Alexander Zverev

Big Points: Die durchwachsene Saison von Alexander Zverev

Alexander Zverev spielte 2019 eine durchwachsene Saison, beendete das Jahr aber trotzdem auf Platz sieben in der Weltrangliste. Dass er nicht besser platziert ist, lag an der schwachen Ausbeute bei den Big Points. 

Text: Philipp Heger 

Es war eines der Themen, die den Tennisfan dieses Jahr beschäftigten. Die Krise von Alexander Zverev. Nur ein Turnier konnte die deutsche Nummer eins in diesem Jahr gewinnen. Abgerutscht ist Zverev von Weltranglistenplatz vier (nach den Australian Open war Zverev sogar die Nummer drei im Ranking) auf Platz sieben jetzt am Jahresende. Ich möchte nun die Gründe hierzu analysieren und aufzeigen, was der ambitionierte Clubspieler von Zverev lernen kann.

Über die Gründe seines vermeintlichen Abstiegs wurde viel spekuliert. Zu wackelige Vorhand, zu defensiv, zu weit hinter der Grundlinie, zu unvariabel, zu nervenschwach. Das mögen die Folgen sein. Fakt ist aber, dass Zverev im Vergleich zu den Jahren davor gar nicht mal so schlecht gespielt hat. Er hat nur einfach die Big Points nicht gemacht. Dies werde ich nun aufzeigen.

München Anfang Mai 2017

Hier spielt Zverev im Viertelfinale gegen seinen Landsmann Jan-Lennard Struff. Im dritten Satz musste der Tiebreak die finale Entscheidung bringen. Hier stand Zverev bereits mit dem Rücken zur Wand, denn Struff führte mit 5:2. Aber Zverev gewann die nächsten fünf Punkte und damit auch das Match. Insgesamt hatte Struff sogar neun Punkte mehr als Zverev gewonnen. Zverev war also alles andere als der total dominierende Spieler. Das Ende der Geschichte ist, dass Zverev dann das Turnier recht souverän gewann, in der Folgewoche drei Matches in Madrid gewann und danach seinen ersten Masters 1000-er Sieg in Rom holte. Wohl auch dank des Selbstvertrauens von München.

München Anfang Mai 2018

Titelverteidiger Zverev spielt sein erstes Match gegen Yannick Hanfmann. Beim Spielstand von 7:6 und 4:4 aus Sicht Hanfmanns schnuppert dieser an der Sensation. Zverev aber zieht den Kopf aus der Schlinge und gewinnt den zweiten Satz mit 6:4. Nun folgen 22 weitere Satzgewinne in Folge, die sich über die Turniere von München, Madrid und Rom hinziehen. Erst David Goffin schafft es wieder, Zverev im Viertelfinale von Rom einen Satz abzunehmen. Letztlich verliert Zverev auch in Rom erst im Finale knapp gegen Nadal.

München Anfang Mai 2019

Nachdem der zweimalige München Sieger Zverev im Viertelfinale gegen Cristian Garin im zweiten Satz selbst Matchbälle abgewehrt hatte und ein vorzeitiges Ausscheiden abwenden konnte, hat er nun im dritten Satz bei 5:4 zwei Matchbälle in Folge. Beim ersten platziert Garin den Ball auf die Grundlinie. Zverev sieht diesen im Aus, aber die Schiedsrichterin gibt den Ball gut. Beim zweiten Matchball verzieht Zverev einen Passierschlag um Haaresbreite. Zwei ganz knappe Bälle, zweimal wohl auch etwas Pech. Garin schafft das 5:5. Zehn Minuten danach ist Zverev ausgeschieden. Zwei Tage später holt sich eben jener Garin den Turniersieg in München.

