Novak Djokovic, Roger Federer – Wimbledon 2019

Jahrhundertfinale in Wimbledon: Der irre Showdown zwischen Djokovic und Federer

Das Finale des Jahrhunderts? Novak Djokovic schlägt Roger Federer 7:6, 1:6, 7:6, 4:6, 13:12 und gewinnt zum fünften Mal Wimbledon.

Aus der tennis MAGAZIN-Ausgabe 8/2019

Das Alter der Profis – es war eines der Themen gegen Ende des Turniers. Die Next Gen hatte sich bei den Herren schon früh verabschiedet. Kein Zverev, kein Tsitsipas, kein Khachanov, kein Shapovalov. Sie klopfen schon seit einiger Zeit an, aber sie kommen nicht mal bis zur Kellertür. Ins Halbfinale stießen mit Roger Federer (37), Rafael Nadal (33), Novak Djokovic (32) und Roberto Bautista Agut (31) vier gestandene Profis. Durchschnittsalter: 33,5 Jahre. In der Runde der letzten 16 übertrumpften erstmals in der Open Era die Alten die Jungen. Neun Spieler (dazu noch Bennoit Paire, Fernando Verdasco, Mikhail Kukushkin, Sam Querrey und Joao Sousa) waren älter als 30, nur zwei jünger als 27 – der Italiener Matteo Berrettini (23) und der Franzose Ugo Humbert (21).

Wimbledon: Beste Werbung für den Tennissport

Am Ende, als sich das Turnier zuspitzte, als es sich anschickte, zur besten Werbung zu werden, die es für den Tennissport geben kann, spielten nüchterne Fakten keine Rolle mehr. Die großen Drei im Halbfinale, die Gewinner von insgesamt 54 Majortiteln (Wimbledon 2019 inklusive) – es konnte nur zu einer Show der Superlative werden. Schon zu Beginn der 133. All England Championships hatte sich angedeutet, wie brilliant sich die Protagonisten präsentieren. Wer Zeuge war, wie stark das Top-Trio im Aorangi Park trainierte, konnte nur staunen angesichts der Präzision und Athletik. Vier Teakholz-Bänke stehen auf einem Hügel oberhalb der Trainingscourts 15 und 16. In der Regel sind sie proppenvoll mit Journalisten, Kamerateams und Spieler-Entourage, wenn die Elite Bälle schlägt. Ganz zu schweigen vom stehenden Publikum.

Aber nichts kann die Matchsituation simulieren. Nur: Wenn die Stars dann draußen sind, auf den Matchcourts, auf dem auf exakt acht Millimeter geschorenen Rasen,  dann wird es noch besser. „Boy“, textete beispielsweise der frühere englische Nationalspieler Gerry Lineker auf Twitter, „Man wird sie vermissen, wenn ihre Karrieren zuende sind. So verdammt gut.“ Gemeint waren Federer und Nadal, die im Halbfinale zum 40. Mal aufeinandertrafen. 

Es war die Ouvertüre für den finalen Showdown. Und was für eine. Für viele war der Spanier leicht favorisiert. Weil er Federer öfter bezwingen konnte als dieser ihn (24:16). Weil Federers bittere Dreisatzniederlage in Paris noch frisch war. Überhaupt: Federer wird ja immer ein Nadal-Komplex nachgesagt. Was sich als Quatsch erwies. 

Gigantenhalbfinale zwischen Federer und Nadal

Vor dem Match sagte Nadal: „Ich habe meinem Spiel einige Dinge zugefügt, weil andere verloren gingen mit dem Alter. Ich laufe weniger, also muss ich besser aufschlagen.“ Dass am Ende Federer besser servieren würde (14 zu 10 Asse), war nicht weiter erstaunlich. Dass er aber die Partie über weite Strecken von der Grundlinie diktieren würde, schon. Auf Rasen springen die Bälle flach ab. Das half Federer, wenn er von seinem Kontrahenten auf der Rückhandseite bearbeitet wurde. Zur Wahrheit gehört auch: Federer hat – im Gegensatz etwa zur Legende Pete Sampras – seine Rückhand zu einer der stärksten Waffen im Circuit entwickelt. 

„Das Match wird mir als eine meiner Lieblingspartien in Erinnerung bleiben“, sprach Federer nach dem 7:6, 1:6, 6:3, 6:4-Triumph in rund drei Stunden Spielzeit. Der 37-jährige Schweizer ahnte zu diesem Zeitpunkt allerdings schon, dass seine Mission, Wimbledon 2019 mit dem 21. Grand Slam-Titel abzuschließen, noch lange nicht zu Ende ist. „Wenn es hier vielleicht noch einen härteren Brocken gibt als Rafa, dann ist es Novak“, sagte die Nummer drei der Setzliste. Wie wahr.

