Alexander Zverev Roger Federer

Zverev vor Showkampfreise mit Federer: Wenn der Chef ruft

Alexander Zverev wird an der Seite Roger Federers vier Showmatches in Südamerika bestreiten – gleichzeitig zu der erstmals ausgetragenen Davis Cup-Finalwoche. In Deutschland wird das zusätzliche Kratzer an seinem Image hinterlassen. Großen Anteil daran hat Zverevs neue Agentur „Team8“.

Am heutigen Montag bestritt Alexander Zverev beim ATP-Turnier in Peking gegen Frances Tiafoe sein erstes offizielles Einzel seit dem Aus im Achtelfinale bei den US Open gegen Diego Schwartzman (er gewann 6:3, 6:2). Seine Einsätze bei der dritten Auflage des von Roger Federer und seinem Manager bei der Agentur „Team8“ initiierten Laver Cup in Genf – unter anderem an der Seite von Federer im Doppel – zählen seit diesem Jahr zwar offiziell zur ATP-Statistik.

Über den Status eines tollen und professionell vermarkteten Showevents des Federer-Clans mit sechsstelliger Antritts- und weiterer Siegprämie für die Stars kam der Laver Cup 2019 dennoch nicht hinaus. So geht es diese Woche in Asien erstmals wieder um wertvolle Weltranglistenpunkte, die Deutschlands Nummer eins im Kampf um die dann hoffentlich dritte ATP Finals-Teilnahme in Serie in London sammeln muss. Der Start gegen Tiafoe ist geglückt.

Gut für den 22-Jährigen: In Fernost kann sich der Rechtshänder nahezu komplett auf das sportliche Geschehen konzentrieren; nur wenige europäische Journalisten sind vor Ort. Kritische Nachfragen zu Zverevs neuestem Themengebiet außerhalb des Spielgeschehens – davon gab es 2019 schon einige (u.a. Rechtsstreit mit Patricio Apey, Trainer-Hickhack mit Ivan Lendl) – bleiben da aus. Stattdessen strahlte Zverev mit seinem Vater bei der Player’s Party um die Wette.

Zverev: Showkämpfe über Nationalmannschaft?

Dabei gäbe es eins, zwei Fragen, die Zverev eine Antwort abringen könnten: Warum er etwa die Davis Cup-Finalwoche mit der Begründung absagte, er brauche mehr Zeit zur Regeneration nach einer ohnehin schon langen Saison, dann aber doch vier Showmatches in Südamerika mit Roger Federer bestreiten will? Und damit unnötigerweise einen Themenkomplex eröffnet, der sein Image in Deutschland beschädigt? Nach dem Credo: Showkampf über Nationalmannschaft.

Die Fakten: Am Freitag verkündeten südamerikanische Medien, dass Roger Federer auf ihrem Kontinent gleich fünf Showmatches bestreiten wird. Eine Partie mit Juan Martin del Potro in dessen argentinischen Heimat sowie vier Matches mit Zverev. So weit, so nebensächlich – eigentlich. Doch Zverev machte in der Vergangenheit mehrere Male medienwirksam deutlich, er finde den neuen Modus nicht gut. Und müsse sich auch mit Blick auf die lange Saison schonen.

Zverevs Hauptkritikpunkt ist der Termin Ende November. Dadurch verlängert sich die Saison um eine zusätzliche Woche, die Erholungsphase und die Zeit für die Vorbereitung auf das nächste Tennisjahr werden insbesondere für jene Top-Spieler zu kurz, die sich für die ATP-Finals in London qualifizieren. „Ich spiele eh schon zu viel“, sagte Zverev im Februar beim Davis Cup gegen Ungarn in Frankfurt.

Und nun jettet der deutsche Hoffnungsträger direkt im Anschluss an das Turnier der besten acht Spieler (sofern er sich qualifiziert) mit Federer um die Welt. Regeneration sieht anders aus.

Zverev kann von Federer profitieren

Natürlich muss ein Tennisprofi sich keineswegs rechtfertigen, was er mit seiner Freizeit anfängt. Gerüchte, er würde eventuell doch noch mit der Nationalmannschaft in Madrid aufschlagen, waren im Spätsommer nie mehr als eben dies: Gerüchte. Außer Frage steht auch: Zverev kann und wird von der Zeit mit Federer profitieren. Mit dem mutmaßlich besten Spieler aller Zeiten zu reisen, Gespräche zu führen, sich Dinge abschauen, vor immensen Kulissen zu spielen – das wird eine tolle Erfahrung, keine Frage.