Dies beschreibt ganz gut den Verlauf von Zverevs Saison, vor allem der Sandplatzsaison. Zverev hat eine große Krise, die erste in seiner Karriere. Er verliert mehr Matches, als er gewinnt. Er spielt selten gut und eigentlich nie konstant. Bis zum Turnier in Genf steht er bei einer Bilanz auf Sand in 2019 von 5:6-Siegen. Der Amateurspieler kennt dies. Nichts geht leicht von der Hand. Schläge, auf die man sich im Training verlassen kann, klappen im Match plötzlich nicht mehr. Im entscheidenden Moment hat man Pech, spielt ängstlich und zögerlich und oftmals trifft der Gegenspieler in diesen Momenten auch noch richtig gut. In fast jedes Match geht Zverev als Favorit und immer tut er sich schwer. In Genf und in Paris bei den French Open scheint Zverev die Wende geglückt zu sein. In Genf gewinnt er nach drei Kampfsiegen das Turnier, wehrt gar im Finale Matchbälle ab (oder profitiert davon, dass Finalgegner Jarry sie vergibt). In Roland Garros zeigt Zverev phasenweise gutes Tennis und scheint wieder zur Normalform zurückzukehren.

Aber auch die zweite Saisonhälfte wird nicht wirklich viel besser. Katastrophenmatches gegen Dustin Brown in Stuttgart (14 Doppelfehler, 28 Prozent Punktgewinne nach dem zweiten Aufschlag) oder gegen Mimoir Kecmanovic in Cincinnati (20 Doppelfehler, 36 Prozent Punktgewinne nach dem zweiten Aufschlag) tragen sicher zu weiterer Verunsicherung bei. Bis zum Turnier von Shanghai im Oktober spielt Zverev nach Roland Garros wohl kein Turnier, dass seinen eigenen Ansprüchen gerecht wird. Was aber sind die Gründe dafür?

Sicherlich hatte Zverev Probleme in seinem privaten Umfeld (Trennung und Rechtsstreit von Manager Patricio Apey, Trennung von Ivan Lendl und On-Off Beziehung mit seiner Freundin), was sich auch auf seine Leistungen auf dem Platz auswirkte. Wer nicht klar im Kopf ist, verliert die Konzentration. Dies führt zu Fehlern, die man normalerweise nicht macht. Und wir alle wissen, im Tennis, vor allem auf höchstem Niveau, entscheiden Nuancen. Zverev hat vor allem bei den Big Points in 2019 extrem schlecht gespielt. Von 17 dritten Sätzen gewann er nur sieben (41 Prozent). Alle anderen Top-Ten-Spieler haben positive Bilanzen im dritten Satz. Im Durchschnitt gewinnen die Spieler in den Top Ten zu über 60 Prozent den dritten Satz. Zwischenzeitlich, während der Sandplatzsaison, vor seinem Turniersieg in Genf verlor Zverev fast jeden dritten Satz. Bis zum Turnier von Genf verlor Zverev fünf von sechs Entscheidungssätzen (17 Prozent Siegquote).

Hinzu kommen zahlreiche frühe Niederlagen. Sieben Mal verlor Zverev bei Turnieren in 2019 sein erstes Match (2018: drei Niederlagen im ersten Match. 2017: fünf Niederlagen im ersten Match). Lediglich sechs Mal erreichte Zverev das Halbfinale. Insgesamt steht er bei einer Bilanz von 43:24 in diesem Jahr. Dies führt dazu, dass Zverev teilweise die Matchpraxis und damit die Selbstverständlichkeit fehlt. Ihm fehlt massiv Selbstvertrauen. Und dies scheint eines von Zverevs Problemen zu sein. Er verliert zu oft, gewinnt zu selten. Hat dadurch weniger Selbstvertrauen, agiert zögerlich und überlässt seinen Gegnern das Heft des Handelns. Dadurch wird er zwangsläufig zu weit hinter die Grundlinie gedrückt, kann oftmals nur reagieren. Dies ist auf höchstem Level natürlich zu wenig.

Ein weiteres Problem ist, dass Zverev wohl zwischenzeitlich von den „Yips“ befallen wurde. 385 Doppelfehler (5,75 im Durchschnitt pro Match) in 67 Matches sprechen Bände. Fakt ist, dass Zverev zu viele enge Matches verliert und auch, dass er zwischenzeitlich ein großes Problem mit seinem zweiten Aufschlag hatte.