Und Djokovic? Der sechs Jahre jüngere Serbe hatte das leichtere Programm auf dem Weg ins Finale. Auch wenn er nach Siegen gegen die Herren Kohlschreiber, Kudla, Hurkacz, Humbert, Goffin und den Überraschungshalbfinalisten Roberto Bautista Agut rund eine halbe Stunde länger auf dem Platz verweilt hatte – 13:03 Stunden, um genau zu sein. Bei Federer waren es 12:25 Stunden.

Djokovic: „Ich möchte Geschichte schreiben”

Vor dem Finale sagte Djokovic: „Ich habe in meiner Karriere genug erreicht, um von einem Moment auf den anderen aufzuhören. Doch ich tue es aus zwei Gründen nicht: Erstens macht es mir Spass, und zweitens möchte ich Geschichte schreiben. Ich möchte so viele Grand Slam-Titel holen wie möglich, und ich möchte auch den Weltranglistenrekord.“ Und auf das Match gegen Federer angesprochen: „Ich habe zwei epische Finals in Serie gegen ihn gespielt. Ich weiß, was ich zu erwarten habe.“

Epische Siege ist das Stichwort. All das, was sich im „Finale furioso“, wie es die Süddeutsche Zeitung treffend bezeichnete, zwischen 15 Uhr und kurz nach 20 Uhr deutscher Zeit ereignete, ist eigentlich nicht zu fassen. Die Wörter, um es zu beschreiben – Drama, Thriller, Achterbahnfahrt, Krimi –, sind alle abgedroschen.

Djokovic Federer

Was haben sich die Tennisgötter dabei gedacht, ausgerechnet im Finale die höchstmögliche Matchdauer auszuschöpfen? Als Kevin Anderson und John Isner im vergangenem Jahr ihr Halbfinale erst beim Stand von 26:24 im fünften Satz beendet hatten und das anschließende Finale zum Flop wurde, änderten die Hüter des heiligen Grals Wimbledon ihr Reglement: Bei 12:12 im entscheidenden Durchgang sollte Schluss sein und ein Tiebreak gespielt werden.

Chancen in Hülle und Fülle für Federer

Zum Match: Den ersten Satz gewinnt Djokovic im Tiebreak, obwohl Federer schon 5:3 führt, der bessere Spieler ist. Den zweiten Satz dominiert Federer – 6:1. Im dritten Durchgang wieder Tiebreak und wieder ist Djokovic besser. Federer musste zu diesem Zeitpunkt nicht einen einzigen Breakball abwehren und doch liegt er 1:2-Sätze zurück. Erst nach 2:47 Stunden – in der Endphase des vierten Satzes beim Stand von 2:5 aus Sicht von Djokovic – hatte die Nummer eins der Welt ihre erste Breakchance. 35-mal war der Ball mit irrem Tempo über das Netz gesaust. Kurz darauf verliert der „Maestro“ zum ersten Mal sein Aufschlagspiel, was nicht weiter schlimm ist, weil er sein nächstes Servicespiel gewinnt – 6:4, Satzausgleich.

Der finale Akt. Es ist ein zähes Ringen. Von Müdigkeit wenig Spuren. Das Match elektrisiert jetzt komplett. Beim Stand von 8:7 führt Federer 40:15, hat zwei Matchbälle, aber er kann sie nicht verwandeln. Bei 11:11 lässt der Schweizer zwei Breakchancen aus.  Djokovic, der Houdini des Tennis, befreit sich immer wieder. Bei 12:12 gewinnt er seinen dritten Tiebreak in diesem Match mit 7:3. Endstand 7:6, 1:6, 7:6, 4:6, 13:12 nach 4:57 Stunden.

Federer: „Ich weiß nicht, ob ich traurig oder wütend sein soll”

Nach 4:48 Stunden begann der Tiebreak. Der Rekord des längsten Wimbledonfinals war zu diesem Zeitpunkt schon geknackt. 2008 hatte Nadal den ewigen Rivalen Federer mit 9:7 im fünften Satz geschlagen und der Londoner Telegraph „the greatest final ever“ getextet. Muss die Wimbledongeschichte wieder umgeschrieben werden? „Ich will versuchen, es zu vergessen“, sprach Federer bei der Siegerehrung. Und später: „Ich weiß nicht, ob ich traurig oder wütend sein soll, solche Chancen verpasst zu haben.“ Djokovic sagte: „Es war das spektakulärste Endspiel meiner Karriere. Leider musste einer von uns verlieren.“

Djokovic

Im direkten Vergleich mit Federer führt er jetzt 26:22. Er gewann seinen 16. Grand Slam-Titel, zwei fehlen zu Nadal, vier zu Federer. Das Rendez-vous der Titanen mit der Ewigkeit geht weiter. Fortsetzung folgt: schon in wenigen Wochen in New York.