Alexander Zverev

Zverev und Co. vor Ungarn: Sinn- und Systemfragen im Davis Cup

Das Team ist nach dem emotionalen und erfolgreichen Davis Cup-Jahr 2018 zusammengewachsen; die Rahmenbedingungen in der ausverkauften Fraport Arena in Frankfurt stimmen ebenfalls. Das deutsche Team um Alexander Zverev wird von der radikalen Davis Cup-Reform samt neuem Modus und unbekanntem Gegner aber eher ausgebremst.

Der Kaisersaal im Frankfurter Römer war während der Auslosung und anschließenden Pressekonferenz mit dem deutschen Team gut gefüllt. Dass nicht nur neutrale Journalisten anwesend waren, sondern neben den Delegationen auch Sponsoren und deren Gäste (zumeist Tennisfans), spürte Alexander Zverev am eigenen Leib.

„Ein schlechteres Davis Cup-System, da bin ich ganz ehrlich, könnte man sich nicht ausdenken“, sagte die Nummer drei der Welt, während er umgarnt von seinen Teamkollegen und von Teamchef Michael Kohlmann auf dem Podest Rede und Antwort stand – und erntete dafür spontanen und längeren Applaus aus den hinteren Reihen.

Dass sich Deutschlands Nummer eins öffentlich gegen die radikale und 2019 umgesetzte Reform des Weltverbands von ITF-Präsident David Haggerty und Geschäftspartner Gerard Pique (Kosmos) positioniert, ist nicht neu. Er tat das schon fast ein Dutzend Mal. Am Tag vor der Qualifikationsbegegnung gegen Ungarn für die neugeschaffene Endrunde im November in Madrid wurde auch dem naivsten Beobachter deutlich: An diesem Wochenende geht es nicht wenigen im deutschen Team um Positionierung und Haltung als um reines Ball-über-die-Schnur.

Applaus für Zverevs erneutes Statement

Der Applaus für Zverev zeigte, dass die Mehrheit im Saal dem neuen System kritisch gegenüber steht. In erster Linie weil der traditonelle Best-of-5-Modus zwei Gewinnsätzen gewichen ist, das Duell an zwei Tagen durchgeführt wird und es wegen der neu geschaffenen Endrunde Ende Novemver in Madrid lediglich ein Heim- oder Auswärtsspiel pro Jahr gibt (HIER lesen Sie alles zu den Veränderungen und dem Duell gegen Ungarn).

Zwar wollte Boris Becker in seiner Rolle als Head of Men’s Tennis am Mittwoch trotz aller Kritik kein voreiliges Urteil fällen. „Man muss es abwarten. Ich gebe jeder neuen Form eine Chance“, sagte er in Bad Homburg am Rande einer Ehrung für die deutsche Davis-Cup-Mannschaft, die 1988 in Stockholm gegen Schweden den Titel geholt hatte. Sein Präsident machte bei der Begrüßung der beiden Delegationen am Donnerstag im Römer dann aber unmissverständlich klar, was der DTB vom Modus hält: „Wir waren und sind nach wie vor Gegner des neuen Davis Cups. Wir haben als Verband mit langer Historie versucht, die Werte des Davis Cups zu verteidigen.“

Zverev schien das offenbar motiviert zu haben, denn er holte wenig später in der Presserunde gleich zweimal aus: „Ich finde es einfach schade und ich werde das auch weiter laut und deutlich ansprechen: Ich hoffe, dass sich das System wieder ändert in Richtung regelmäßige Heim- und Auswärtsspiele – so wie wir das vergangenes Jahr in Spanien und Australien erleben durften.“

Zverev spricht finanzielle Verbesserung im Davis Cup an

Motivationsprobleme habe er trotz der Situation keine: „Ich werde trotzdem alles geben, damit die Jungs ins Finale kommen und das neue System austesten können – und – was ja auch kein Geheimnis ist, viel mehr Geld verdienen können als unter den bisherigen Voraussetzungen im Davis Cup.“

Der ATP Finals-Sieger machte aber unmissverständlich deutlich, dass es kein Hintertürchen für die Endrunde im November gibt. „Die zeitlichen Daten Ende November sind katastrophal. Für mich war es nach den ATP-Finals bereits schwer, nur zehn Tage frei zu haben und anschließend nur zwei Wochen Saisonvorbereitung, bevor es nach Australien ging.“

