Jannik Sinner

Plötzlich im Spotlight: Jannik Sinner im Porträt

Fast 500 Plätze in einer Saison gut gemacht, als jüngster Spieler überwintert er in den Top 100: Jannik Sinner erlebte ein Wahnsinnsjahr. Für 2020 sollte man den 18-jährigen ­Italiener aus Südtirol im Auge behalten. Denn sein Spiel verspricht Großes.

Erschienen in der tennis MAGAZIN-Ausgabe 1-2/2020

Als Jannik Sinner nach seiner Turnier­reise durch die USA Ende August, kurz nach seinem 18. Geburtstag, nach Hause kam, machte er das, was man als gebürtiger Südtiroler eben so macht: Er ging hoch in die Berge: „Dort oben ist eine andere Luft, da kann ich super auftanken.“ Er ließ sich von seiner Großmutter das geliebte Wiener Schnitzel zubereiten und begleitete seinen Großvater auf langen Spaziergängen durch das Pustertal. Nach drei, vier Tagen aber hatte er genug: „Ich wusste nicht mehr, was ich dort tun sollte.“

Also ließ sich Sinner zurück auf den Trainingsplatz nach Bordighera an der ligurischen Küste bringen. Dort, knapp 700 Kilometer von seinem zuhause in den ­Dolomiten entfernt, lebt er in der Tennis-Akademie von Riccardo Piatti, den man ohne Übertreibung als einen alten Fuchs im Trainerbusiness bezeichnen kann. Der 61-Jährige arbeitete unter anderem schon mit Ivan Ljubicic, Novak Djokovic und Milos Raonic. 

Starker Schlussspurt im Jahr 2019

Sinner ging mit 13 Jahren zu Piatti. Weil er es sich in den Kopf gesetzt hatte, jetzt mal richtig Tennis spielen zu wollen. Er ist ein stiller, heimatverbundener Teenager, der weder Tablett noch ­Computer besitzt. Social Media ist nicht so sein Ding. Lieber spielt er „Fifa“ auf der PlayStation. Manchester City ist sein Lieblingsclub, aber beim Zocken kommt er besser mit Paris Saint Germain klar. Er sieht sich selbst als „ziemlich normalen Burschen“. Die innere Ruhe, die er ausstrahlt, ist bemerkenswert, weil Sinner nämlich schon jetzt als künftiger Grand Slam-Sieger gehandelt wird. 

Nach seiner Pause in den Bergen setzte Sinner zu einem Saisonendspurt an, den man von einem 18-­Jährigen in der Form schon lange nicht mehr gesehen hat. In Antwerpen rückte er bis ins erste ATP-Halbfinale seiner Karriere vor. Auf dem Weg dorthin besiegte er unter anderem Gael Monfils. Bei den Next Gen ATP Finals in Mailand, dem Treffen der besten U21-Profis der Saison, holte er sich den Titel – per Wildcard. Und direkt im Anschluss gewann er seinen dritten Challenger-Titel 2019. Raketenartig schoss er in der Weltrangliste nach oben: von Platz 553 zu ­Beginn des Jahres hoch bis auf Rang 78 – knapp 500 Ränge machte Sinner in elf Monaten gut. Er ist nun der jüngste Spieler in den Top 100.

Jannik Sinner

Logisch, dass diese rasante Entwicklung hohe ­Erwartungen weckt und Vergleiche nach sich zieht. Für die Statistik: Sinner ist der zweitjüngste Spieler, der drei Challenger in einem Jahr gewann – nur ­Richard Gasquet war 2003 noch jünger, nämlich 17. Um etwa 500 Plätze verbesserte sich auch Novak Djokovic 2004 (von 680 auf 186), als er 17 Jahre alt war. 

Spitzname: Der „Rote Baron”

Sinner ist im Spotlight angekommen. Im Tennis-Center von Sankt Ulrich bekommt man Mitte November eine Ahnung davon, was auf den Jungen bald zukommen wird. Sinner spielt hier, hundert Kilometer von seinem Elternhaus entfernt, ein Challenger-Turnier, direkt im Anschluss an die Next Gen ATP-Finals. Die Tennishalle, in die nur 500 Fans passen, ist rappelvoll, wenn er, der „Rote ­Baron“, wie ihn die italienische Tageszeitung Corriere della Sera getauft hat, aufläuft.

Der Spitzname ist seinen roten Haaren geschuldet, die er gerne länger trägt und die er stets mit einer Base-Cap zu zähmen versucht. Vor seinem ersten Match gibt Sinner eine Pressekonferenz in der angeschlossenen ­Pizzeria. Sein Manager Lawrence Frankopan hatte die zahlreichen Anfragen zu Einzel­interviews im Vorfeld abgeblockt. Zu seinen Matches kommt Sinner durch die Hintertür in die Halle – der Rummel am Haupteingang ist ihm zu groß. Auf dem Platz zeigt er sich ­davon unbeeindruckt und spielt sich ohne Satzverlust ins Endspiel. 

