ELINA SVITOLINA (UKR) GESONS BOXING GYM, BROOKLYN, NEW YORK

Elina Svitolina im Porträt: Die Tigerin ist erwacht

Elina Svitolina gehört seit zwei Jahren zur Weltspitze. Doch der Triumph bei den WTA-Finals in Singapur war das erste richtige Ausrufezeichen der extrovertierten Kämpferin aus der Ukraine, die von jeher mit ihrer Wahrnehmung zu kämpfen hatte.

Aus der tennis MAGAZIN-Ausgabe 1-2/2019

Grand Slam-Titel bei den Juniorinnen und Junioren, Siege in Rom und Kanada 2017, Finalteilnahmen in Rom 2018, Platz drei als Karrierehoch in den Weltranglisten – und mit dem Viertelfinale bei den Grand Slams eine anscheinend unbezwingbare Hürde. Der Running Gag kursierte länger auf der Profi-Tour und nahm so richtig erst Fahrt auf, als Alexander Zverev bei den ATP-Finals in London triumphierte: Zverev und Elina Svitolina seien ein und dieselbe Person.

Was natürlich Quatsch ist. Die Statistiken zeigen dennoch, dass es einige Parallelen gibt zwischen dem Deutschen und der Ukrainerin. Svitolina, die bei den letztmalig in Singapur ausgetragenen WTA-Finals mit ihrem Finalerfolg über Sloane Stepehens, die in der Gruppenphase Angelique Kerber ausgeschaltet hatte, ihre Kritiker Lügen strafte, die sie öffentlich immer wieder anzählten.
Die 24-Jährige beklagte sich in der Vergangenheit oft über eine zu geringe Wertschätzung in der Öffentlichkeit. So müsse sie mehr und Größeres leisten als Gegnerinnen aus tennisaffinen Ländern, gab die Ukrainerin zu Protokoll. Die Rechtshänderin hat damit keineswegs unrecht. Gleichzeitig waren solche Aussagen Ausdruck einer gewissen eigenen Unzufriedenheit. Auch nachdem sie nun ihren größten Erfolg in Singapur gefeiert hatte, ließ sie via Instagram ein Bild ihres Sponsors Nike verbreiten. Die Kernaussage: „Das war für alle, die mir gesagt haben, ich sei nicht gut genug und habe es nicht verdient, hier zu sein.“

Das markante Tiger-Tatoo ziehrt ihren Oberschenkel. Über die Bedeutung schweigt Svitolina.

Svitolinas Pokerspiel ging auf

Dabei wäre sie im asiatischen Konzert der Großen beinahe gar nicht dabei gewesen. Nach ihrem Viertelfinalaus in Hongkong entschied sie sich, trotz noch nicht geglückter Qualifikation für das Saisonfinale auf das WTA-Turnier in Moskau zu verzichten. Karolina Pliskova und Kiki Bertens hätten in Moskau an Svitolina vorbeiziehen können. Bei einer gleichzeitigen Teilnahme von Simona Halep wäre die Ukrainerin als Nummer neun nur Ersatzspielerin gewesen. Das Pokerspiel von Svitolina ging auf. Ausgeruht reiste sie nach Singapur und gewann den Titel – als erste ungeschlagene Spielerin seit Serena Williams im Jahr 2013. „Das ist ein besonderer Moment für mich. Singapur wird sehr, sehr lange in meinem Herzen bleiben.“ Bis zum Triumph umgab Svitolina immer eine gewisse Unruhe, die auch 2017 bei den US Open schon zu spüren war, als tennis MAGAZIN sie exklusiv in New York traf.

Elina Svitolinas größter Karriere-Titel in Singapur.

Justine Henin gibt hilfreiche Tipps

Noch bevor die Nummer vier der Setzliste bereits im Achtelfinale scheiterte – mit 6:7, 6:1 und 4:6 an der späteren Finalistin Madison Keys. Im Interview sagte sie zwar ausgeglichen: „Über andere Spielerinnen oder Favoritinnen denke ich eigentlich nicht nach. Gerade bei den letzten Grand Slams haben wir so viele unterschiedliche Siegerinnen gesehen. Nein, ich versuche, für jedes Match bereit zu sein und jeden Tag 100 Prozent herauszuholen, gesund zu bleiben und die kommenden Herausforderungen anzunehmen.“ Weil die WTA-Tour derart ausgeglichen war und das bis zuletzt geblieben ist, zählten Experten, aber auch sie sich selbst, stets zu den Favoritinnen. Die ganz großen Erfolge blieben aber auch 2018 aus, obwohl sie mit einer Bilanz von 44:15-Siegen 2018 mit 74 Prozent die zweithöchste Gewinnquote aller Spielerinnen (Simona Halep 77 Prozent) vorzuweisen hatte. Bei den Grand Slams erreichte sie lediglich bei den Australian Open das Viertelfinale. Apropos Unruhe: Fünf Coaches betreuten die Ukrainerin seit 2013.