Aber es gibt auch positive Dinge:

  • Zverev ist inzwischen Best-of-Five viel stabiler. Bei drei von vier Grand-Slam-Turnieren erreichte er die zweite Woche. Er gewann alle fünf Matches in diesem Jahr, wenn er in einen fünften Satz gehen musste. Er schlug 698 Asse (10,4 Asse im Durchschnitt pro Match). Zum Vergleich, in seinem Megajahr 2018 schlug Zverev lediglich 549 Asse (7,0 Asse im Durchschnitt pro Match), in 2017 fabrizierte Zverev 611 Asse (8,0 Asse im Durchschnitt).
  • Überhaupt macht Zverev mit dem ersten Aufschlag genauso viele Punkte wie in den Jahren davor. Er hat sogar seine Quote von 64 Prozent erster Aufschläge im Feld auf 67 Prozent gesteigert. Hauptproblem ist jedoch der zweite Aufschlag. Insgesamt macht er statt 67 Prozent (in den Jahren 2017 und 2018) nur noch 65 Prozent Punkte bei eigenem Aufschlag (dies ist rein auf seine schwächere Aufschlagleistung mit dem zweiten Aufschlag zurückzuführen).
  • Sein Aufschlag hat sich stabilisiert. In den letzten zehn Matches unterliefen Zverev nur noch 26 Doppelfehler (2,6 im Durchschnitt).
  • Er ist größtenteils verletzungsfrei und zählt allgemein zu den fittesten Spielern der Tour.
  • Trotz eines für Zverevs Ansprüche sehr durchwachsenen Jahres steht er mit Platz sieben im ATP-Ranking nach wie vor unter den Top Ten und konnte sich für die ATP Finals in London qualifizieren und erreichte dort gar das Halbfinale.

Fazit:

Zverev hat immer wieder betont (vor allem während der Sandplatzsaison, auf dem Höhepunkt seiner Krise), dass ihm Matchpraxis und durch die vielen Niederlagen auch das Selbstvertrauen und Selbstverständnis fehlten. Deshalb entschied er sich, jede Woche Turniere zu spielen, Matches zu bestreiten. Auch die Rasensaison und große Teile der Vorbereitung auf die US Open liefen alles andere als wunschgemäß. Aber auch da kam mit verhältnismäßig guten US Open und einer erfolgreichen Asien-Tour (Halbfinale Peking, Finale Shanghai) eine zeitversetzte Belohnung. Wie viele Spieler und Spielerinnen hingegen gehen den einfachen Weg und machen nach vielen Niederlagen erst einmal Pause und trainieren? Zverev aber hat sich dem Druck gestellt, ist das Risiko weiterer bitterer Niederlagen gegen tiefer platzierte Spieler eingegangen und wurde schlussendlich dafür belohnt. Als er wieder erfolgreicher spielte, zeigte er auch wieder ansprechende Leistungen. Den Matchsiegen zum Jahresende gegen Federer in Shanghai und Nadal und Medvedev in London würden selbst die größten Zverev-Kritiker nicht die Qualität absprechen. Zverev agierte in allen drei Partien großartig bei eigenem Aufschlag und entwickelte auch wieder Dominanz von der Grundlinie. Außerdem war er mental sehr stabil. Toll, wie Zverev vor allem gegen Federer im dritten Satz ruhig blieb und diesen souverän gewann, nachdem er im zweiten Satz fünf Matchbälle nicht nutzen konnte.

In vielen Matches davor spielte Zverev zögerlich, verhalten und wartete auf die Fehler der Gegner. Er stand zu weit hinter der Grundlinie und fand nie die richtige Mischung aus Power und Kontrolle. Er wirkte zögerlich und wir wissen, „Sieger zweifeln nicht und Zweifler siegen nicht“.

