Dominik Koepfer

US Open: Der Lauf von Koepfer kann alles verändern

Aus der Qualifikation heraus ins Achtelfinale der US Open: Für Dominik Koepfer kann sich nach diesem Sensationslauf so ziemlich alles verändern. Boris Becker bringt ihn gar für den Davis Cup ins Spiel.

Es ist weiterhin, obwohl mein Kollege Tim Böseler es schon vergangenes Jahr gekonnt aufschrieb, ein Bild, das mir nicht aus dem Kopf geht: Wie Dominik Koepfer in der Anfangszeit an der ­Tulane University von New Orleans vor den Trainingseinheiten puzzlet.

Richtig gelesen: Der deutsche Shootingstar, dessen Lauf bei den US Open aus der Qualifikation heraus bis ins Achtelfinale erst in der Nacht zum Montag von Daniil Medvedev gestoppt wurde, hatte genau diese Aufgabe vor Jahren von seinem ehemaligen Coach Mark Booras erhalten. Das sollte dem auf dem Platz zu ungeduldigen und zu extrovertierten Deutschen helfen (das ausführliche Porträt über Koepfers Werdegang lesen Sie HIER).

Wer den mittlerweile 25-Jährigen die vergangenen Tage auf den Courts der US Open erlebte, der sah einen Spieler, der genau die richtige Mischung für sich aus Konzentration und Extrovertiertheit gefunden hatte. Wenn er diesen Mix beibehalten und sich mit den gestiegenen finanziellen Ressourcen und der Aufmerksamkeit noch professioneller aufstellen kann, ist eine Zukunft in der erweiterten Weltspitze ab sofort Realität.

Koepfer ändert seine Turnierplanung

Nach seiner Viersatz-Niederlage gegen Medvedev sprach Koepfer im englischen Teil seiner Pressekonferenz – so groß war das Interesse am Deutschen aus dem Schwarzwald – von einem „lebensverändernden Lauf bei den US Open“. Die erste Konsequenz: Koepfer strich seine Turnierplanung auf Challengerebene und will nun auf ATP-Ebene in Asien angreifen.

Geht es nach Oliver Heuft, Köpfers erstem Trainer, bedarf es momentan aber gar keiner großen Änderungen. „Sein Tourcoach Rhyne Williams hat mit Dominik extrem gut gearbeitet. Sie haben spielerisch und vor allem die mentale Komponente stark verbessert. Wenn er Emotionen zeigt, dann sind das fast ausnahmslos positive“, sagt er gegenüber tennis MAGAZIN. Zudem habe er über das Saddlebrook-Team, bei dem er unter Vertrag steht, Zugriff auf Physiotherapeuten. „Deshalb gilt es nun, das Momentum zu nutzen und weiter gut zu arbeiten“, sagt Heuft.

Koepfer will kein One-Hit-Wonder werden

Das Ranking um Platz 90 (vor den US Open 118) macht das nun möglich, zumindest sicher in die Qualifikationen bei den ATP-Turnieren zu gelangen. Je nach Besetzung und Absagen sind sogar Hauptfeldplätze möglich. Der Linkshänder tut nun tatsächlich gut daran, das Momentum für sich und seine Karriere zu nutzen. Der „Pitbull“, wie sie ihn in seiner Heimat in Villingen einst aufgrund seiner extrovertierten Art tauften, will nicht als College-One-Hit-Wonder in die Tennisgeschichte eingehen.

Als Vorbild könnte Benjamin Becker dienen. Becker war der letzte Deutsche, der es 2006 aus der Qualifikation heraus bis ins Achtelfinale von New York schaffte und damals die Karriere von Andre Agassi beendete, bevor ihm gegen Andy Roddick die Kräfte verließen. Parallelen sind erkennbar: Koepfer schlug mit Reilly Opelka und Nikoloz Basilashvilli zwei namhafte Spieler, bevor ihm gegen einen Topstar etwas die Gelassenheit und Kraft ausging. Auch Koepfer kommt vom College und arbeitete sich durch in Richtung Welttennis.

Koepfer: Lob von Boris Becker

Geht es nach Boris Becker, hat Koepfer eine mindestens ähnliche Karriere vor sich wie Namensvetter Benjamin Becker, der es unter die besten 40 Spieler der Welt schaffte. Am Eurosport-Mikrofon lobte der sechsfache Grand Slam-Champion den Emporkömmling fast überschwänglich für Technik, Laufstärke und Einstellung. „Ich habe ihn erst vor ein paar Tagen zum ersten Mal trainieren sehen. Wenn man da ansetzt und beharrlich an einigen Dingen arbeitet, ist einiges möglich.“

Becker brachte ihn auf Nachfrage gar für den Davis Cup ins Spiel. Das DTB-Team startet bekanntermaßen im November bei der erstmals ausgetragenen Davis Cup-Endrunde in Madrid. Den Kader bestimmt freilich Kapitän Michael Kohlmann, der sich den Kämpfer zumindest in sein Notizbuch geschrieben haben dürfte.

Teamspieler Koepfer einer für den Davis Cup?

„Ich kann mir denken, warum Boris Becker ihn so lobt. Dominik ist ein richtiger Teamspieler. Das war er bei uns in Villingen so und das war er erst recht am College. Und genau solche Spieler benötigt der DTB im Davis Cup“, sagt sein Vertrauter Heuft. Obwohl ihn kaum einer besser kennt als sein erster Trainer, war auch dieser vom Geschehenen überrascht. „Es ist schon unglaublich, wie er sein Niveau aus der Qualifikation heraus kontinuierlich hat steigern und dann gegen richtig gute Gegner hat adaptieren können. Das ist das, was ihm am meisten Hoffnung geben sollte.“

Heuft berichtet am Telefon von einer langen Nacht am Fernseher. „Wir haben natürlich alle geschaut. In den Whatsapp-Gruppen unseres Vereins und von seinen Collegefreunden war heute Nacht die Hölle los.“ Vor dem Match habe ihm Koepfer noch bestätigt, dass es ihm körperlich sehr gut ging. „Gegen den Spanier Munar hatte er in Runde eins Krämpfe, aber auch da konnte er sich steigern. „Die Niederlage gegen Medvedev ist nicht passiert, weil ihm die Kräfte verließen.“

Heuft sieht wie Becker noch jede Menge Potential beim 25-Jährigen; vor allem der Aufschlag könne verbessert werden. „Entweder er arbeitet an der Quote oder er entwickelt generell einen stärkeren ersten Aufschlag.“ Becker wünschte sich am Eurosport-Mikrofon teilweise noch mehr Mut bei den Grundschlägen. „Er hat die Technik, um in das Feld hineinzusteppen und die Grundschläge aggressiv auszuführen.“

Koepfer selbst wird sicher einige Tage benötigen, um zu begreifen, was ihm in Flushing Meadows gelungen ist. Er kassiert für den mit Abstand größten Erfolg seiner Karriere brutto 280.000 Dollar. Bisher hat er in seiner gesamzten Laufbahn laut ATP 332.000 Dollar eingenommen.

Wie er die kommenden Tage gestalten wird, ist nicht überliefert. Wer weiß: Vielleicht schnappt er sich mal wieder ein Puzzle.