2016 coachte sie Justin Henin, bei der sie in Belgien an der Akademie den Feinschliff erhalten sollte. Gegenüber tennis MAGAZIN sagte sie über Henin: „Es war sehr wichtig, von ihr zu lernen und zu sehen, welche Einschätzungen sie zu meiner Spielweise hatte. Sie gab mir Tipps, woran ich noch arbeiten muss und in welchen Bereichen sie das größte Potential sieht. Sie hat mir sehr geholfen, mein Spiel klarer zu sehen. Ich weiß nun besser, wie ich zu agieren habe.“ Als Jugendliche war die heutige Fed Cup-Spielerin der Ukraine Einzelkämpferin und wurde nicht vom Verband unterstützt. „Es gab einen Sponsor, der mich bereits in jungen Jahren unterstützte. Mit 14 Jahren ging ich nach Belgien, um an der Akademie von Henin zu trainieren. Von dem Zeitpunkt an, habe ich immer außerhalb der Ukraine trainiert und hatte Coaches aus Belgien, Frankreich und anderen Ländern. Für mich war das eine wertvolle Erfahrung, denn so bekam ich verschiedene Meinungen über mein Spiel.“

Modisch präsentiert sich Elina Svitolina in der „Elle“.

Freizügige Fotos von Svitolina

Nach den US Open 2018 trennte sie sich von einem weiteren Trainer, Thierry Ascione, und stellte Nick Saviano an, der Eugenie Bouchard einst zu ihren größten Erfolgen führte. Nach einer Probewoche war auch diese Zusammenarbeit beendet. Ihr langfristiger Hittingpartner, der Brite Andrew Bettles, coacht sie seitdem. Gemeinsam bauten sie in Singapur Svitolinas Finalbilanz auf 13:2 aus. Nicht weniger beeindruckend als der sportliche Wert der Grundlinienarbeiterin mit der effizienten beidhändigen Rückhand ist ihr Glamourfaktor. Sie fühlt sich in ihrem eigenen Körper offensichtlich wohl und zeigt das nicht nur in den sozialen Medien regelmäßig. Im Jahr 2017 zog sie sich für das ukrainische „XXL-Magazin“ (fast) komplett aus.


Mit der Ukrainerin, die wegen ihres großen Bruders einst mit dem Tennis begann, verbindet man auch ihre Tattoos. Das bekannteste: ein Tiger auf dem linken Oberschenkel. Auf ihrer rechten Hand stehen zudem das Buddhismus-Symbol „Om“ und der Spruch „Carpe Diem“. „Ich war sehr emotional, als ich jung war. Ich konnte nicht ruhig bleiben“, sagt Svitolina. Was der Tiger bedeutet, wollte sie bislang nicht verraten.

Ihre eigene Statur hat sie in den vergangenen zwölf Monaten verändert. Vergleicht man Bilder von Svitolina von den WTA-Finals 2017 mit denen aus diesem Jahr, dann fällt einem auf, dass sie weitaus dünner und athletischer aussieht. Svitolina hat viel an Gewicht verloren und damit auch ein wenig an Schlagkraft eingebüßt. Die Tennisszene machte sich bereits etwas Sorgen um sie. „Sie sieht anders aus, sie hat sehr viel abgenommen. Von dem, was ich sehen kann, ist sie physisch nicht in bester Verfassung“, sagte die Serbin Aleksandra Krunic, die Ende September gegen Svitolina in der ersten Runde in Peking gewonnen hatte.

Svitolina und der Gewichtsverlust

Nach ihrem Achtelfinalaus bei den US Open sprach Svitolina über ihren stetigen Gewichtsverlust. „Ich denke, es dauert etwas länger, als ich erwartet habe, um mich daran zu gewöhnen, weil ich etwas an meinem Spielstil ändern musste. Denn so wie ich letztes Jahr gespielt habe, wusste ich, dass mein Körper mir es nicht erlaubt, das Beste zu zeigen. Ich musste darüber nachdenken, was ich anders machen kann.“ Der Triumph bei den WTA-Finals in Singapur hat gezeigt: Svitolina ist in ihren „neuen“ Körper nun reingewachsen. 2019 will sie das auch bei den Major-Turnieren beweisen. Ihren Titel bei den WTA-Finals darf sie allerdings nicht mehr in Singapur verteidigen.

Ab 2019 werden die WTA-Finals für die kommenden zehn Jahre im chinesischen Shenzhen ausgetragen. Es soll ein Rekordpreisgeld von 14 Millionen US-Dollar ausgeschüttet werden – der höchste Betrag, der jemals im Damen-Profisport ausgezahlt wurde. Zum Vergleich: Die WTA-Finals in Singapur hatten ein Preisgeld von sieben Millionen US-Dollar. Die ATP-Finals schütteten 2018 acht Millionen US-Dollar an die Teilnehmer aus.

Allerdings: Laut Sportbusiness Journal wird die neue Arena bis Oktober 2019 nicht rechtzeitig fertig. Die Premiere wird stattdessen im Shenzhen Bay Sports Center gespielt, wo seit 2014 ein ATP-Turnier ausgetragen wird. Dann will Elina Svitolina wieder dabei sein. Spätestens mit dem Erfolg in Singapur hat die extrovertierte Ukrainerin ihren Raubzug auf dem Court gestartet und damit ihrem Tigertattoo alle Ehre gemacht. Etwas, was sie im Übrigen von Alexander Zverev deutlich unterscheidet. Der Deutsche trägt, zumindest ist das der Öffentlichkeit nicht bekannt, keine Tattoos.