Zudem ist der Imagegewinn in Südamerika nicht zu unterschätzen. Die Bekanntheit wird dort rapide steigen, die Marke Zverev werbe- und socialmedia-technisch wertvoller. Und ein gehöriges Sümmchen für die Matches wird es ebenfalls geben. Das ist alles legitim. Vor allem ist es ein kluger Schachzug von „Team8“ für die Zukunft.

Ein Geschmäckle bleibt dennoch. Viele Außenstehende werden nur die Faktenlage betrachten, die da lautet: Zverev stellt Geld und Show über den Davis Cup und damit die deutsche Nationalmannschaft, für die er insbesondere 2018 im alten Modus und 2019 beim Qualifikationsmatch Werbung betrieben hatte.

Zverev: Die Rolle von Team8

Was einige nicht sehen, ist die Rolle, die sein neues Management spielt. Tony Godsick, bekanntlich der Manager von Roger Federer, mit dem er einst die Agentur „Team8“ gründete, betreut Zverev nun höchstpersönlich. Das bestätigte Zverev selbst am Medientag vor den US Open. Zur gleichen Zeit etwa befanden sich laut übereinstimmenden südamerikanischen Medienberichten auch die südamerikanischen Veranstalter und Godsick in Verhandlungen.

Es lohnt, sich in die Lage von Alexander Zverev zu versetzen: Wenn der neue Manager Zverev vorschlägt oder gar von ihm fordert, als Sparringspartner von Federer zu agieren, kann man da gleich Widerworte erwarten? Es ist ja auch so, dass sich Zverev mit seinem alten Manager nach wie vor in einem Rechtsstreit befindet und von „Team8“ nun Unterstützung empfängt, gewissermaßen aufgenommen wurde. Zverev befand sich wohl in einer kleinen Zwickmühle. Wahrscheinlicher ist es, dass  die Vorteile, mit Federer zu reisen, im Gesamtkontext kurzfristig überwiegen.

Zum Gesamtbild gehört ebenfalls, dass die Entscheidung von Federer und „Team8“, gleichzeitig zum neuen Davis Cup (organisiert und gefördert von der Unternehmensgruppe Kosmos mit Fußballer Gerard Pique) Showmatches zu spielen, nicht weniger als ein Affront und eine Kampfansage sind gegen den einst so traditionsreichen Teamwettbewerb. Federer und „Team8“ wollen den Laver Cup weiter stärken und positionieren und kämpfen auch um den Erhalt des Septembertermins, für den sich auch Kosmos interessierte. Das Zverev nun nicht nur nicht in Madrid aufschlägt, sondern gleichzeitig Showkämpfe absolviert, schwächt den Davis Cup doppelt.

Ob sich Zverev bewusst ist, dass er ein Stück weit instrumentalisiert wird, im Geschacher um Macht, Einfluss im zukünftigen Welttennis und darum, welcher Teamwettbewerb die meiste Aufmerksamkeit erhält? Klar ist: Sowohl Federer als auch Zverev werden wie alle anderen Topspieler im Januar am ATP-Cup in Australien, einer weiteren Konkurrenzveranstaltung zum Davis Cup, teilnehmen. Tennis Australia ist dort genauso wie beim Laver Cup (wo auch der amerikanische Verband mitmischt) finanziell involviert. Die Strategie könnte lauten: Spielt Zverev dort für Deutschland an der Seite von Jan-Lennard Struff gut (gecoacht von Boris Becker) wird das genug positive Schlagzeilen in der Heimat erzeugen.

Eventuell ist das aber zu kurz gedacht.


  1. stoni

    Es ist richtig gedacht! Ein Fußballer verändert und vermarktet den Davis-Cup auf eine Art, die nichts mehr mit dem alten Davis-Cup gemein hat. Zverev hat früh verkündet, dass ihm der Modus nicht gefällt. Die „Trainingszeit“ mit Federer wird ihm unheimlich viel bringen. Schon der Laver-Cup hat ihm aus der Delle geholfen. Die Leute im Land, die ihn ablehnen, werden sowieso immer irgendwelche Gründe erfinden. Kommerzkritik in einer völlig aus den Fugen geratenen Geldsportwelt nur an diesem Punkt anzubringen, ist vollkommen scheinheilig. Und zum Laver-Cup noch folgende Erlebnisfeststellung: Man hat selten die Chance, so viel qualitativ hohes und spannendes Tennis mit begeisternder Kulisse zu gerade noch bezahlbarem Preis zu genießen. Warum es dabei an sportlichem Wert mangeln sollte, nur weil keine Punkte für die Weltrangliste verteilt werden, erschließt sich nicht.


Schreibe einen neuen Kommentar