International BNL d’Italia – Day Two

Alexander Zverev: Charaktertest auf Sand

Die Sandplatzsaison lief für Alexander Zverev bislang schlecht. Bei sechs Turnierstarts auf Sand gewann er nur fünf Matches. Warum sich Zverev aber nicht in einer Krise, sondern in einer Lernphase befindet, erklärt Tenniscoach Marco Kühn.

Stell dir vor, du spielst neben einer lauten Baustelle eine Partie Schach. Die Nebengeräusche würden dich wahnsinnig machen. Nach einer kurzen Ruhephase fährt direkt schon der nächste Bagger langsam und lautstark an dir vorbei. Irgendwann ist die Baustelle fertig. Die neue Straße ist wesentlich ruhiger zu befahren als die alte. Nun kannst du wieder fokussiert und konzentriert spielen. Die Umstände haben sich zum positiven verändert. Die Außengeräusche sind verstummt. So könnte man die aktuelle Lage von Alexander Zverev und ihren möglichen Ausgang beschreiben.

Das Wörtchen „Krise“ mag auf die derzeitige Situation von Alexander Zverev zutreffen. Aber vielleicht sprechen wir in einem Jahr von einer „Entwicklungsphase“. Eine Tenniskarriere verläuft – so wie jedes Tennismatch – dynamisch. Es geht immer hin und her, auf und ab. Das Momentum ist mal auf der eigenen, mal auf der Seite des Kontrahenten. Es wäre naiv, die aktuellen Leistungen von Zverev auf dem Platz ohne seine Baustellen neben dem Platz zu betrachten. Es zählt nie ein kleiner Teil, sondern immer das große Ganze.

Und das aus dem folgenden Grund: Jeder Mensch besitzt für jeden Tag ein Budget an Energie und Leistungsfähigkeit. Diese Energie setzt sich aus unterschiedlichsten Bereichen wie Konzentration, physischer Leistungsfähigkeit und den geliebten (oder ungeliebten) Nerven zusammen. Das Budget ist an jedem Tag unterschiedlich verteilt.

Zverev und die Einteilung des Energie-Budgets

Mal fühlt man sich im Kopf fitter, mal fitter in den Beinen und an einem anderen Tag fühlt man sich allgemein schlapp, aber die Nerven spielen mit. Es ist selbstverständlich, dass ein junger Spieler, wie es Alexander Zverev übrigens immer noch ist, mit der Einteilung dieses Budgets zu kämpfen hat. Er hat besonders dann damit zu kämpfen, wenn sich außerhalb des Platzes Abläufe verändern, die er so zuvor nicht kannte.

Zverev sprach in verschiedenen Interviews davon, dass er derzeit neben dem Platz sehr beschäftigt sei. Persönliche Angelegenheiten gehen uns nichts an. Wir alle wissen aber, dass die Vorhand nicht ganz so locker durchgeschwungen wird, wenn man gerade Stress mit dem Lebensabschnittsgefährten hat.

Alexander Zverev

NÄCHSTE PLEITE: In Rom verlor Alexander Zverev gegen Lokalmatador Matteo Berrettini. Die Sandplatzbilanz für Zverev vor seinem Start in Genf liegt bei fünf Siegen und sechs Niederlagen.

Wenn sich neben persönlichen und emotionalen Geschichten noch weitere Baustellen auftun, dann hat dies direkten Einfluss auf die Energiereserven auf dem Platz. Bevor Alexander Zverev den Platz für ein Match betritt, hat er wahrscheinlich schon 75% seines Budgets für seine Baustellen neben dem Platz einsetzen müssen. Als er im letzten Jahr sein bisher bestes Tennis gespielt hat, musste er vor einem Match vielleicht nur 25% seines Energie-Budgets in die Baustellen außerhalb des Courts investieren.

Ein Champion wächst in seine Rolle

An dieser Stelle schreien jetzt vermutlich einige auf: „Ja, der ist doch Profi!“. Klar ist er das. Doch zeichnete es alle großen Champions aus, dass sie in die Rolle des absoluten Topspielers hineingewachsen sind. Der Anzug des Champions ist zu Beginn einer Karriere niemals maßgeschneidert. Tennis ist mehr als fit sein und ein paar Bälle schlagen.

In manchen Phasen kollidiert derzeit sein Wille mit dem sehr niedrig angesetzten Budget an Konzentration. Im Match entscheiden Nuancen über Sieg oder Niederlage. Ein vergebener Matchball kann mental einen solchen Knacks verursachen, dass anschließend auf dem Platz nichts mehr funktioniert. Das sind Momente, die man auch als Hobbyspieler bereits erlebt hat. Die so leichte Vorhand aus dem Halbfeld, bequem auf Hüfthöhe vom Gegner serviert, wird zu einer unlösbaren Aufgabe. Man beginnt an seinen Fähigkeiten zu zweifeln und dieser Zweifel zieht sich dann mit in Matches, die man eigentlich problemlos gewinnen würde.

Die Entwicklungskurve eines Spieler verläuft niemals geradlinig nach oben. Dies wünschen sich Fans und Zuschauer. Aber die Realität ist eine andere. Alexander Zverev scheint eine sehr offenherzige Art zu besitzen. Er sprach ehrlich darüber, was außerhalb des Platzes verkehrt läuft. Dies zeigt wunderbar, wie sehr die Vorbereitung auf Matches und die allgemeine mentale Verfassung Einfluss auf die sportlichen Leistungen nehmen.

Dann fehlt es bei einer Vorhand aus dem Lauf, nach einem längeren Ballwechsel, an Konzentration. Dann werden vermeintlich schwächere Gegner zu Hürden. Dann beginnen die negativen Selbstgespräche auf und neben dem Platz.

Zverev will immer noch zu schnell zu viel

Aber: Diese Phasen stärken den Charakter eines Spielers. Die großen Champions wie Rafael Nadal und Roger Federer sind ebenfalls durch diese „Lernphasen“ gegangen. Sie sind mental so stark geworden, eben weil sie immer und immer wieder mit äußeren Baustellen zu kämpfen hatten.

Wer die bisherige Karriere von Alexander Zverev verfolgt hat, weiß, dass er manchmal zu schnell zu viel will. Die derzeitige Phase seiner Entwicklung ist eine „Lernperiode“, die ihm zeigt, dass er ruhiger und geduldiger werden sollte. Es lässt sich nicht alles sofort und direkt erreichen. Ein großer Titel bei einem Grand Slam Turnier braucht Zeit und eine gewisse Erfahrung. Das konstante Abrufen absoluter Topleistungen ist keine Selbstverständlichkeit.

Es ist ein Test des Charakters, den Alexander Zverev aufgrund seines Willens bestehen wird.

Marco Kühn (34) aus Dortmund  ist ein normaler Typ, der in seiner Jugend zu den talentiertesten Spielern in Nordrhein-Westfalen gehörte, sich dann aber am Knie verletzte und seine aktive Karriere beenden musste. Jetzt hilft er als Coach (C-Lizenz) motivierten Vereinsspielern dabei, ihre sportlichen Ziele zu erreichen. Mehr von Marco Kühn findest du in seinem Newsletter.