Günter Bresnik hat in seinem Buch „Die Dominic Thiem Methode“ den Leitsatz formuliert: „Leistung entsteht nicht aus Selbstvertrauen. Selbstvertrauen entsteht aus Leistung“. Um Selbstvertrauen zu bekommen, musste Zverev siegen. Denn im Training holt man sich auch nur bedingt Selbstvertrauen. Und mit Selbstvertrauen spielt es sich nun einmal leichter. Zverev hat quasi über den Kampf und viele spielerisch weniger gute, aber erfolgreiche Matches wieder zur spielerischen Komponente gefunden. Natürlich ist er nun auch nicht in Höchstform, aber eine Verbesserung der Situation ist klar erkennbar.

Was kann nun der Club- und Turnierspieler aus Zverevs Situation mitnehmen?

  • Immer weiter machen. Jede Talsohle findet mal ihr Ende und jede Serie reißt einmal. Nach Niederlagen nicht die Flinte ins Korn werfen, sondern das nächste Turnier ansteuern und danach wiederum das nächste…
  • Auch in schweren Krisen an sich selbst und seine Stärken glauben. Auch Zverev hat immer wieder betont, dass er das Tennisspielen ja nicht verlernt habe. Um erfolgreich zu sein, muss man an sich und seine Stärken glauben.
  • Sich durchbeißen, auch wenn es nicht so läuft. Gerade in Turnieren zeigen die Spieler oftmals in den ersten Runden keine guten Leistungen. Verliert man dann aber das Match, ist das Turnier beendet. Zverev selbst hat in der Vergangenheit die Aussage getroffen, dass „er oft das erste Match richtig schlecht spielt“. Überlebt er dieses, wird es „meist ein sehr gutes Turnier“
  • Spielt man gut, ist es einfach zu gewinnen. Die Kunst ist es, vor allem dann zu gewinnen, wenn man eben nicht seinen besten Tag hat. Auch dies wird von vielen Spielern oftmals unterschätzt.
  • Viele Niederlagen, vor allem knappe Niederlagen sind oft ein Teufelskreis. Man verliert knapp, trifft im entscheidenden Moment die falsche Entscheidung oder hat vielleicht auch etwas Pech. Dies lässt das Selbstvertrauen schrumpfen. Geringeres Selbstvertrauen sorgt dafür, dass man weniger entschlossen, weniger aggressiv spielt. Man zieht nicht mehr voll durch und schiebt die Bälle. Man lässt sich weiter zurückfallen. Der Gegenspieler gewinnt dadurch mehr Zeit, kann sich besser zu den Bällen stellen, macht dadurch mehr Druck und durch den besseren Stand weniger Fehler. Dies führt zu neuen Problemstellungen, die in neuen schmerzlichen Niederlagen gegen schwächere Spieler münden. Dies wiederum lässt das Selbstvertrauen erneut schrumpfen. Man denkt zu viel nach und ist weder im Kopf noch in den Schlägen frei und locker. Was aber ist die Lösung aus diesem Teufelskreis? Hierbei ist es wichtig, die eigene Erwartungshaltung etwas nach unten zu schrauben, denn man befindet sich wohl weder mental noch spielerisch in Topform. Man sollte sich Fehler und auch Niederlagen verzeihen und unbedingt positiv bleiben und auch kleinere Erfolge (ein Satzgewinn, ein Ass, einen starken Vorhandschlag) würdigen und zur Kenntnis nehmen. Der Spieler hat ja nicht von heute auf morgen seine ganzen Fähigkeiten eingebüßt. Zu oft sehe ich dann aber Spieler, die nur noch schimpfen. Selbst über gute Schläge wird dann despektierlich gesagt: „Ja, eine vernünftige Vorhand von 20!“ Orientiert euch hier auch an Zverev. Ruhig bleiben, weitermachen, weiterkämpfen. Irgendwann wendet sich das Blatt und man schafft es, auch die Big Points wieder zu gewinnen.

Über den Autor: 

Philipp Heger ist staatlich geprüfter Tennislehrer und DTB-B-Trainer. Derzeit arbeitet er als Trainer beim Ski Club Ettlingen und dem TB Gaggenau. Er ist Autor des Buches „Taktik im Tennis: Wie du mit Spielintelligenz punkten kannst”, erschienen im Neuer Sportverlag.