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Mail aus Stuttgart: Der Rasen hält!

Langsam bläst sich die weiße Plane über dem Centre Court auf. Nachdem die Matches gespielt sind, gleicht das Innere des Tennisstadions einer Hüpfburg zum Kindergeburtstag. Da man dieser Tage ja nie genau wissen kann, ob nicht doch plötzlich ein Regenschauer kommt, gehen die Veranstalter des MercedesCup in Stuttgart auf Nummer sicher. Über Nacht wird das Allerheiligste auf der Anlage des TC Weissenhof daher sicherheitshalber geschützt: der Rasen!

Zum ersten Mal in der langen Turniergeschichte wird in Stuttgart auf Rasen gespielt. Schon am Donnerstagabend zieht Turnierdirektor Edwin Weindorfer bei einer Flasche Corona-Bier das entscheidende Fazit. „Der Wechsel von Sand auf Rasen hat sich gelohnt“, sagt Weindorfer, der über seine Firma emotion selbst rund zwei Millionen Euro in das 250er-Turnier auf dem Killesberg investiert. Das Investment zahlt sich aus. Dem neuen Untergrund sei Dank!

ENDLICH ZURÜCK: Tommy Haas feierte nach über einem Jahr Verletzungspause sein Comeback in Stuttgart. Er unterlag dem Australier Bernard Tomic in der zweiten Runde.

ENDLICH ZURÜCK: Tommy Haas feierte nach über einem Jahr Verletzungspause sein Comeback in Stuttgart. Er unterlag dem Australier Bernard Tomic in der zweiten Runde.

Das Interesse der Zuschauer ist so hoch wie lange nicht. Die Neugier auf den Wimbledon-Flair zieht die Fans auf die Anlage. Aber nicht nur das Publikum wird von dem grünen Belag angezogen. Neben Superstar Rafael Nadal, der mit einer Antrittsprämie von rund 500.000 Euro zusätzlich gelockt wurde, stehen mit Gael Monfils, US-Open-Champion Marin Cilic und Deutschlands Nummer eins Philipp Kohlschreiber weitere Top-Spieler im Viertelfinale. „Wenn ich ein höheres Budget gehabt hätte, wären auch Roger Federer oder Andy Murray gekommen“, verrät Weindorfer, der kurz vor Turnierbeginn unter anderem auch dem Bulgaren Grigor Dimitrov eine Absage erteilen musste. „Er wollte unbedingt hier spielen. Aber ich hatte einfach keine Wildcard mehr“, sagt Weindorfer. Luxusprobleme für ein Event der 250er-Kategorie!

Das große Plus der Macher in Stuttgart: Zwei Wochen vor dem Beginn des Grand Slam-Turnieres in Wimbledon können sich die Profis nirgendwo besser auf das Saisonhighligt vorbereiten als hier im Schwabenländle. Grund: Auf dem Killesberg wurden die original Grassamen aus Wimbledon gesät. „Ich kann sagen, dass wir in Stuttgart erstklassige Rasenplätze vorfinden“, lobt daher auch Richard Lewis, Chef des All England Lawn Tennis Club. „Besser geht nicht.“

Neben den Schutzplanen sind unter anderem auch die Netzpfosten „made in Wimbledon“ und natürlich ist auch Chef-Greenkeeper Barry Britton Wimbledon erfahren. Sein Fazit nach den ersten Turniertagen: „Der Rasen hält. Das ist das Wichtigste!“ In der Tat gleicht der Untergrund auf allen Plätzen, wie in Wimbledon täglich auf exakt acht Millimeter gestutzt, auch am Viertelfinal-Tag noch einem sattgrünen Teppich. Auch die rund um die Uhr genutzten Trainingsplätze sind perfekt in Schuss.

Ansonsten herrscht kein großes Wimbledon-Flair auf der Anlage. Zum Glück! Stuttgart ist keine kleine, billige Wimbledon-Kopie. Das ist gut so. „Strawberries and Cream“ sucht man vergeblich. An den Buden dominieren lokale Spezialitäten wie Käseknöpfle und Maultaschen. Ein lokaler Bierbrauer wirbt sogar mit dem Slogan „Gibt es NICHT in Wimbledon“.

Das Konzept von Weindorfer, dem Turnier einen neuen (grünen) Anstrich zu geben ohne dabei auf die lokale Identität und den familiären Flair zu verzichten, geht ganz offensichtlich auf.