offenen Damenfeld, ob sie wolle oder nicht, von Medien und Experten zur Mitfavoritin auserkoren wurde, löste eine kleine Regung in der zweifachen Grand Slam-Siegerin aus. Ein kleines verlegenes Lächeln als Beilage zur erwähnten Antwort.

Kerber hat ohne Zweifel eine Achterbahnfahrt erlebt in den vergangenen exakt zwei Jahren. Sie war 2016 zweimal ganz oben in Melbourne und New York, ergatterte eine Medaille bei den Olympischen Spielen, wurde Sportlerin des Jahres. Am Ende des Jahres 2017 war davon nicht mehr viel übrig. Als Nummer eins gestartet, langte es zuletzt nicht mal mehr für Siege beim B-Finale der WTA, der Elite Trophy. Nur wenige Wochen und zwei überzeugende Vorbereitungsturniere unter ihrem neuen Trainer Wim Fissette später soll sie nun wieder die Favoritin mimen? Gesund ist das nicht, Realität aber schon.

Zverev: „Habe mir das erarbeitet”

Ähnliches musste Alexander Zverev, mit immer erst noch 20 Jahren neun Jahre jünger als Kerber, zum Glück noch nicht erleben. Doch auch der Next-Gen-Star wurde spätestens nach den US Open 2017 in eine Schublade gepackt: in die der Erfolgslosigkeit auf der allergrößten Bühne – den Slams eben. Dort hat er erst einmal das Achtelfinale erreicht, was überhaupt nicht zu der ansonsten so rasanten Entwicklung des Wahlmonegassen passt. Die Erwartungshaltung ist aufgrund der Masters-Titel und der Ranglistenposition dennoch da. Wie also handhaben beide die ähnliche Situation vor dem Turnierstart?

Der Youngster, der im zweiten Spiel des Tages in der ehrwürdigen Rod-Laver-Arena gegen den Italiener Thomas Fabbiano aufschlagen wird, ist in der Kommunikation immer noch sehr selbstbewusst. „Dass ich die Nummer vier der Welt bin, hat einen Grund. Ich habe nachgewiesen, dass ich die allergrößten Spieler schlagen kann und habe mir das erarbeitet“, erklärte er hier in Melbourne, nachdem er mit David Goffin etwas länger als eine Stunde trainiert hatte.

Er sei beim Hopman Cup noch nicht in Topform gewesen. „Aber das war auch nicht zu erwarten. Ich habe in der diesmal kürzeren Vorbereitung erneut viel an der körperlichen Verfassung, vor allem im Schnelligkeitsbereich gearbeitet. Ich denke, das hat auch gut funktioniert.“ Und spielerisch, legte er nach, könne und müsse er sowieso an mehreren Dingen gleichzeitig arbeiten.

Das Selbstverständnis von Zverev ist nach wie vor da. Fragen zu seinem Schwächeln bei den Grand Slams hört er in diesen Tagen in etwa so gern wie Kerber Nachfragen zur Mitfavoritenrolle. Insgeheim werden beide anerkannt haben, dass die Kernaussage zutreffend ist. Sie wird hier ohne Zweifel als Mitfavoritin wahrgenommen – und Zverev auch –, obwohl er bei Slams noch nichts erreicht hat.

Bislang nur Siege unter Wim Fissette

Ein Leistungssportler ist aber gefordert, bestimmte Dinge, die belasten könnten, zu verdrängen. Das tut Zverev und besinnt sich auf die Leistungen und Stärken, die ihn im Ranking schon auf Platz vier gespult haben. Niemand von der kommenden Generation ist ungeduldiger als er. Und niemand würde lieber heute als morgen beweisen, dass er auch bei den größten vier Turnieren tolle Leistungen erbringen kann.

In diesem Kontext verwundert also auch Kerbers Reaktion nicht. Zumindest nach außen hin lässt sie den Status der Mitfavoritin nicht an sich heran. Dabei haben Fissette und sie es sich – unfreiwillig – in allerkürzester Zeit erarbeitet. Der Belgier ist für klare Ansagen bekannt, die er in den ersten Wochen gegenüber seines Schützlings wohl auch angebracht hatte. Die Zusammenarbeit, so hört man in diesen Tagen von Melbourne, stand wohl auch deshalb kurzzeitig auf der Kippe. Doch nach ersten Erfolgen beim Hopman Cup waren derartige Gedankenspiele schon kein Thema mehr – erst recht nicht nach dem Erfolgslauf in Sydney.

Kerber hat an ihrem Aufschlag gearbeitet, zieht ersichtlich nicht mehr das linke Bein hinterher. Während des Trainings in der Hisense Arena mit Fissette schlug sie im Schnitt zehn Stundenkilometer schneller auf als vergangenes Jahr. Sie wirkt zudem drahtiger, generell spielt sie aggressiver. Fissette hält Kerber für eine läuferisch herausragende Defensivspielerin. Innerhalb kürzester Zeit hat das Duo ein Konstrukt entwickelt, das offensiver ausgerichtet ist – und in dem sie sie sich wohlfühlt.

Kerber: „Von Sydney kann ich mir nichts kaufen”

Jetzt gilt es, das auf der großen Bühne abzurufen. Julia Görges, die dritte deutsche Spielern die Down Under weit kommen kann, hat das am Montag geschafft und im Nachgang gleich Kerber den Rücken gestärkt.

Auf die Frage, ob es bei der Druckbewältigung helfe, dass eine Deutsche wie Görges momentan so befreit aufspiele, entgegnete Kerber: „Jule hat sich das alles hart erarbeitet und es freut mich sehr fürs deutsche Tennis, aber für mich fängt hier ganz klar ein neues Turnier an, bei dem nur ich neu gefordert bin. Von Sydney kann ich mir nichts mehr kaufen.“

Klar ist: 2017 ist abgehakt. Sowohl in der Kommunikation als auch in der Körpersprache. Aber es ist auch noch kein 2016. Dementsprechend kommuniziert die ehemalige deutsche Nummer eins. Sie startet gegen Landsfrau Anna-Lena Friedsam. Das deutsche Duell, als zweite Begegnung in der Hisense Arena angesetzt, wird schon mal der berühmte Fingerzeig. In Runde drei würde wohl Maria Sharapova warten. Gewinnt Kerber gegen die Russin, könnte sie sich gegen Favoritengerede wohl nicht mehr wehren. Zverev kann derweil auf ein Achtelfinalduell mit Novak Djokovic hoffen. Niemand will schneller aus der Schublade als er.