Am Finaltag legt heftiger Schneefall kurzzeitig alles lahm. Straßen sind gesperrt, Bäume sind umgestürzt. In der Halle gibt es einen Stromausfall. Sinner bleibt entspannt, setzt sich in die Pizzeria und blättert durch die Turnierzeitung. „Wann hat eigentlich der Seppi zum letzten Mal hier gespielt“, fragt er unvermittelt seine Tischnachbarn. Seppi, zu seinen besten Zeiten ein Top 20-­Spieler, ist wie Sinner Südtiroler. Und Seppis ­Trainer Massimo Sartori führte den damals 13-­jährigen Jannik zu dessen ­heutigem Coach ­Riccardo Piatti. 

Jannik Sinner: Der beste Skifahrer Italiens

Dann ist der Strom wieder da und Sinner gewinnt sein Heimspiel: 6:2, 6:4-Sieg gegen Sebastian Ofner. „Der Traum wird wahr“, dichten die Veranstalter in einer hastig aufgesetzten Pressemitteilung. „Es ist alles ziemlich schnell gegangen zuletzt für mich“, sagt Sinner nach seinem Titelgewinn. „Noch vor ein paar Jahren saß ich hier auf der Tribüne und habe bei Andrea Seppi zugeschaut.“ 

Noch vor wenigen Jahren war es kaum absehbar, dass Sinner einmal Südtirols ­neuer Tennisheld werden würde. Viel wahrscheinlicher war es, dass ihm die Massen an Skipisten zujubeln würden. Sinner stand mit drei Jahren auf Skiern und war als Kind einer der besten Skifahrer Italiens. Seine ­Spezialdisziplin: Riesenslalom. Tennis ­spielte er nur nebenbei mit seinem Vater. „Beim Skifahren ist es so: Wenn du in Südtirol gut bist, dann bist du auch in ganz Italien und sogar weltweit ziemlich gut. Beim Tennis ist es eigentlich komplett das Gegenteil“, erzählte Sinner einmal Tenniskommentator Matthias Stach. Zwischendurch hörte Sinner sogar komplett mit Tennis auf. 

Training mit Novak Djokovic

Erst im Alter von neun Jahren trainierte er intensiver. Er wechselte zur ­Südtiroler Trainer­instanz Heribert Mayr. Sein Großvater fuhr ihn morgens vor der Schule zum Training ins 40 Kilometer entfernte ­Brunneck. Dem Corriere della Sera erzählte Mayr jüngst die Anekdote, dass Sinner als Junge im heimischen Wohnzimmer Tennis spielte und dabei immer den Lichtschalter treffen wollte: „Er hat das so lange gemacht, bis das Licht immer wieder an und aus ging.“  

In dieser Zeit reifte bei Sinner der Entschluss, „mich mehr auf Tennis zu konzen­trieren, weil der Wettkampf länger als anderthalb Minuten wie beim Skifahren dauert – das hat mich gereizt“. Als er schließlich bei Riccardo Piatti landete, „bekam ich brutal viel Spaß beim Tennis“.

In Bordighera trainierte er anfangs bis zu sieben Stunden täglich. Borna Coric und manchmal auch Novak Djokovic gehörten zu seinen prominenten Trainingspartnern. „Ich bekomme dort alles, was ich zum Wachsen als Spieler benötige“, sagte er einmal. Vor ­allem sein Spiel fügte sich ineinander. 

Trainer von Sinner: „Er hat die Schläge, aber vor allem hat er den Kopf”

Bei den Next Gen ATP Finals ließ es sich gut beobachten, wie komplett Sinner als 18-Jähriger schon ist. Schwächen hat er eigentlich keine. Er spielt ultra-aggressiv, nimmt die Bälle früh, rückt vor, sucht den Abschluss. In Kombination mit seiner Ruhe, die er selbst in engen Situationen bewahrt, mutet er als Spieler nicht wie ein Halbwüchsiger an. Eher wie ein erfahrener Haudegen.  Sein Coach Piatti sagt über ihn: „Er hat die Schläge, aber vor allem hat er den Kopf. Ich habe noch nie mit einem 18-Jährigen ­gearbeitet, der so stark wie Jannik ist.“  

Folgt 2020 nun der ganz große Durchbruch? Jannik Sinner hofft, dass er in der nächsten Saison auf die „Big 3“ trifft. „Gegen Federer und Djokovic würde ich am ­liebsten auf Hartplatz spielen. Gegen Nadal auf Sand. Denn wenn ich dort gegen sie gewinne, bedeutet das, dass ich ziemlich gut bin.“

Mitarbeit Florian Herr