„Trotzdem“, sagte Zverev im Beisein seiner zu diesem Thema schweigenden Teamkollegen, „bereitet mir die Woche in Frankfurt mit den Jungs viel Freude und ich wünsche ihnen viel Erfolg für Madrid.“ Philipp Kohlschreiber hatte bereits  am Dienstag angekündigt, im Falle der Qualifikation in Madrid anzutreten. Dass die anderen Stammspieler rund um die Doppelpaarung Tim Pütz/Jan Lennard Struff nachziehen, gilt als wahrscheinlich. Außer Struff, der eventuell über das Doppelranking Chancen auf die ATP-Finals haben könnte, stünde für die restlichen Spieler eine längere Pause an bis zum Turnier in Madrid (18.-24.11.2019).

Ein Spiel gegen Ungarn findet auch noch statt

Fragen nach einer schwierigen, veränderten Vorbereitung auf diese Endrunde und dann auf die Saison 2020 stellte Teamkapitän Michael Kohlmann erstmal hintenan. Ohnehin ist der 45-Jährige, der dem Format wie Becker eine faire Chance geben will,  bemüht, den Fokus auf Ungarn zu legen.

Richtig: Ein Match findet dieses Wochenende tatsächlich auch noch statt. Dass die Gäste ohne Marton Fucsovics (Absage) antreten und die planmäßige Nummer zwei Attila Balazs verletzt ist, macht das Match-up zu einer der einseitigsten aller Qualifikationsduelle. Und für Kohlmann die Aufgabe, Körper und Geist der Spieler auf eine ernsthafte Begegnung vorzubereiten, ungleich schwerer.

Kohlmann gewährt Zverev Freiräume

Kohlmann, der besonnene Kommunikator, kommt im Team nicht erst seit der erfolgreich bewältigten Aufgabe in Brisbane gegen Australien gut an. Er lässt den Spielern Freiräume. Im Fall von Zverev duldet er dessen offensive Art der Kommunikation. Damit hat er etwas geschafft, was sonst keinem Davis Cup-Kapitän gelungen ist. Er hat einen Top 10-Spieler nominieren können.

So tritt der laut Ranking drittbeste Spieler der Welt am Freitag im zweiten Einzel gegen Peter Nagy an, der zurzeit laut ITF auf Platz 819 gelistet ist. Gegen Zverev hat der 26-Jährige dennoch eine positive Bilanz: „Er hat gegen mich auf einem Future-Turnier gewonnen auf Sand, als ich 15 Jahre alt war“, erklärte die deutsche Nummer eins. Seitdem hat sich die Tenniswelt Zverevs um 180 Grad gedreht. Nagy dagegen spielt immer noch auf Future-Level.

Zverev spielte gegen seinen Gegner mit 15

Etwas interessanter dürfte die Auftaktbegegnung am Freitag werden, wenn Kohlschreiber auf Zsombor Piros (ATP 371) trifft. Der gewann 2017 immerhin die Junioren-Konkurrenz der Australian Open und war Nummer drei der Junioren-Weltrangliste. 2018 gewann er ein Future-Event. Ungarische Kollegen halten ihn für ein hoffnungsvolles Talent und die Begegnung gegen Kohlschreiber als wichtigen Gradmesser. Im Teamwettbewerb besiegte er immerhin schon Jiri Vesely.

Der Routinier Kohlschreiber setzte nicht nur deshalb für den Donnerstagnachmittag ein Videostudium mit Kohlmann an. Alles andere als eine 2:0-Führung nach Tag eins käme allerdings einer Sensation gleich. Die Fraport Arena ist dennoch bereits an beiden Tagen ausverkauft. Spannend wird sein, wie Kohlmann entscheidet, falls Deutschland am Samstag nach dem Doppel mit Tim Pütz und Jan-Lennard Struff mit 3:0 uneinholbar führt. Ob er Zverev dann schont?

Es ist wahrscheinlich, dass er auch am Samstag auf eine Option weniger zurückgreifen kann. Peter Gojowcyzk hütet grippegeschwächt das Hotelbett. So oder so: Ein fünftes Einzel würde bei einem klaren Sieg entfallen.

Auch das dürfte aber lediglich als eine Randnotiz von diesem Wochenende in Erinnerung bleiben. Die Schlagzeilen bestimmt die Systemfrage. Und die bemerkenswert klaren Worte des 21-jährigen Spitzenspielers.